Management Reformen: Kommt Indiens lahmende Wirtschaft wieder in Schwung?

Eine Straße in der indischen Hafenstadt Mumbai.

Eine Straße in der indischen Hafenstadt Mumbai.© Laetitia Seybold

Vor wenigen Jahren noch galt Indien als aufsteigender Stern am Wirtschaftshimmel, dann versank es in Reformstau und Betrugsskandalen. Die Wirtschaft lahmte. Nun keimt wieder Hoffnung.

Gut möglich, dass Noch-Außenminister Guido Westerwelle bei seiner letzten großen Auslandsreise in Indien in dieser Woche das eine oder andere Mal im Dunkeln saß. Selbst in Fünf-Sterne-Hotels wie dem „Oberoi“ am Rande der Hauptstadt Neu Delhi, wo an diesem Montag und Dienstag ein Asem-Treffen („Asia Europe Meeting“) mit mehr als 50 Ministern aus Asien und Europa stattfand, fällt immer wieder der Strom aus. Dann halten alle kurz inne, bis der Generator anspringt. Manche Besucher scherzen, sie nähmen zu Konferenzen in Indien stets eine Taschenlampe mit.

Das alltägliche Ärgernis mit dem Strom ist zum Sinnbild für den Zustand der indischen Wirtschaft geworden. In den vergangenen Monaten scheiterte die Ansiedlung mehrerer milliardenschwerer Industrieprojekte. Ein Bestechungsskandal jagte den nächsten und verfestigte den Eindruck von sich ständig bereichernden Politikern. Das Wachstum halbierte sich auf 4,4 Prozent. Und die Landeswährung Rupie büßte zeitweise ein Fünftel ihres Wertes ein.

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Das Wirtschaftsblatt „Business Today“ beschrieb die Lage als „Sumpf aus Projektstau, Investitionslähmung, Korruption und Vetternwirtschaft“. Dabei galt das 1,2-Milliarden-Einwohner-Land gerade noch als Hoffnungsträger der Weltwirtschaft, als ein zweites China. Und auch auf der weltpolitischen Bühne nahm der Einfluss in den letzten Jahren zu. Auch Westerwelle wurde nicht müde, Indien stets in der Reihe der „neuen Kraftzentren“ aufzuzählen, zusammen mit anderen Aufsteigern wie Brasilien oder Südafrika.

Reformen sollen Wirtschaft wieder in Schwung bringen

Indiens neuer Notenbankchef Raghuram Rajan hält weder das In-den-Himmel-Loben noch das jetzige Schwarzmalen für gerechtfertigt. Damals wie heute habe Indien Probleme – „die schlechte Infrastruktur, übertriebene Regelungen, wenig Industrie und Arbeitskräfte mit unzureichender Ausbildung und Fähigkeiten“. Die derzeitigen Sorgen – schwaches Wachstum und Leistungsbilanzdefizit – seien allerdings keine strukturellen Probleme und durch Reformen in den Griff zu bekommen.

Daran versucht sich die Regierung in Neu Delhi derzeit: Goldimporte wurden durch Zölle so stark verteuert, dass die Verbraucher lieber zum günstigeren Silber griffen. Auch die belastenden Öleinfuhren wurden nach Kräften reduziert. „Ich glaube, dass unsere Maßnahmen, den Import von nicht lebensnotwendigen Gütern einzudämmen, sehr gut funktioniert hat“, sagt Wirtschafts-Staatsminister S.R. Rao. Durch die schwache Rupie stiegen auf der anderen Seite die Exporte. Und so konnte Finanzminister P. Chidambaram vergangene Woche stolz verkünden, dass das Leistungsbilanzdefizit eingedämmt werden könne.

Mehr Wachstum und Direktinvestitionen: Experten sehen Licht am Ende des Tunnels

Der renommierte Wirtschafsjournalist T.N. Ninan vom „Business Standard“ sieht ebenfalls Licht am Ende des Tunnels. „Beim Wachstum ist das Schlimmste vorbei“, sagt er. Auch stiegen die Direktinvestitionen ausländischer Investoren, die im abgelaufenen Finanzjahr um 38 Prozent gefallen waren, wieder an. Weitere Geldflüsse aus dem Ausland seien durch die Liberalisierung zahlreicher Märkte zu erwarten. „Die hohe Inflation allerdings war und bleibt ein Problem. Deswegen ist es sehr gut, dass der neue Notenbankchef dieses Thema angeht.“

Für Bernhard Steinrücke, Geschäftsführer der deutsch-indischen Handelskammer in Mumbai, hat Indien gerade eine „kleine Konsolidierung“ durchgemacht. Und, so der Experte: Der nächste Aufschwung kommt bestimmt. „Das geht gar nicht anders, mit einer so jungen Bevölkerung, die konsumfreudig ist und sowohl physisch auch als online mobil.“ Die Pro-Kopf-Daten seien in Indien noch extrem niedrig – die Zahl der Autos etwa lag laut Weltbank zuletzt bei 12 pro 1000 Menschen. Also könne es nur Wachstum geben.

 

Das Asia Europa Meeting (Asem):
Die Asem-Konferenz findet seit 1996 statt. Inzwischen gehören der Runde 51 Mitglieder an, die für etwa 63 Prozent des Welthandels stehen. Mehr als 60 Prozent der Weltbevölkerung lebt in den Mitgliedsstaaten. Bei der Konferenz an diesem Montag und Dienstag in der Nähe von Neu Delhi vereinbarten die Staaten unter anderem eine engere Zusammenarbeit zwischen beiden Kontinenten.

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