Management Raus aus dem Nest!

Gründer wählen meist ihren Wohnort als ersten Unternehmenssitz. Dafür sprechen Kontakte oder die Förderung durch Hochschulen. Den richtigen Zeitpunkt für einen Umzug sollten sie aber nicht verpassen.

Steilküsten mit Palmen, türkisfarbenes Wasser, darin Schwimmer, Kitesurfer, Schnorchler: Wer die Homepage von Restube betrachtet, stellt sich vor, wie die Betreiber am Feierabend ein paar Kilometer zum nächsten Strand fahren und ihren Hobbys nachgehen. Wahrscheinlich im portugiesischen Wellenreit-Mekka Peniche. Oder auf der Taucherinsel Gozo. Vielleicht auch in der spanischen Windsurf-Hochburg Tarifa. Nichts davon stimmt. Der Hersteller von Wassersportzubehör sitzt am Nordrand des Schwarzwalds – in Pforzheim.

„Schwimmbäder gibt es hier auch“, sagt Geschäftsführer Christopher Fuhrhop. „Für uns lag es nahe, erst einmal in der Nähe von Karlsruhe zu bleiben. Wir kommen aus der Region, haben uns an der Uni kennengelernt und hier ein Stipendium bekommen.“ Gegründet im April, produziert Restube kleine aufblasbare Rettungsbojen, die sich bei Bedarf für den erschöpften Wassersportler in Sekundenschnelle mit Druckluft füllen. „Wir profitieren stark von unseren persönlichen Netzwerken vor Ort“, sagt der 29-Jährige. „Beispielsweise lassen wir die Taschen aktuell von einer benachbarten Firma herstellen.“

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Die stärksten deutschen Gründerregionen
Wo Startups sich besonders gern niederlassen – und wo nicht. Erkunden Sie mit der Maus Standorte und Statistik.

Spitzenreiter: Im Verhältnis zur Anzahl der Erwerbsfähigen gab es in den vergangenen vier Jahren in den Raumordnungsregionen Hamburg, München und Rhein-Main besonders viele neugegründete Unternehmen. Auf 10.000 Erwerbsfähige kamen hier in diesem Zeitraum 53 bis 59 Gründungen.

Schlusslichter: Die wenigsten Gründungen wurden in drei ostdeutschen Regionen verzeichnet. In Anhalt-Bitterfeld-Wittenberg, Halle/Saale und Oberlausitz-Niederschlesien kamen in den vergangenen vier Jahren nur um die 27 Unternehmensgründungen auf 10.000 Erwerbsfähige.

West-Ost-Gefälle: Auch insgesamt war die Gründungstätigkeit in Westdeutschland (41) deutlich höher als in Ostdeutschland (36). Im deutschlandweiten Schnitt kamen 40 Gründungen auf 10.000 Erwerbsfähige.

Einflussfaktoren: Laut Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) ist neben der Siedlungs- auch die Wirtschaftsstruktur ein guter Indikator für das Gründungsgeschehen: Wenn in einem Kreis viele Erwerbstätige im verarbeitenden Gewerbe oder in großen Betrieben arbeiten, ist die Gründungsintensität tendenziell gering. Dagegen scheinen Dienstleistungsunternehmen das Gründungsgeschehen positiv zu beeinflussen.


Wenn das Business ins Stocken gerät

Mit ihrer ersten Standortwahl sind die Restube-Macher in bester Gesellschaft. „Drei Viertel aller Gründer starten ihr Unternehmen an ihrem Wohnort. Und die meisten bleiben auch dort“, sagt Jürgen Schmude, Geografie-Professor an der Universität München. Am Wohnort fänden die Gründer dank Freunden und Familien emotionalen Rückhalt, außerdem profitierten sie von ersten beruflichen Kontakten.

Grundsätzlich fahren die Gründer damit nicht schlecht. Dennoch empfiehlt Forscher Schmude, nach der Startphase auch alternative Standorte in Betracht ziehen. Ein guter Zeitpunkt ist gekommen, wenn Fördergelder auslaufen. Oder wenn man merkt, dass das Geschäft ins Stocken gerät. „Spätestens wenn Ressourcen fehlen und Kunden ausbleiben, muss man über einen Umzug nachdenken. Ein Internetunternehmen auf Wachstumskurs etwa wird im Bayerischen Wald kaum genügend qualifizierte Informatiker finden.“

Dass Gründer sich an ihren Wohnort klammern, kennen Forscher aus allen Branchen. Selbst die vermeintlich flexiblen Akademiker sind davor nicht gefeit, und oft haben sie auch handfeste Argumente für ihr Bleiben. Die Förderung zum Beispiel, mit der viele Hochschulen geschäftstüchtige Talente in ihrer Umgebung halten. Eine Erhebung der Uni München zeigt, dass die 63 untersuchten staatlichen Hochschulen in Sachen Entrepreneurship in den vergangenen Jahren deutlich aufgerüstet haben: Mittlerweile haben sie deutschlandweit 70 Gründungsprofessuren und über 200 unterstützende Einrichtungen wie Gründerwerkstätten und Beratungsstellen eingerichtet.

Das Bundeswirtschafts- und Bildungsministerium unterstützt diese Förderung. Bereits seit 1998 werden über das Programm „Existenzgründungen aus der Wissenschaft“ (Exist) Mittel ausgeschüttet – allein in diesem Jahr stehen im Bundeshaushalt dafür 32 Mio. Euro bereit. Zu Exist gehören auch Stipendien, mit denen seit 2007 über 600 Startups finanziert wurden.

Weniger Konkurrenz in kleinen Städten

Den Antrag auf das Exist-Stipendium stellen nicht die Absolventen selbst, sondern die Universitäten. Ein Gründer mit Abschluss bekommt 2000 Euro monatlich für den Lebensunterhalt, 10.000 Euro für Sachkosten und noch einmal 5000 Euro für Trainings- und Beratungszwecke. Die Hochschule stellt Räume und Infrastruktur.

„Für ein Startup ist das sehr viel Geld“, sagt Andrea Wittek. „Das Stipendium war ausschlaggebend dafür, hier in Augsburg zu bleiben.“ Zusammen mit Robert Freudenreich hat Wittek das Softwareunternehmen Secomba aufgebaut. Als im Mai die Förderung auslief, hätten sie wie viele andere IT-Unternehmen nach Berlin umziehen können. Doch sie blieben.

„In Berlin ist die Konkurrenz der Startups um Fachkräfte extrem hoch“, sagt Wittek. „Nach Augsburg mag es nicht ganz so viele Informatiker ziehen. Aber wir haben hier bessere Chancen, diejenigen, die da sind, für uns zu gewinnen.“ Dank guter Kontakte zu Uni und Fachhochschule könne sie in Vorlesungen ihr Unternehmen vorstellen – in Berlin würde das so leicht in funktionieren.

Kapitalgeber fordern Nähe

Die Aussicht auf Kapitalspritzen kann Unternehmen durchaus an einen neuen Standort locken – besonders in forschungsintensiven Branchen wie der Gesundheitswirtschaft. Das 2006 in Berlin gegründete Medizintechnikunternehmen Gilupi ist mittlerweile in Potsdam ansässig. „Damit wir Wagniskapital der Landesbank Brandenburg bekommen konnten, mussten wir unseren Hauptsitz verlagern“, sagt Geschäftsführer Klaus Lücke den Umzug. „Wir haben dadurch auch wichtige Forschungszuschüsse des Landes bekommen.“

Eine zweite Geschäftsstelle hat Gilupi im April in Greifswald eröffnet. Wieder waren es Fördergelder, die Lücke überzeugten. Auch die Nähe zu einer Brustkrebsklinik habe für Greifswald gesprochen. Gilupi hat ein neues Medizinprodukt zur besseren Krebsprognose entwickelt und ist auf die klinische Forschung angewiesen. An beiden Standorten sitzt das Medizintechnikunternehmen in Gründerzentren, die kostengünstige Laborräume zur Verfügung stellen.

Gründerzentren nur bedingt zu empfehlen

Von diesen sogenannten Inkubatoren gibt es mittlerweile über 400 in ganz Deutschland. Rund ein Fünftel ist auf bestimmte Branchen spezialisiert. Zumindest im regionalen Umfeld sollten sie bei der Standortentsctheidung eine Rolle spielen, sagt Michael Schwartz. Der Ökonom hat sich lange für das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) mit den Startup-Zentren auseinandergesetzt. „Für Unternehmen in der Anfangsphase ist alles wahnsinnig teuer“, sagt er. „Gerade Gründerzentren mit Spezialausstattungen wie Laboren oder Werkstätten sind deswegen zweifelsohne eine große Hilfe.“

Bedingungslos kann Schwartz die Gründerzentren aber nicht empfehlen: „Lediglich die Ansammlung einer Reihe von Unternehmen mit gleicher Ausrichtung bringt noch keinen Vorteil.“ Würden die Netzwerke nicht gezielt aktiviert, komme es vor, dass die Mieter ohne Synergien nebeneinander her arbeiten. Für nur bedingt geeignet hält er einen Großteil der Gründerzentren in ländlichen Gebieten – auch wenn sie in den Werbeprospekten der Kommunen ein gutes Bild abgeben. „Es kann zwar sein, dass die Auslastung hoch ist, aber die ansässigen Unternehmen nicht mehr viel mit der eigentlichen Idee eines Gründerzentrums zu tun haben.“

Große Städte ziehen besser

Viele Gründerzentren sind gleichzeitig Teil eines regionalen Branchennetzwerks. Nach dem Vorbild des kalifornischen Silicon Valley wollen sie innovative Unternehmen bestimmter Wirtschaftszweige räumlich zusammenbringen. Startups finden in den professionellen Netzwerken im Idealfall Investoren, Kunden und Fachkräfte an einem Ort. In den vergangenen Jahrzehnten sind in Deutschland Hunderte solcher Cluster entstanden: München wirbt um Biotechnologie-Unternehmen, Baden-Württemberg widmet sich der Elektromobilität, Schleswig-Holstein den erneuerbaren Energien, und das Ruhrgebiet will zum Zentrum der Logistikbranche werden.

In Hamburg lockt die Gamecity-Initiative seit 2003 Unternehmen der Spielebranche. Mit Erfolg: Mittlerweile haben 155 Firmen der Branche ihren Sitz in der Hafenstadt und beschäftigen zusammen über 4000 Mitarbeiter. Seit anderthalb Jahren ist hier auch die junge Spieleschmiede Bytro Labs zu finden. Gegründet wurde sie von Felix Faber, Tobias Kringe und Christopher Lörken in Freiburg – mit Starthilfe der Universität.

Trotz der Unterstützung im Breisgau packte das Trio zwei Jahre nach der Gründung die Umzugskisten, um in den Norden zu ziehen. „Die Vernetzung hier in Hamburg hilft enorm“, sagt Faber. „Wir bekommen Tipps von großen Unternehmen und geben eigene Erfahrungen an kleinere weiter.“ Auch gegen Fachkräftemangel wolle die Branche gemeinsam angehen, berichtet der 32-Jährige. So fahre er demnächst mit einer Gamecity-Delegation nach Kopenhagen, um an der Uni dort um Entwickler zu werben, die es dringend braucht. Faber hofft auf Hamburgs internationale Strahlkraft: „Mit Freiburg als Unternehmenssitz könnte ich niemanden zum Umzug nach Deutschland bewegen.“

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