Management Nützliche Vielfalt

Stefan Dräger vertritt die fünfte Generation der ­Lübecker Unternehmerfamilie.

Stefan Dräger vertritt die fünfte Generation der ­Lübecker Unternehmerfamilie.© Dirk Eisermann

Beim impulse-Netzwerktreffen erklärt Stefan Dräger, wie es dem Lübecker Medizin- und Sicherheitstechnikkonzern gelingt, mit zwei grundverschiedenen Sparten zugleich Erfolg zu haben.

Rote Warnlichter flackern, die Geräte pumpen, sie piepen, immer hektischer, Dutzende durcheinander, ein riesiger, schräger Chor aus Alarm­geräuschen. Wäre das hier ein echtes Krankenhaus, würden jetzt Ärzte und Schwestern herbeistürzen. Aber da steht nur Dräger-Mitarbeiter Heiko Schaffrath und sagt: „Sie legen besser die Mäntel ab.“ Es werde schnell heiß.

Die Gäste des neunten impulse-Netzwerk­treffens drängen sich im Herzstück der Medizingeräteproduktion, der letzten Hürde für alle Anästhesiegeräte, bevor sie verpackt, verschickt und dann in Krankenhäusern von Chile bis Indonesien zur Narkose eingesetzt werden. Jedes fertige Gerät muss durch diesen 24 Stunden langen Belastungstest und zeigen, dass es bei simulierten Notfällen korrekt Alarm schlägt und selbst bei tropischen Temperaturen ohne jeden Fehler funktioniert. Die Akribie hat ihren Grund: Von einem Teil, das bei Dräger die Fertigung verlässt, hängen Menschenleben ab.

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Das Lübecker Traditionsunternehmen für Medizin- und Sicherheitstechnik ist zum Weltkonzern gewachsen, mit mehr als 2,3 Milliarden Euro Umsatz, 12 000 Mitarbeitern und ­einer jährlichen Wachstumsrate von acht Prozent. Und trotzdem ist es noch immer ein Familienunternehmen durch und durch, in fünfter Generation geführt von der Gründerfamilie. An diesem Mittag sind 30 Unternehmer, vom Holzhändler bis zum Chef einer Schwimmbadtechnikfirma auf impulse-Einladung in den Dräger-Hauptsitz nach Lübeck gekommen, um mehr über das Erfolgsgeheimnis zu erfahren. Sie wollen wissen, wie es gelingt, rasantes Wachstum und straffe Kontrolle durch die Familie zusammenzubringen, und wie man es schafft, mit derart unterschiedlichen Produkten Erfolg zu haben. Denn auf den ersten Blick besteht ­Dräger aus zwei getrennten Unternehmen: Die Medizinsparte entwickelt filigrane Hightech-Systeme für Operationssäle, die Sicherheitssparte produziert robuste Schutzbrillen für Industriearbeiter und Atemgeräte für Feuerwehrmänner. „Das ist ein Punkt, an dem wir bis heute knabbern: Wie drücken wir eigentlich aus, was wir sind“, sagt Vorstandschef Stefan Dräger in der Diskussion.

Um das Unternehmen attraktiver für Investoren zu machen, hatte Dräger sich vor wenigen Jahren sogar in zwei Teilkonzerne aufgespalten und den Industrieriesen Siemens mit 25 Prozent an der Medizinsparte beteiligt. Stefan Dräger führte die Teile wieder zusammen, schuf eine eigene Verwaltungsgesellschaft und sicherte damit nachhaltig die Kontrolle der Familie, abgekoppelt von der Anteilsverteilung bei der börsengehandelten Dräger KGaA. 2009 kaufte er Siemens aus dem Unternehmen heraus und setzt seitdem auf Vereinheitlichung. Heute benutzen die Mitarbeiter beider Sparten die gleiche Software und fahren Firmenwagen derselben Marke – früher war das undenkbar. „Wir haben festgestellt, dass es nützliche und nutzlose Vielfalt gibt“, sagt der 49-jährige Unternehmer. „Nützlich ist die Vielfalt für den Kunden, nutzlos ist sie innerhalb des Konzerns.“

Egal welche Sparte, Dräger mache „Technik fürs Leben“, sagt Stefan Dräger. Wie weit sich diese Definition dehnen lässt, können die Gäste in der Ausstellung zur Firmenhistorie er­leben. Dort ist das erste Patent der Dräger-­Geschichte ausgestellt, das Lubeca-Ventil von 1889. Damit erfand Ur-Ur-Großvater Johann Heinrich Dräger eine revolutionäre Anlage zum Zapfen von Bier und schuf die technische Grundlage für Beatmungsgeräte, Narkoseapparate und andere Innovationen. Diese krisen­sicheren Produkte sind eine Basis für den stabilen Aufstieg von Dräger. Die andere ist die Fähigkeit, das Unternehmen von einer Generation zur nächsten zu übergeben.

„In der Familienfolge gibt es ja immer Licht und Schatten. Haben Sie ein Geheimrezept?“, will ein Unternehmer wissen. Es gebe durchaus eine wichtige Zutat, sagt Dräger: das von seinem Großvater eingeführte Thronfolgerprinzip. „Wenn meine Kinder volljährig sind, gehen wir zum Notar, und sie alle unterschreiben eine Verzichtserklärung“, erzählt er. „Später wird einer von ihnen ausgewählt.“ Nicht nach dem Recht des Erstgeborenen, sondern ganz nach Talent und Neigung. Stefan Dräger beschloss erst mit 30, dass er sich einmal die Führung des Familienunternehmens zutrauen würde. „Wenn ich gedrängt worden wäre“, gibt er offen zu, „hätte ich das nicht machen wollen.“

Quer durch Deutschland
Vom 8. bis zum 12. April startet die Redaktion eine Deutschlandtour. In einem Bus durchqueren wir von Montagmorgen bis Freitagabend einmal Deutschland: von Flensburg an der dänischen Grenze bis Friedrichshafen am Bodensee. Auf dem Weg laden wir an zehn Orten mit innovativen Unternehmen jeweils eine begrenzte Anzahl an Abonnenten zu Netzwerktreffen ein.
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