Management Nur ein Feigenblatt?

Nachhaltigkeitsberichte standen immer schon im Verdacht, Firmen nur in einem besonders guten Licht darstellen zu wollen. Inzwischen gibt es unzählige Rahmenwerke, nach denen sich die Unternehmen richten können. Mehr ist aber nicht unbedingt besser, meinen Experten.

„Tue Gutes und rede darüber“ – so lautet die Grundregel für Nachhaltigkeitsberichte. Vor allem Umweltschützer reagieren im ersten Reflex skeptisch, wenn sie die „grünen“ Berichte der Firmen in die Finger bekommen. „Die Berichterstattung ist wichtig, aber zur Grünfärberei verkommen“, schimpft etwa Karsten Smid von Greenpeace. „Der Begriff der Nachhaltigkeit ist bis zur Unkenntlichkeit verwässert worden.“

Die Berichte umfassen inzwischen Arbeitsschutzstandards genauso wie Klimaschutzziele oder eine Kontrolle gegen Korruption. Es gibt unzählige Initiativen und Richtlinien, auf die sich Unternehmen stützen können. Die Vereinten Nationen geben mit ihrer Global-Compact-Plattform Rahmenbedingungen vor, genau wie die Global Reporting Initiative (GRI) oder das Carbon Disclosure Project.

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Einfacher machen die Rahmenwerke die Berichterstattung nicht. Das höchste Niveau der Global Reporting Initiative beinhaltet mehr als 100 Einzelfaktoren. Die Initiative arbeitet gerade an einer Vereinfachung. Im Mai soll das neue Rahmenwerk vorgestellt werden. Ziel sei es, die Berichterstattung wegzubewegen vom unnötigen und beschwerlichen abhaken von Einzelpunkten, sagte ein GRI-Sprecher.

„Teils sind die Berichte zu umfangreich“, sagt Michael Werner, Leiter des Bereiches Nachhaltigkeit der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC). Statt mehrere Hundert Seiten lange Berichte zu schreiben, sollten sich die Firmen auf wesentliche Faktoren konzentrieren. „Wesentlich ist, was mit dem Geschäftsmodell zu tun hat. Was macht ein Unternehmen und was sind die Auswirkungen auf die Gesellschaft“, sagt Werner: „Der CO2-Ausstoß ist inzwischen fast eine Art Hygienefaktor.“

Viele Firmen versuchen sich deshalb auf für sie relevante Maßzahlen zu konzentrieren. Der Energiekonzern EnBW prüfe regelmäßig die Breite und Tiefe der von abgebildeten Informationen, sagte ein Sprecher. Neben dem CO2-Ausstoß misst die EnBW unter anderem die Eigenerzeugung von Strom aus Erneuerbaren Energien. Der Softwarekonzern SAP bildet Mitarbeiter- und Kundenzufriedenheit ab. Hochmotivierte Softwareentwickler und gute Kundenbeziehungen sind das wichtigste Kapital der Walldorfer.

Breite Kontrollmechanismen fehlen

Dass mit vielerlei Maß gemessen wird, erschwert jedoch die Vergleichbarkeit der Berichte: „In der Ökonomie haben wir es geschafft uns auf Kennzahlen zu einigen“, sagt Werner. „Das steht in Ökologie und im sozialen Bereich noch aus.“

Breite Kontrollmechanismen fehlen noch. Der Autokonzern Daimler lässt sich von einem Gremium beraten, in dem unter anderem Klimaexperten wie Ernst Ulrich von Weizsäcker und ein Vorstandsmitglied von UN Global Compact und sitzen.

Karsten Smid von Greenpeace hält das Carbon Disclosure Project für ein gutes Vorbild. Die im Jahr 2000 gestartete Initiative erhebt einmal im Jahr auf standardisierten Fragebögen CO2-Emissionen, Klimarisiken und Umweltziele. Mehr als 700 institutionelle Investoren unterstützen das Projekt inzwischen.

Wettbewerbsfaktor für Unternehmen

„Dort sehen wir was machbar und möglich ist“, sagt Smid. Das Problem sei aber nach wie vor, dass die Firmen nicht überprüft werden. „Teilweise wird systematisch falsch berichtet.“ Greenpeace hat sich erst im März nach zwei Jahre währendem Streit mit dem Autohersteller Volkswagen über dessen CO2-Berichterstattung zu einer gemeinsamen Erklärung über Grenzwerte durchgerungen. Bindende Gesetze will der Greenpeace-Experte dennoch nicht fordern: „Ich halte nicht soviel von Gesetzen, eher von Offenheit und Transparenz.“

Das leisten die Berichte wenigstens im Ansatz: BASF beispielsweise räumte im Februar ein, der Chemiekonzern habe seine Treibhausgasemissionen 2012 weniger senken können als im Vorjahr, auch die Energieeffizienz wurde weniger stark gesteigert.

Michael Werner von PwC glaubt, dass am Ende der wirtschaftliche Nutzen zu einer Selbstregulierung führen wird. „Die Unternehmen verstehen die Berichte zunehmend als Wettbewerbsfaktor.“ SAP rechnet in seinem jüngsten Nachhaltigkeitsbericht die Ersparnisse durch Umweltschutz vor: Indem der Softwarekonzern seinen CO2-Ausstoß seit 2008 um 80 Prozent gesenkt hat, sparte er 220 Millionen Euro – unter anderem an Heizkosten.

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