Management Produktentwicklung: Wie Firmen von der Schwarm-Intelligenz profitieren

Vor allem für Gründer ist Schwarm-Intelligenz eine attraktive Alternative zu teuren Dienstleistern

Vor allem für Gründer ist Schwarm-Intelligenz eine attraktive Alternative zu teuren Dienstleistern© Belkin & Co - Fotolia.com

Innovative Unternehmen sammeln die Ideen ihrer Kunden neuerdings im Internet. Per "Crowdsourcing" vernetzen sie sich mit den Nutzern, schreiben Erfindungswettbewerbe aus und filtern dann die besten Vorschläge heraus. Ein Mainzer Gründer lockte so 500 Designer an.

Judith und Alexander Rabe hatten ein klares Ziel vor Augen: Sie wollten mit Ihrem gerade gegründeten Unternehmen Crow’n’Crow, das Sitzsäcke und Taschen individuell bedruckt, so schnell wie möglich bekannt werden. „Wir wollten in unserem Online-Shop eine große Auswahl fertiger künstlerischer Designs anbieten“, sagt Rabe. Doch Dutzende Gestaltungsideen bei einem Profi in Auftrag zu geben, wäre viel zu teuer geworden. Es hätte wohl auch Monate gedauert. Also entschieden sich beide, aus der Not eine Tugend zu machen.

Gemeinsam mit einer Berliner Internetagentur starteten Sie einen Design-Wettbewerb: Sie luden Nachwuchsdesigner und junge Künstler über Facebook und andere soziale Medien ein, Entwürfe für die 1,40 mal 1,80 Meter großen Sitzsäcke von Crow’N’Crow zu entwerfen. Über eine eigens programmierte Internet-Seite sollten die Teilnehmer ihre Ideen hochladen und auf einem 3-D-Modell begutachten können. Der Sieger bekäme eine Geldprämie – und einen Sitzsack mit seinem Design im Wert von rund 250 Euro.

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„Die Resonanz war sehr gut“, sagt Rabe. 500 Designer machten mit, viele dieser Motive können Nutzer nun auf der Crow’N’Crow-Seite bestellen. Jeder verkaufte Lounger-Sitzsack bringt dem Designer 20 Euro ein. Die Crowdsourcing-Aktion selbst hat das Unternehmerpaar rund 12.000 Euro gekostet. „Für rund 300 exklusive Designs ist das nicht viel“, finden sie. Unter anderem wurde diese Aktion auch für Taschen gemacht, und Designs per Web gesammelt.

Wissen ist Gold wert

Die Mainzer Unternehmer gehören damit zu den Vorreitern der Produktentwicklung im Netz, dem „Crowdsourcing“, bei dem Firmen das Wissen und die Ideen einer großen Internetgemeinde sammeln und auswerten. Große Firmen bauen dafür teilweise sogar eigene Plattformen, auf denen ihre Kunden Produktideen oder Verbesserungsvorschläge platzieren. Dann bewerten die Nutzer diese Ideen gegenseitig, über solche Abstimmungen schaffen es die besten Vorschläge auf die vorderen Plätze. Schließlich nimmt sich die Produktentwicklung ihrer an, versucht, die Ideen des Schwarms umzusetzen.

Längst bieten auch Dienstleister an, Unternehmen bei dieser Art des vernetzten Denkens zu unterstützen. Etwa die Firma innosabi aus München. Über die Plattform unserAller.de wickelt innosabi im Auftrag von Unternehmen Crowdsourcing-Projekte ab: Kosmetik-Hersteller Manhattan etwa, mit 81.000 Freunden eine große Nummer bei Facebook, lud Kunden ein, eine neue Nagellack-Kollektion zu entwerfen.

Zuerst schlugen die Nutzer Farben vor, dann stimmte die Netz-Gemeinde über die einzelnen Namen der Produktvarianten ab. Rund zehn Wochen dauerte es, bis die Ideen der Manhattan-Fans Früchte trugen. „Bei der Aktion erfuhren wir, dass viele Kunden die Pinsel von Nagellacken im Allgemeinen zu dünn finden“, sagt Catharina van Delden, Geschäftsführerin von innosabi. „Der Lack lässt sich ihrer Meinung nach oft auf den Nägeln schlecht verteilen. Solche Infos sind für ein Unternehmen Gold wert.“

Die Hobbyentwickler wollen ernst genommen werden

Manhattan ging noch einen Schritt weiter: Damit die Internet-Entwickler ihre Ideen auch ausprobieren konnten, verschickte das Unternehmen 500 Prototypen an die Teilnehmer. „So kamen am Ende wirklich tolle Vorschläge heraus“, sagt van Delden. Große Ansprüche stellen die Hobbyentwickler selten, wenn sich eine ihrer Ideen durchsetzt, sagt sie: „Die Leute wollen ernstgenommen werden. Sie möchten sich mit ihren Ideen einbringen und am Ende durchs Kaufhaus gehen und sagen: Das habe ich mitentwickelt.“ Große Kampagnen wie das Manhattan-Projekt kosten bei innosabi zwischen 20.000 und 50.000 Euro. Wer die Plattform regelmäßig nutzen will, ist ab 2.500 Euro pro Monat dabei.

Werbemittel-Experte Rabe findet, dass das Unternehmen so eng mit der Technik des Internets verknüpft ist, dass es ohne gar nicht denkbar wäre: „Wir mobilisieren die Künstler- und Designer-Community über soziale Medien. Alle Designs und Aufträge gehen digital ein“, sagt der Unternehmer. „Die gesamte Kommunikation ist elektronisch.“ Aber zu guter Letzt nähen, bedrucken und befüllen die Mitarbeiter die Sitzsäcke am Ende auf die ganz alte Offline-Art: an Maschinen vor Ort in Wiesbaden.

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