Management Schreibtisch auf Zeit

Das Modell bietet maximale Flexibilität zu minimalen Kosten: Selbstständige mieten tage- oder monatsweise einen Arbeitsplatz in einer Büro-WG. Ein Konzept aus dem schon große Unternehmen entstanden sind.

Wenn Ursula Vranken zur Arbeit kommt, kann es passieren, dass ihr Schreibtisch besetzt ist. Kein Problem, dann fährt sie ihren Rollcontainer eben in einen anderen Raum. „De facto brauche ich meinen Rechner und einige Ordner“, sagt die 46-Jährige. Als selbstständige Unternehmensberaterin verbringt sie den größten Teil der Woche ohnehin bei Kunden vor Ort.

Benötigt sie einen Platz für sich und ihre zwei Assistentinnen oder einen Meetingraum, fährt Vranken in den Kölner Westen. Dort hat die ehemalige ZDF-Journalistin Jacqueline Boyce vor zwei Jahren „Zeiträume“ eröffnet: ein 400 Quadratmeter großes Büro mit 20 Arbeitsplätzen, die an Designer, Anwälte, Ärzte, Journalisten, Softwareentwickler oder Ingenieure vermietet werden. Coworking-Spaces heißen solche Bürogemeinschaften, die Idee kommt aus den USA. Auch hierzulande werden mittlerweile viele Schreibtische auf Zeit angeboten, allein in Berlin an drei Standorten.

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Ursula Vranken schätzt vor allem das Ambiente. Die Wände sind grün, rot und gelb gestrichen, Paravents trennen die 16 Arbeitsplätze im Großraum, zu denen noch vier verglaste Einzelbüros kommen. Der Empfang hält Getränke, Obst und Snacks bereit. Zwar fehlt Vranken meist die Zeit, um im Fitnessraum zu trainieren, aber sie gönnt sich ab und zu eine Massage beim Physiotherapeuten. Der residiert im Keller des Hauses und bietet auch Personal Training und Pilates an. Gleich nebenan können Eltern ihre Ein- bis Dreijährigen in der Kita abgeben, die ebenfalls zu Zeiträume gehört.

Zwischen Luxus und Minimalismus

So viel Luxus wie in Köln bieten die wenigsten Coworking-Spaces. In der Regel pflegen die Büro-WGs die Kunst des Minimalismus. Im Angebot haben sie, was Selbstständige unbedingt benötigen, und lassen weg, was nicht sein muss. So soll genau die Klientel bedient werden, die volle Flexibilität braucht, weil sie heute noch nicht weiß, wie die Aufträge morgen laufen.

Zum Standardprogramm gehören Schreibtische, Internetzugang, Telefon, Drucker, Kopierer, Scanner, Fax, Sekretariatsservice und ein Café. Ein Tagesticket für einen Schreibtisch und W-Lan-Zugang gibt es bereits für zwölf Euro.

Preise sind attraktiv

Die Preise für Monatstickets variieren je nach Standort zwischen 100 und 350 Euro. Sie hängen auch davon ab, ob Kunden einen festen Schreibtisch, Stundenkontingente im Meetingraum, Briefkasten oder Schließfach buchen. Die Nutzung von IT und Sekretariatsdiensten wird separat abgerechnet. Anders als bei den Office-Centern großer Dienstleister wie Dussmann, Regus oder Ecos, die voll ausgestattete Einzelbüros anbieten, binden sich die Mieter vertraglich oft nicht länger als einen Monat.

Als Ralf-Gordon Jahns 2009 den Sprung in die Selbstständigkeit wagte, waren genau das die ausschlaggebenden Argumente. „Ich brauchte sehr schnell einen bezahlbaren und gut erreichbaren Arbeitsplatz, wollte mich nicht selbst um IT und Möbel kümmern und den Vertrag zügig wieder kündigen können“, sagt Jahns, der im Berliner Betahaus einen Schreibtisch gefunden hat. Der 44-Jährige besitzt zwei eigene Firmen. Mit Ideas2mobile und Research2guidance entwickelt er Applikationen für Smartphones und erstellt einen Researchbericht über deren weltweiten Markt.

Im Betahaus präsentiert sich die Arbeitsform der Zukunft eher spartanisch. Unverputzte Wände, nackte Glühbirnen, Secondhandmöbel, sehr kleine Schreibtische – auf ein schickes Umfeld wird hier kein Wert gelegt. Das passt zur Mietergemeinschaft, in der Mehrzahl junge Freiberufler. Anfangs schätzte Jahns diese provisorische Atmosphäre sehr, aber demnächst wird er eine andere Lösung suchen müssen. Mittlerweile hat er zehn Mitarbeiter, die meisten müssen ständig telefonieren. Es gibt zwar den „Psst“-Raum für ruhebedürftige Kollegen und einen „Dialog“-Raum für Meetings, trotzdem sagt Jahns: „Wir brauchen eigene Büros, auch um künftig Kunden repräsentativ empfangen zu können.“

Der quirlige Arbeitsalltag in solchen Bürogemeinschaften liegt nicht jedem. Darum bietet das Betahaus kostenlose Schnuppertage, an denen Interessierte testen können, ob ein Coworking-Space für sie infrage kommt. Immerhin besteht hier im Gegensatz zum Home-Office nicht die Gefahr, dass man sich tagsüber mit Abspülen oder Wäschewaschen vor der Arbeit drückt. Außerdem haben Wissenschaftler herausgefunden, dass sich soziale Kontakte und Betriebsamkeit positiv auf die Kreativität auswirken: Allein die Anwesenheit mitarbeitender Menschen erhöhe deutlich die Konzentration auf eine Sache, stellten Forscher der Universität von Bologna fest.

Das Thema Networking propagieren denn auch alle Coworking-Spaces. Beim „Beta-Beer“ im Betahaus etwa tauschen sich die Mieter regelmäßig aus, in einer internen Onlinebörse werden Jobangebote veröffentlicht. In den Kölner Zeiträumen informieren die Mieter an Pinnwänden über Events und wollen sich künftig auch zum lockeren Dinner treffen. An der Kaffeebar lernte Ursula Vranken neulich einen Headhunter kennen. „Wir treffen uns seitdem regelmäßig und empfehlen uns gegenseitig.“

Spezialisierung könnte die Zukunft sein

In Zürich und an zwei weiteren Standorten sollen noch in diesem Jahr Betahäuser an den Start gehen. „Infolge des verstärkten Outsourcings wird es immer mehr Selbstständige geben, die in Projekten arbeiten und dafür einen günstigen Arbeitsplatz suchen“, sagt Betahaus-Mitgründer Gregor Scheppan. Jacqueline Boyce von den Kölner Zeiträumen hält es auch für denkbar, dass sich die Coworking-Spaces nach einer gewissen Zeit spezialisieren: „Man könnte sich zum Beispiel auf bestimmte Branchen konzentrieren und so seine Dienstleistungen individueller auffächern.“

Arbeitsplätze zu vermieten

Informationen im Netz
Berlin www.betahaus.de
Berlin www.berlin.the-hub.net
Berlin www.hallenprojekt.de/studio-70
Frankfurt www.kaiser79.de
Hamburg (in Planung) www.wolfgangwopperer.com
Köln www.koelner-zeitraeume.de
Leipzig www.le-space.de
München www.combinat56.de
Paderborn www.wexelwirken.net
Stuttgart www.coworking-stuttgart.de
Würzburg www.p-acht.net
Netzwerk für alle Coworking-Spaces www.hallenprojekt.de
Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 06/2010.

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