Management Neues Leben in den Docks

Aus dem heruntergekommenen Hafenviertel von Cardiff ist ein Vergnügungs- und Wirtschaftszentrum geworden. Wie die walisische Hauptstadt den Wandel geschafft hat.

„Down on through Bute Street to the mud of the low tide, they tear the old things down my son” – „Entlang der Bute Street, bis ins moorige Watt hinaus, reißen sie alles Alte ab, mein Sohn.” Es sind die Industrieruinen, die verfallenen Docks und die düsteren Ecken des Matrosenviertels Tiger Bay, von denen der Waliser Folksänger Martyn Joseph hier Abschied nimmt. Der Hafen von Cardiff wurde nicht mehr gebraucht, die Gegend betrat nur noch, wer es musste. Alles kündete in den 80er-Jahren vom Sterben der Industrie, von wirtschaftlicher Misere. Um sie zu überwinden, brauchte die Stadt ein neues Gesicht.

Heute heißt das Viertel Cardiff Bay und zieht als Erholungs-, Vergnügungs- und Wirtschaftszentrum jährlich rund 15 Millionen Touristen an. Die schlendern über lange Promenaden und ziehen durch die zahlreichen Cafés, Restaurants und Geschäfte. Die Docks sind einer futuristischen Architektur gewichen, Gebäuden aus Glas und Metall und extravaganten Außenfassaden. Das Visitor Centre zum Beispiel, auch Tube genannt, residiert in einem elliptischen Röhrenbau, der auf Stelzen ruht und über dem Boden zu schweben scheint.

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Nicht weit entfernt wölbt sich die Kuppel des Millennium Centres. Unter seinem Dach vereint das Kunstzentrum Oper, Theater, Ballett, Musicals und Kunstausstellungen. Vor dem Bau aus Glas und bronzefarbenem Metall mit seiner organisch geschwungenen Form steht ein 24 Meter hoher silberfarbener Turm, an dem Wasser herabfließt. Ein Blickfang ist auch das Pierhead Building, das sich mit seinem gotischen Backsteinbau von der modernen Kulisse abhebt. Der einstige Hauptsitz der Bute Company, Cardiffs ehemaliger Kohlehandelsfirma, beherbergt heute Teile des walisischen Parlaments.

Milliardenschweres Budget

Die neue Gestaltung des 1100 Hektar großen Hafengebiets entlang der Bute Street war ein entscheidender Schritt, die Stadt aus ihrer Misere zu führen. 1987 startete das Projekt, um den Strukturwandel voranzutreiben und die sterbende Industriestadt in eine lebendige Metropole zu verwandeln. Die eigens ins Leben gerufene Cardiff Bay Development Corporation bekam von der Stadt den Auftrag, die Cardiff Bay in einen öffentlichen Raum umzugestalten, neue Arbeitsplätze zu schaffen sowie das Stadtzentrum mit dem Hafengelände zu verbinden. Das Gesamtbudget aus öffentlichen und privaten Investitionen: 2,4 Milliarden Pfund. Die Umgestaltung gilt noch heute als eines der größten urbanen Bauprojekte Europas und auch weltweit sucht das Projekt seinesgleichen.

Anfang der 90er Jahre ging die Stadt einen weiteren Schritt, um die Lebensqualität in der Cardiff Bay zu verbessern. Sie baute einen 1,1 Kilometer langen Staudamm, der die komplette Hafenbucht in einen 200 Hektar großen Süßwasserstausee verwandelte und vom Meer abschnitt. Zwei Flüsse aus dem Innenland speisen den See, der heute von Wassersportlern, Fischern und Urlaubern bevölkert wird. Zusätzlich wurde die Infrastruktur durch einen Autobahnanschluss, diverse Schnellstraßen, Viadukte und Tunnel um 42 Kilometer Straßennetz ausgebaut. Im Hafen sind rund 17.000 neue Arbeitsplätze entstanden, 5000 neue Wohnungen und zusätzlich eine Nutzfläche von rund 500 Hektar.

Hohe Lebensqualität

Als wachsendes Zentrum für Finanzen und Wirtschaft steht Cardiff heute für rund 22 Prozent des walisischen Bruttoinlandsprodukts. Die Stadt ist im Dienstleistungszeitalter angekommen und ihr staubiges Image losgeworden. Für Michael Parkinson, Direktor des Europäischen Instituts für Urbanistik an der Universität Liverpool, eine beachtliche Leistung: „Cardiff hat wirtschaftlich einen langen Weg innerhalb kürzester Zeit zurückgelegt.“

Heute leben rund 320.000 Menschen unterschiedlichster ethnischer Gruppen und Religionen in Cardiff, die als Hauptstadt gleichzeitig die größte und bevölkerungsreichste Metropole der Region ist. Mit einem Anteil von rund zehn Prozent prägen die Studenten das Leben in Cardiff entscheidend mit, die Zahl junger Menschen ist überdurchschnittlich hoch.

Die hohe Lebensqualität zieht auch Touristen an, die in Cardiff neben vielen Einkaufszentren und Theatern etwa Entspannung am Strand finden. Mit 630 Millionen Pfund Umsatz im Jahr ist der Tourismus eine wichtige Einnahmequelle. Entsprechend müht sich Cardiff um ein reichhaltiges Kulturangebot, die zahlreichen Museen zeigen Werke aus den unterschiedlichsten Epochen. Und wem die Cardiff Bay auf Dauer zu modern anmutet, der findet beim Cardiff Castle und bei den Schlössern der Umgebung genügend Zeugnisse der Vergangenheit der Stadt.

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