Management Nigeria – Ein Riese erwacht

In Westafrika wächst einer der weltgrößten Märkte heran. Nigeria schwingt sich auf, das einst uneinholbare Südafrika als größte Volkswirtschaft des Kontinents abzulösen. Und lockt deshalb Unternehmer aus Deutschland an.

Morgens Kaffee und deutsche Tageszeitungen, abends das ZDF. Andreas Krüger kennt seine Gäste und ihre Gewohnheiten. Die sind ziemlich einmalig in Ikeja, einem der besseren Stadtteile in Lagos. Auf Monate ist das Hotel ausgebucht. Mit sieben Zimmern fing Krüger 2010 an, jetzt sind es 23. Er mietet nun zusätzliche Häuser in der Nachbarschaft, um alle unterzubringen. Krüger hat eine Marktlücke entdeckt: deutsche Firmen, die in Nigeria ihre ersten Schritte tun. Sparsame Familienunternehmer buchen gern bei ihm: 120 Euro inklusive Frühstück und Abholservice vom Airport sind ein Schnäppchen in dieser Stadt.

Eigentlich war es für Andreas Krüger nur ein kleines Nebengeschäft. Der Unternehmer verkauft und installiert Technologien für die westafrikanische Pharma-, Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie. Von Lagos aus expandiert seine Firma Krüger Components nach ganz Nigeria. Die Auftragsliste ist lang. „Nigeria wurde in Deutschland lange nicht als aufstrebende Wirtschaftsmacht wahrgenommen“, sagt er. „Das ändert sich gerade rasend schnell.“

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Der Koloss im Westen Afrikas schwingt sich auf, das einst uneinholbare Südafrika als größte Volkswirtschaft des Kontinents abzulösen. Acht bis neun Prozent wächst die Wirtschaft jedes Jahr, selbst ohne das einträgliche Geschäft mit dem Öl. Zehn Prozent und mehr könnten es künftig werden. „Nach den asiatischen Tigern kommt jetzt der afrikanische Löwe“, analysiert McKinsey.

Ein Land im Aufbruch. Überall werden Straßen und Schienen gebaut, Häfen erneuert, Schulen renoviert. Eine neue Generation von Politikern, Beamten und Unternehmern bekämpft die Folgen jahrzehntelanger Misswirtschaft. Die Wirtschaft berappelt sich auch jenseits des Ölsektors. Endlich.

„Hongkong von Afrika“

Nigeria, das war immer eins dieser ewigen Versprechen. Das Land ist mit Rohstoffen gesegnet, könnte längst viel weiter sein. Doch korrupte Eliten vertaten alle Chancen. Heute noch muss das Ölland Benzin teuer importieren, weil es kaum Raffinerien im Land gibt. Jetzt aber, mehr als ein Jahrzehnt nachdem die Generäle die Macht an die gewählte Regierung abgaben, greifen die ersten Reformen. Das ewige Versprechen wird vor aller Augen eingelöst.

So groß wie Manhattan, ökologisch korrekt, ein Meisterstück moderner Stadtplanung und das größte Bauprojekt in der Geschichte Nigerias – zu besichtigen vor der Küste von Lagos. Eko Atlantic, das neue Wirtschaftszentrum Westafrikas, entsteht auf einer aufgeschütteten Insel im Meer. 250.000 Menschen sollen hier ab 2015 leben und arbeiten. Das „Hongkong von Afrika“ ist eine zwei Millionen Quadratmeter große Wette auf die Zukunft. Und das soll erst der Anfang sein.

Nigeria, das war immer eins dieser ewigen Versprechen. Das Land ist mit Rohstoffen gesegnet, könnte längst viel weiter sein. Doch korrupte Eliten vertaten alle Chancen. Heute noch muss das Ölland Benzin teuer importieren, weil es kaum Raffinerien im Land gibt. Jetzt aber, mehr als ein Jahrzehnt nachdem die Generäle die Macht an die gewählte Regierung abgaben, greifen die ersten Reformen. Das ewige Versprechen wird vor aller Augen eingelöst.

So groß wie Manhattan, ökologisch korrekt, ein Meisterstück moderner Stadtplanung und das größte Bauprojekt in der Geschichte Nigerias – zu besichtigen vor der Küste von Lagos. Eko Atlantic, das neue Wirtschaftszentrum Westafrikas, entsteht auf einer aufgeschütteten Insel im Meer. 250.000 Menschen sollen hier ab 2015 leben und arbeiten. Das „Hongkong von Afrika“ ist eine zwei Millionen Quadratmeter große Wette auf die Zukunft. Und das soll erst der Anfang sein.

„Das eigentliche Potenzial des Landes steckt nicht im Öl, sondern in den Menschen“, glaubt Jan-Peter Stölken. Der Unternehmer ist mit seiner Apeiron Group für Medizintechnologie in Nigeria auf Wachstumskurs. „Es gibt so viel Energie da draußen, die nur darauf wartet, freigelassen zu werden.“

160 Millionen Menschen leben in Nigeria. Heute schon zählen 30 Millionen zur zahlungskräftigen Mittelschicht. Nigeria wird schon bald mehr Einwohner haben als die USA. Ein paar Jahre weiter, und es ist nach China und Indien das bevölkerungsreichste Land der Erde.

Dieses Potenzial lockt Unternehmer aus aller Welt ins Land. „Wer in Nigeria Geschäfte machen will, muss künftig vor Ort präsent sein“, sagt Vijay Mahajan, Wirtschaftsprofessor an der University of Texas und Autor zahlreicher Afrika-Studien. Die internationalen Investitionen fließen immer schneller. In der Vergangenheit kamen die von überall her, aber kaum aus Deutschland. Zwar gibt es regen Handel, doch im Land selbst traten die Exportkönige aus Germany bisher kaum in Erscheinung, trotz einiger erfolgreicher Vorbilder.

Julius Berger, die nigerianische Tochter von Bilfinger Berger, hat Tausende Mitarbeiter im Land und ist an der Börse von Lagos notiert. Mittelständler und Handelshäuser wie C. Woermann oder Jos. Hansen haben ebenfalls Dependancen in Nigeria. Sie verkaufen Maschinen und Autoteile, Chemie- und Pharmaprodukte. Das waren lange Ausnahmen, Korruption und Sorgen um die Sicherheit schreckten ab. Bis heute gibt es nicht einmal eine richtige Außenhandelskammer. Ein einziger „Delegierter der deutschen Wirtschaft“ vertritt den Export-Vizeweltmeister.

Der spürt die Trendwende jeden Tag. „Das Interesse aus Deutschland steigt“, erzählt André Rönne. Er vernetzt deutsche Unternehmer mit nigerianischen Partnern. Seine Mitarbeiter klären auch, ob offiziell aussehende Ausschreibungen aus dem Internet echt oder gefälscht sind – mit solchen Stolperfallen muss man weiterhin rechnen. Nigeria ist nicht Norwegen.

Erst im November entließ Nigerias Präsident die Chefin der Antikorruptionsbehörde – wegen Erfolglosigkeit. Im Länderranking von Transparency International steht Nigeria nur auf Platz 134 von 178 Staaten. „Man teilt uns ohne Umschweife mit, dass man sich für die Ware aus China entscheiden wird, wenn wir nicht zahlen“, berichtet ein deutscher Handelsvertreter. Immerhin: So schlimm wie in Russland, Platz 154, ist es nicht. Wolfgang Göhde, der mit seiner Pharmafirma Partec Geräte zur HIV-Diagnose nach Nigeria liefert, sagt: „Wir haben nie Schmiergelder zahlen müssen. Die Gesundheitsbehörden arbeiten korrekt.“

Göhde hat auch keine Angst. In Lagos und Abuja, der politischen Hauptstadt in der Mitte des Landes, bewegen sich die meisten Unternehmer wie in jeder anderen Metropole der Welt: mit Auto und Fahrer. Andere Regionen sind gefährlicher. In den Städten Damaturu und Maiduguri kam es im November zu Anschlägen. Das Auswärtige Amt warnt deshalb vor Reisen in den Nordosten. In den berüchtigten Ölfördergebieten im Niger-Delta, wo es immer wieder zu Entführungen von Ausländern kam, hat sich die Lage zwar beruhigt. Trotzdem sind Personenschutz und Panzerwagen weiterhin Pflicht.

Vor 15 Jahren gab es in Nigeria kaum Telefone, heute ist der Handyempfang flächendeckend. Hochgeschwindigkeitskabel verbinden Nigeria mit Europa und ermöglichen schnelle Internetverbindungen. Schon wächst eine IT-Industrie heran, die das teils hohe Bildungsniveau der Englisch sprechenden Bevölkerung schätzt. Das passt in die Strategie von Goodluck Jonathan. Der 2011 vom Volk im Amt bestätigte Präsident will das Land vom Öl unabhängiger machen und die Wirtschaft diversifizieren.

Der Nachholbedarf ist immens. Keine Branche, die nicht moderne Maschinen und Anlagen braucht. So leidet das Land an akutem Strommangel. Der Energiesektor ist fast schon traditionell in katastrophalem Zustand. Witze darüber sind Teil des nationalen Humors: Der staatliche Energieriese PHCN heißt im Volksmund nicht Power Holding Company of Nigeria, sondern Please Hold Candle Near – in Anspielung auf die vielen Ausfälle. Zu viel Strom kommt statt aus dem Netz aus Dieselgeneratoren, was teuer und schmutzig ist.

„Hier sind vor allem Investitionsgüter gefragt“, sagt Marc-Peter Zander. Er denkt dabei vor allem an jene „Made in Germany“. Sieben Jahre hat Zander in Lagos gearbeitet, bevor er die Konzernkarriere aufgab und sein Startup Xcom Africa gründete. Nun hilft er deutschen Firmen beim Markteintritt. „Es wird Zeit“, trommelt er. „Die Chinesen bauen die Straßen, auf denen wir unsere Hightechmaschinen anliefern können.“ Tatsächlich hat China das afrikanische Land längst entdeckt. Den Deutschen bleibt nur, auf die Welle aufzuspringen. Wenn sie sich denn trauen, stehen die Chancen gut, meint Zander. Das Image sei bestens. „Deutsche Firmen rennen offene Türen ein.“

Wenn Zander das Klischee vom verlorenen Kontinent widerlegen will, zeigt er Gästen Lagos. Überall entstehen neue Schnellstraßen, werden Wasserleitungen verlegt und Müllberge in Parks verwandelt. Gouverneur Babatunde Fashola verbringt seit 2007 kleine Wunder. Er will die 18-Millionen-Stadt in eine afrikanische Modellmetropole verwandeln, die ihren Bürgern funktionierende Busse und bald vielleicht Bahnen und Sicherheit bietet. Von seinen Beamten verlangt er Effizienz und Ergebnisse, zugleich bekämpft er Korruption und Kriminalität. Die Zahl der bewaffneten Raubüberfälle ist um fast 90 Prozent zurückgegangen, die Mordrate hat sich mehr als halbiert. Die Stadt wacht auf, überall öffnen Bars und Cafés, Hotels und Restaurants, die Kulturszene boomt. Zwar ist die Metropole viel zu groß, um sich über Nacht zu wandeln, aber mit jeder Tonne Zement, die in Lagos vergossen wird, steigt die Lebensqualität und verbessern sich die Bedingungen für Firmen.

Damit das auch in Deutschland bemerkt wird, flog Angela Merkel im Sommer zu Goodluck Jonathan. Die beiden Regierungschefs sprachen über die Energiepartnerschaft zwischen beiden Ländern. Die existiert bereits seit Jahren, allerdings nur auf dem Papier.

Unternehmertypen wie Krüger warten nicht, bis die Politik so weit ist. Als der Norddeutsche in Lagos anfing, lernte er schnell, worauf es ankommt: „Man muss den Leuten die Hand schütteln, nicht nur E-Mails schreiben“, erzählt er. „Der persönliche Kontakt, sich in die Augen zu schauen, zählt hier mehr als anderswo.“ Seine Technologiefirma läuft, das Hotel für die Deutschen auch. In Gedanken ist er schon bei der nächsten Geschäftsidee für Nigeria. „Ich bräuchte sieben Leben, um all das Potenzial auszuschöpfen, das ich hier sehe.“

Afrikas Top Ten
Wer bietet das beste Umfeld für Mittelständler? Der Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft hat aus volkswirtschaftlichen Analysen und einer Befragung von Experten eine Rangliste der zehn wichtigsten Märkte erstellt. impulse präsentiert – exklusiv – die Ergebnisse

1

Südafrika

Seit 2011 ist das Land auch offiziell Mitglied im Bric-Klub, der nun Brics heißt. 600 deutsche Firmen sind auf dem weit entwickelten Markt aktiv.

2

Nigeria

Das bevölkerungsreichste Land des Kontinents ist auf dem Weg zur größten Volkswirtschaft. Wächst vor allem jenseits des Öl- und Gasgeschäfts.

3

Ägypten

So weit industrialisiert ist sonst nur Südafrika. Abkehr von staatlicher Wirtschaftsplanung und Demokratisierung setzen weiteres Potenzial frei.

4

Angola

Afrika für Abenteurer: Der Wilde Westen des Kontinents verfügt über enorme Ölreserven. Luanda ist eine der teuersten Hauptstädte der Welt.

5

Namibia

Ein ausgebautes Straßennetz plus eine gute Regierungsführung machen es hier leicht, Geschäfte zu machen. Es gibt sogar eine deutsche Tageszeitung.

6

Tunesien

Hier begann der Arabische Frühling. Das traf die Wirtschaft zunächst hart. Dank guter Rahmenbedingungen für Investoren geht es nun aufwärts.

7

Botsuana

Die „Schweiz Afrikas“ ist das Erfolgsmodell des Kontinents. Die Erlöse aus den Diamantenminen fließen in den Bau von Straßen und Schulen.

8

Mauritius

Der Inselstaat und Wirtschaftszwerg liegt günstig für die Schifffahrt zwischen Afrika, Asien und Australien und entwickelt sich so zum Knotenpunkt.

9

Algerien

Die Regierung investiert die Öleinnahmen in die Infrastruktur. Bis 2014 sollen 150 Mrd. Dollar für Straßen-, Schienen- und Wohnungsbau fließen.

10

Ghana

Mehr als nur Kakao: Seit 2010 verbindet ein Glasfaserkabel das Land mit Europa, die verbesserte Kommunikation fördert den Aufschwung.
Handbuch für Nigeria
Welche Branchen boomen? Welche Messen lohnen sich? Wer hilft beim Markteintritt? Wie finde ich passende Geschäftspartner? Und wer organisiert Unternehmerreisen? impulse beantwortet die wichtigsten Fragen
Organisationen und Netzwerke Das Büro des Delegierten der deutschen Wirtschaft vermittelt Kontakte zu deutschen Firmen in Nigeria und nigerianischen Geschäftspartnern. www.nigeria.ahk.de Beim Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft beobachten Länderexperten die wirtschaftliche Entwicklung Nigerias, analysieren Ausschreibungen und geben Tipps. www.afrikaverein.de Im Verzeichnis der Nigerian-German Business Association (NGBA) finden sich mehr als 300 Mitglieder. www.ngba-africa.org Die nigerianische Regierung unterstützt mit ihrer Investmentagentur NIPC internationale Unternehmen.
Branchen Der Staat steckt viel Geld in die Modernisierung der Infrastruktur wie den Ausbau von Kraftwerken und die Erneuerung des Erdölsektors. Chancen ergeben sich für den Maschinenbau, die Automobil- und Chemieindustrie sowie in der Bauwirtschaft. Auch der Agrarsektor verspricht gute Geschäfte. „In der Landwirtschaft steckt enormes Wachstumspotenzial“, sagt Frank Baehr. Der Geschäftsführer des Hamburger Unternehmens IBN Agrotrading hat sich bereits an einer Getreidemühle in Lagos beteiligt. Einen Überblick gibt Germany Trade and Invest. www.gtai.de
Rechtssicherheit Der Staat setzt Regeln durch. „Verträge werden auf internationalem Rechtsniveau abgeschlossen“, sagt Marcus Felsner von Rödl & Partner. „Wer aber etwas vor einem nigerianischen Gericht durchfechten will, braucht starke Nerven.“ Schiedsverfahren bei Streitigkeiten zwischen Firmen sind teuer, aufwendig und nicht zu empfehlen.
Visa Es kann mehrere Wochen dauern, bis die nötigen Papiere beisammen sind. Das gilt für deutsche Unternehmer, die nach Nigeria reisen wollen, und Afrikaner, die nach Deutschland möchten. Politiker beider Länder versprechen Verbesserungen. www.nigeriaembassygermany.org
Zahlungsverkehr Viele deutsche Exporteure bestehen auf Vorkasse und machen damit gute Erfahrungen. Oder die Rechnungssumme wird bei einer Bank deponiert und nach der Lieferung ausgezahlt. Konten können in Dollar, Euro und Naira geführt werden. Deutsche Bank und Commerzbank haben bereits Filialen im Land.
Messen und Kongresse Vom 24. bis 26. Januar versammelt sich die Energiebranche in Abuja zum „Offshore West Africa“-Kongress. www.offshorewestafrica.com Am 1. Februar geht es in Frankfurt am Main um „Risk in Africa – Managing Political, Business & Security Risk“. www.riskinafrica.de Vom 17. bis 18. April trifft sich in Lagos die Bauindustrie auf der „Nigeria International Infrastructure & Construction Exhibition“. www.cwcnic.com Vom 22. bis 25. April findet das „Deutsch-Afrikanische Energieforum“ in Hamburg und Hannover statt. www.energyafrica.de Vom 8. bis 10. Mai: „West African International Trade Exhibition“ in Lagos. www.exhibitionsafrica.com
Förderung und Reisen Die Bundesländer bieten mit ihren Exportagenturen wie Bayern International Delegationsreisen für Mittelständler, unterstützen Messeauftritte und fördern Internationalisierung, teils auch finanziell. Im November reisten niedersächsische Unternehmer nach Nigeria. www.nglobal.de (Niedersachsen), www.bw-i.de (Baden-Württemberg), www.bayern-international.de

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