Management Mittelständler investieren trotz Flaute in Indien

Treffpunkt am Abend: Der Strand von Mumbai

Treffpunkt am Abend: Der Strand von Mumbai© Laetitia Seybold

Eine Supermacht schwächelt: Die indische Wirtschaft wächst kaum noch, Reformen stocken, die Konzerne wenden sich enttäuscht ab. Und was macht der deutsche Mittelstand? Er investiert.

 

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Der lange Flug, die staubige Landluft – egal. Dieser Termin ist wichtig, den will der Chef unbedingt selbst wahrnehmen. Udo Ungeheuer, Vorstandschef des Mainzer Spezialglasherstellers Schott, hat nur noch ein paar Tage bis zur Rente, aber die Eröffnung der neuen Fabrik in Jambusar im indischen Bundesstaat Gujarat, die lässt er sich nicht nehmen. Schließlich ist Indien für Schott nicht irgendein Markt.

Kaum hat Ungeheuer die neue Produktionshalle betreten, findet er sich in einer anderen Welt wieder. Von Staub und Smog der Straßen ist nichts mehr zu sehen und nichts mehr zu riechen, der Klang knatternder Motoren ist dem Klacken und Zischen von Maschinen gewichen.

Fabrikchef Kairus Dadachanji führt stolz durch die Halle, erklärt die Produktionsstraße, die so auch in Deutschland stehen könnte. „Was Sie hier sehen, ist die erste vollautomatische Produktion dieser Art in Indien. Wir setzen damit Qualitätsmaßstäbe auf dem hiesigen Markt“, sagt Dadachanji, der Geschäftsführer des Joint Ventures Schott Kaisha ist. Die vielen Maschinen spucken am Ende kleine Ampullen und Fläschchen aus, in die die Pharmaindustrie anschließend Medikamente abfüllt.

Schott beliefert in Indien fast alle Pharmafirmen von Weltrang, darunter E. Merck, Pfizer und Novartis. Das indische Geschäft wuchs zuletzt um 25 Prozent pro Jahr. „Unsere indischen Kunden exportieren ihre Medikamente auch in die USA oder nach Europa und wollen entsprechende Qualität von uns haben“, sagt Ungeheuer. Rund 20 Millionen Euro hat Schott Kaisha deshalb in das neue Werk investiert.

Indische Wirtschaft wächst nur minimal

Erfolgsmeldungen wie diese hat die indische Volkswirtschaft dringend nötig. Seit einem Jahr kommen kaum noch gute Nachrichten aus dem Land, zuletzt machte sogar ein Negativrekord Schlagzeilen: Das Wirtschaftswachstum im Ende März abgelaufenen Haushaltsjahr war so schwach wie seit zehn Jahren nicht mehr. Das Plus von 5 Prozent ist nicht nur weit entfernt von den teils zweistelligen Wachstumsraten der Vergangenheit. Es reicht auch nicht aus, um genügend neue Jobs für die schnell wachsende Bevölkerung zu schaffen.

Hinzu kommen eine hohe Inflation und das wachsende Staatsdefizit. Der Ausbau der Infrastruktur und die von Ökonomen angemahnte wirtschaftliche Öffnung des Landes stocken. Viele internationale Konzerne wenden sich von Indien ab, selbst indische Großunternehmen investieren ihr Geld lieber woanders.

Eine ganz besondere Investorengruppe aus Europa lässt sich von alldem aber nicht schrecken. Der auch auf dem Subkontinent geschätzte „German Mittelstand“ glaubt weiter an Indien. Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht irgendeine Wirtschaftsdelegation das Land bereist. „Wir helfen jedes Jahr bei der Gründung von rund 30 Firmen in Indien, und fast alle davon sind Mittelständler“, sagt Bernhard Steinrücke, Chef der Deutsch-Indischen Handelskammer. „Einen Rückgang gibt es nicht.“

Milliarden für die Infrastruktur

Den Grund dafür sieht er in der langfristigen Orientierung der deutschen Familienunternehmen. Denn auf lange Sicht gehöre Indien weiterhin zu den Topmärkten der Welt. Der Boom der vergangenen Jahre hat eine konsumfreudige Oberschicht entstehen lassen, die weiter wachsen wird. Die Besserverdienenden machen prozentual zwar bislang nur einen kleinen Teil der Bevölkerung aus, in absoluten Zahlen sind es aber viele Millionen potenzieller Kunden. „Wer eine längerfristige Strategie hat, steigt besser jetzt ein“, sagt Steinrücke. „Der Arbeitsmarkt ist angesichts des leicht gebremsten Wachstums etwas flexibler, und die einzelnen Bundesstaaten bemühen sich mehr um die Firmen, die sich dort ansiedeln wollen.“

Eine Autokolonne kämpft sich durch die verstopften Straßen der Business-Metropole Bangalore. Die deutschen Familienunternehmer bleiben 31 Stunden in der Stadt, es geht von Termin zu Termin. Auch Alexander Naue schüttelt viele Hände, tauscht Visitenkarten aus. Seine Firma, die Naue GmbH, stellt mit 450 Mitarbeitern Spezialkunststoffe für den Straßen-, Schienen- oder Kanalbau her.

Als Kunden muss der Unternehmer Investoren und Planer von Großprojekten gewinnen – das ist in Indien meist der Staat. Und der wird in den nächsten Jahren Hunderte Milliarden Dollar in die Infrastruktur pumpen, in moderne Verkehrswege sowie neue Flug- und Seehäfen. Heute hat Naue einen einflussreichen Beamten im Bauministerium kennengelernt. „Allein dafür hat es sich gelohnt“, sagt der Unternehmer, der sich gleichwohl nichts vormacht: „Hier braucht man einen langen Atem.“

Die Probleme der indischen Wirtschaft sind zum großen Teil hausgemacht. Vergangenes Jahr fiel für mehr als 500 Millionen Menschen, knapp die Hälfte der Bevölkerung, fast zwei Tage lang der Strom aus. Trotzdem sind keine großen Kraftwerks- oder Stromleitungsprojekte in Sicht – geschweige denn im Bau. Das liegt vor allem an der Politik, die Investoren immer wieder verunsichert. Dazu gehört auch der öffentlich geführte Streit zwischen Regierung und Opposition darüber, ob ausländische Einzelhandelskonzerne wie Walmart künftig in Indien investieren dürfen.

Nach jahrelangem Hin und Her hat die Regierung um Premierminister Manmohan Singh zwar Ende 2012 ein entsprechendes Gesetz durch das Parlament gepaukt. Aber bis heute hält sich die Branche aus Indien lieber heraus. Selbst Konzernen wie Ikea werden Steine in den Weg gelegt: Die zuständige Behörde strich rund den halben Katalog des Möbelriesen zusammen; sie verbot gar, Restaurants in den geplanten Filialen einzurichten. Das macht Konzerne skeptisch – schreckt den Mittelstand aber nicht ab.

Langfristig gute Chancen in Indien

„In Indien nicht dabei zu sein ist keine Lösung“, sagt Isabelle-Jasmin Roth über die Stimmung der deutschen Firmen im Land. Die Indien-Chefin der inhabergeführten Münchener Kommunikationsagentur Avantgarde glaubt, dass der Subkontinent mit der nach China zweitgrößten Bevölkerungsdichte der Welt einfach zu viele Chancen biete, um sich von den administrativen Hürden abhalten zu lassen. Eine gute Vorbereitung, sagt Roth, sei in Indien eben noch wichtiger als in anderen Emerging Markets. Wer nach einem Jahr bereits schwarze Zahlen schreiben will, könnte enttäuscht werden. Im Durchschnitt dauere es drei bis fünf Jahre, bis ein Unternehmen Fuß fasse, so Roth. „Dann aber sind die Wachstumsaussichten sehr gut.“

Davon profitieren auch der Bäderausstatter Hansgrohe und der Keramikhersteller Villeroy & Boch, der seinen Umsatz in Indien bis 2020 vervierfachen will. „In Indien gibt es noch nicht die breite Mittelschicht, wie wir sie aus Europa kennen“, sagt Frank Göring, Vorstandschef von Villeroy & Boch. „Jedes Unternehmen muss sich fragen: Will ich Anbieter für die breite Masse sein oder für die kleine, aber wachsende Oberschicht?“

Villeroy & Boch wählte Letztere und positioniert sich aktuell im Luxussegment. Hansgrohe dagegen bietet zwar auch hochwertige Produkte an, konzentriert sich aber auf eine stärker standardisierte, günstigere Produktpalette – ohne billig zu sein. „Deutsche Produkte stehen für Qualität“, sagt Tina Monelyon, Indien-Chefin des Beratungsunternehmens Globeone. „Dieses Image sollten sich die Unternehmen nicht verderben.“

Das sieht Schott-Chef Udo Ungeheuer ähnlich. Die Mainzer haben sich einen Partner an die Seite geholt, der die Eigenheiten des indischen Marktes kennt. Als Gründer des Schott-Kunden Kaisha arbeitete Kairus Dadachanji schon früh mit den Deutschen zusammen. 2008 wurde dann das Gemeinschaftsunternehmen gegründet, das Dadachanji heute leitet. „Zusammen haben wir die Entwicklung der Branche in Indien geprägt“, sagt Dadachanji. Und die Nachfrage für die Medizinampullen von Schott steigt weiter. In der neuen Fabrikhalle in Jambusar ist jedenfalls noch Platz für weitere Maschinen.

Lesen Sie mehr: Chancenmarkt Indien

 

 

cover_110 Aus dem impulse-Magazin 04/2013
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