Management Nach Deutschland? Ach, lieber nicht

Die Angst vor einer Fachkräfteschwemme aus Osteuropa ist unbegründet, denn ausländische Experten meiden Deutschland. Sie fühlen sich nicht willkommen. Sie haben Grund dazu.

Mohamed Arif war kein leichter Fang. Schon ihn zu finden war schwer gewesen. Envi Con hatte extra einen Kopfjäger, einen Headhunter, auf ihn angesetzt. Sechs Wochen lang wurde Arif umgarnt. Erst ein paar Abendessen und Bonuszusagen später ließ der Inder sich erweichen, kündigte seinen Job in Dubai und kam nach Nürnberg.

Was für ein Aufwand, diverse Langstreckenflüge um die halbe Welt nicht mitgerechnet. Nur um Envi Con & Plant Engineering, ein Planungsbüro für Kraftwerke und Abfallverwertungsanlagen, um eine Fachkraft zu verstärken. Tja, sagt Geschäftsführer Rainer Alzinger. Er würde lieber „Leute aus der Region einstellen“, die vor Ort verwurzelt sind und nicht für das nächstbessere Angebot weiterziehen. Aber er sucht meist vergebens. Experten, wie Envi Con sie benötigt, gibt es nicht in Nürnberg, nicht in Franken, gibt es nirgendwo in Deutschland.

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Deutschland, nein Danke
Überall im Mittelstand fehlt es an Fachkräften. Was Unternehmen tun können, um ausländische Experten anzulocken
Wer fehlt
Deutschlands Hightechfirmen brauchen 20.000 Fachleute, heißt es beim Branchenverband Bitkom, der Verein Deutscher Ingenieure verzeichnet 35.000 freie Stellen. Im Mint-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) fehlen insgesamt 65.000 Fachleute schätzt das Institut der deutschen Wirtschaft.
Wer fehlen wird
Laut Statistischem Bundesamt werden 2030 wegen sinkender Geburtenzahlen sechs Millionen Fachkräfte weniger auf dem Markt sein als heute. Die Einwohnerzahl schrumpft bis 2050 um zwölf Millionen, selbst wenn jährlich 200.000 Menschen mehr kommen als gehen.
Woher nehmen?
Wegen der restriktiven Behördenauflagen steht Deutschland als Einwanderungsland bei Fachkräften niedrig im Kurs. Um dagegenzuhalten, gibt es für die Unternehmen diverse Ansätze:
• Jobmessen Hier sind vor allem ausländische Studenten, die hier studieren, ansprechbar
• Jobportale Im Internet präsent zu sein kann sich für Arbeitgeber lohnen. Statt zu warten, ist es allerdings sinnvoller, auf internationalen Stellenbörsen selbst nach Fachkräften Ausschau zu halten.
• Headhunter Je höher eine Kraft qualifiziert sein muss, desto eher lohnt sich der Einsatz von Personalberatern. Einen Richtwert für die anfallenden Kosten nennt Delo-Geschäftsführerin Sabine Herold 15.000 bis 20.000 Euro pro Vermittlung.
• Vermittler Dienstleister wie Ferchau oder GFT Technologies vermitteln ausländische Mitarbeiter an deutsche Unternehmen.

Heute arbeiten Menschen aus 16 Nationen bei Envi Con, jeder Siebte der 240 Mitarbeiter stammt aus dem Ausland. Um Fachkräfte zu finden, sucht Envi Con längst in der ganzen Welt. Die Personalmanagerinnen durchkämmen regelmäßig internationale Stellenbörsen, besuchen Jobmessen und klopfen weltweit bei ihren Kontakten an: Habt ihr jemanden? Kennt ihr jemanden?

„Deutschland liegt beim Thema Fachkräfte immer noch im Dornröschenschlaf“

So viel Mühe geben sich nicht viele, weiß Ulrich Dietz. Als Chef von GFT Technologies vermittelt er weltweit IT-Spezialisten. Allerdings nur wenige nach Deutschland. Mangels Nachfrage, sowohl von hiesigen Firmen als auch von Fachkräften jenseits der Grenzen. „Deutschland liegt beim Thema Fachkräfte immer noch im Dornröschenschlaf“, sagt Dietz.

Und schläft besonders tief. „Deutschland steht in einem weltweiten Wettbewerb um Zuwanderer“, sagt der Arbeitsmarktexperte Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Alle Industriestaaten würde es über kurz oder lang an Fachkräften mangeln. Genau in dieser Situation werde das Einwandern immer schwieriger, kritisiert auch der frühere Deutsche-Bank-Chefökonom Norbert Walter.

Vor zehn Jahren gab es einen Vorstoß in die andere Richtung, als eine Greencard eingeführt wurde. Damit sollten vor allem, so formulierte es der Volksmund, „Computer-Inder“ ins Land gelockt werden. Das misslang. Die Nachfrage blieb überschaubar. Und wer kam, ging alsbald wieder – zermürbt durch die Bürokratie und mangelnde Zukunftsaussichten (siehe Seite 36).

Zehn Jahre später haben die Bundespolitiker aus diesem Flop wenig gelernt. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) will nur Hochqualifizierte ins Land lassen, die in einem Punktesystem gut abschneiden. Und Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) wirbt dafür, vor den Ausländern das Potential von älteren Beschäftigten, Müttern und schlecht ausgebildeten Jugendlichen besser zu nutzen.

Ein „Her mit den Ausländern!“ ist derzeit nirgendwo zu hören. Der Arbeitsmarkt wird durch die ab Mai 2011 geltende EU-weite Freizügigkeit auch für osteuropäische Fachkräfte geöffnet. Damit keimen Ängste auf, „die Polen“ oder „die Tschechen“ nähmen den Deutschen die Jobs weg.

Fatale Signale, findet Herbert Buscher vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle. Das Abschotten des Arbeitsmarkts vor Menschen aus Osteuropa habe Deutschlands Ruf als Anti-einwanderungsland verstärkt. „Wenn die Sperre im kommenden Mai fällt, werden keinesfalls scharenweise Fachleute nach Deutschland kommen“, sagt Buscher. Sie fühlen sich nicht willkommen. Und sie sind längst andernorts heimisch geworden.

Nach Polens EU-Beitritt 2004 zogen viele Polen nach Großbritannien und Irland, später nach Spanien. Heute sind Fachkräfte in Polen knapp, sagt Lars Bosse, Geschäftsführer der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer in Warschau. Sein Kollege in Prag, Bernard Bauer, berichtet: Auch in Tschechien zeichne sich ein Fachkräftemangel ab.

In Rumänien suchte AC Tech, Entwickler und Hersteller von Gussteilprototypen, schon vor Jahren nach Fertigungsmesstechnikern und Konstrukteuren. Über ein EU-Programm wollte Geschäftsführer Florian Wendt aus Polen Gießerei-Ingenieure rekrutieren. Ein einziger Rumäne kam zum Vorstellungsgespräch nach Sachsen, der polnische Industrieverband stieg nach fünf Jahren aus dem Projekt aus. „Die Polen wollten ihre Leute im Land halten“, vermutet Wendt, „und rumänische Fachleute sind lieber nach Skandinavien ausgewandert oder gleich in die USA.“

Wenn der Zufall es richten soll

Um es auf den Punkt zu bringen: Deutschland braucht Fachkräfte, aber die Fachkräfte brauchen Deutschland nicht.

Auch Fidor Gagauz weiß noch nicht genau, wie lange er noch bleibt. Der Softwareentwickler kam 2002 aus Moldawien nach Sachsen. Im IT-Systemhaus N+P sei er nicht „der Fidor aus Moldawien, sondern der Fidor aus Plauen“, sagt Personalchefin Ursula Hertwig. In Plauen hatte Gagauz sein Studium abgeschlossen und entschieden, in Deutschland zu bleiben. „Ich hatte schon in der Schule Deutsch, und dann an der Uni“, erzählt Gagauz. An den Arbeitstakt, „die strengeren Zeitvorgaben und die verbindlichen Termine“ hat sich der Moldawier gewöhnt. Mal sehen, wofür das noch gut ist.

Gagauz ist für N+P ein Glücksfall, ebenso wie der Student aus Kirgistan, der gerade ein Praktikum macht. Daraus könnte was werden. Muss aber nicht.

Die klügeren Unternehmen warten nicht auf Glück, Zufall oder auf Initiativbewerbungen, sondern ergreifen selbst die Initiative. Envi Con etwa präsentiert sich regelmäßig auf der Ausbildungsmesse Akademika, wo fast jeder zweite Besucher Ausländer ist. „Dort krallen wir die uns“, sagt Geschäftsführer Alzinger.

Dort ist auch Delo vertreten. Der Industrieklebstoffhersteller aus Windach bei München bietet Fachvorlesungen und Exkursionen für Studenten an, um Nachwuchs zu ködern. „Aber 90 Prozent der Kandidaten kommen über Headhunter“, sagt Geschäftsführerin Sabine Herold. Die kennen den Markt in ihrem Land genauer und haben einen leichteren Zugang zu den Universitäten vor Ort. Die Personalberater prüfen auch, ob die vorgelegten Dokumente echt sind. 15.000 bis 20.000 Euro kostet eine erfolgreiche Vermittlung. Lieber diese Summen zahlen, sagt Herold, als Stellen nicht besetzen zu können.

Deshalb vergibt sie an die Headhunter einen doppelten Arbeitsauftrag. Sie sollen im Ausland für die dortigen Niederlassungen neue Mitarbeiter anwerben und „nach Fachleuten für die Zentrale in Deutschland suchen“, sagt Herold. Letzteres misslingt meist. Dafür nennt Sabine Herold zwei Gründe, die beide mit der Bürokratie zu tun haben: „Das Bleiberecht bei uns ist zu strikt.“ Und die Fachkräfte dürften ihre Familien nicht nachholen.

Von den Unternehmen hofiert, von der Bürokratie zermürbt – dazwischen bewegen sich die ausländischen Fachkräfte. Und zeigen sich genervt. So geht es zumindest Eduardo Pérez Guzmán, Informatiker und Elektrotechniker aus Mexiko. Er hat kürzlich geheiratet, seine Familie lebt also in Deutschland. Die Frage ist allerdings, wie lange Pérez noch in Deutschland sein kann, trotz des Drei-Jahres-Vertrags beim Ingenieurdienstleister Ferchau Engineering. „Die Behörde wollte mir nur eine Aufenthaltserlaubnis für zwei Jahre geben“, sagt Pérez. „Ich hatte keine Ahnung, ob ich bleiben kann oder ob ich trotz des Jobs gehen muss.“ Vorerst wurde die Erlaubnis um ein Jahr verlängert, jetzt hofft Pérez auf eine unbefristete Niederlassungserlaubnis. Der 33-Jährige hat zwei Uniabschlüsse, spricht fließend Deutsch, zahlt Steuern und Abgaben. „Ich würde gern weiter hier arbeiten“, sagt Pérez.

Dass darüber nicht Arbeitgeber entscheiden, sondern Bürokraten, empfindet Stefan Eichholz als Zumutung. „Für eine Aufenthaltserlaubnis brauchen die Behörden oft Wochen“, sagt der Marketingleiter bei Ferchau. Tödlich für einen Dienstleister, der ausländische Fachkräfte an inländische Unternehmen vermittelt: „In der Zeit suchen sich die Kunden ihre Ingenieure woanders.“

Auch Ferchau muss trommeln, um von den Kandidaten überhaupt wahrgenommen zu werden. Der Gummersbacher Dienstleister präsentiert sich bei Bedarf in Zeitungsanzeigen, aber vor allem auf Jobportalen im Internet. „Wir wollen so präsent sein, dass uns ein Interessent sofort findet und nicht erst auf Seite 67 bei Google“, sagt Ferchau-Marketingleiter Eichholz.

In Nürnberg fragt sich Mohamed Arif derweil, ob er die richtige Entscheidung getroffen hat. So gut sein Englisch auch ist: Bei Envi Con wird Deutsch gesprochen. „Mein Bruder lebt in Kalifornien, der hat es mit Englisch einfacher“, erzählt Arif. „Hier ist die Dokumentation auf Deutsch, und auf der Straße geht es auch nicht ohne.“ Klingt nur bedingt so, als ob der Inder hier Wurzeln schlagen wolle.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 10/2010.

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