Berufung finden „Work-Life-Balance? Was für ein Unsinn!“
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Alles in perfekter Balance? Wer seine Berufung gefunden hat, muss sich darüber keine Gedanken machen.

Alles in perfekter Balance? Wer seine Berufung gefunden hat, muss sich darüber keine Gedanken machen.© nicomenijes / iStock / Getty Images Plus / Getty Images

Wer seine Leidenschaft zum Beruf macht, braucht keinen Balance-Akt zwischen Job und Freizeit, findet impulse-Blogger und Hotelier Jürgen Krenzer.

Ein harter Job, der wenig Freude macht – und so an die Substanz geht, dass teuer erkaufte Erholungsphasen im Wellness-Hotel nötig sind?

Dieses Konzept von einer Work-Life-Balance habe ich nie verstanden. Vielleicht auch, weil ich mir schon am Anfang meiner Karriere überlegt habe, wer ich eigentlich sein will. Als Unternehmer. Und als Mensch.

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Es ist der 15. Dezember 1988. Als junger Koch und frisch gekürter Diplom-Hotelbetriebswirt kehre ich in meine Heimat – die Rhön – zurück. Um im zarten Alter von 23 Jahren den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Ich laufe durch die schneelose Landschaft. Und ich mache mir Gedanken über meine Arbeit und mein Wirken in der Heimat.

Hier gibt es ja eigentlich nur 08/15-Gasthöfe und -Hotels. Unser Gasthof „Krone“ ist einer davon, einer von knapp 500. Ein Gasthof mit Jäger-, Zwiebel-, Zigeunerschnitzeln und Toast Hawaii auf der Speisekarte, behaglichen Fremdenzimmern und freundlichen Bedienungen.

In den Jahren zuvor hatte ich lernen müssen, dass man in der Gastronomie keinen Spaß hat. Besonders ich nicht.

Mein Vater starb, als ich Teenager war, und so musste ich schon mit 14 Jahren im Betrieb aushelfen. Freie Wochenenden? Fußballverein? Mitnichten! Und meine Mutter? Kämpfte bis an die Grenzen ihrer körperlichen Belastung. Und sie schaffte es tatsächlich, den Betrieb fast schuldenfrei an mich zu übergeben. Allerdings war ein recht großer Investitionsstau angefallen.

Was will ich eigentlich?

Als ich so durch die Rhön laufe, weiß ich nicht so recht, was ich mit dem Betrieb anfangen soll. Hier, am Ende der Welt, an den Grenzen zur DDR und zum Freistaat Bayern – wo kaum jemand freiwillig hinkommt. Naja, einige Gäste gibt es schon, die wegen der Zonengrenze in die Rhön fahren. „Grusel-Tourismus“ nenne ich es.

Ich frage mich: Was will ICH eigentlich? Und fange an zu träumen. Ich träume, dass Gastronomie Spaß macht! Ich träume davon, dass wir nette, tolle, begeisterte Gäste haben. Ich träume davon, dass wir die fähigsten und bestgelaunten Mitarbeiter der Rhön haben. Und ich träume davon, einfach nur das zu machen, auf das ich Lust habe. Lust, diese landschaftlich einmalige Region hier zu inszenieren. Mit allem, was sie hergibt. Auf dem Teller. Im Glas. Überall!

Ich wollte nie etwas tun, nur um Geld zu verdienen

Stopp! Das geht doch nicht! Man stelle sich mal vor, jeder Mensch auf dieser Welt oder in unserem Land würde das tun, was ihm Spaß macht. Wo kämen wir denn da hin? Diese Frage ist ja beliebt, um innovative Ideen, Konzepte und Projekte gleich im Keim zu ersticken. Aber: Wo kämen wir denn hin, wenn nicht irgendwann einmal einer hinginge, um nachzuschauen, wie es wäre, wenn man denn mal hingegangen wäre?

Ein großer Teil des Traumes bestand natürlich auch aus der Aussicht, mir als Wirt eine Existenz aufzubauen. Also gut, reden wir mal über Geld. Das war mir nicht wichtig, wohl wissend, dass man schon Geld verdienen muss. Aber mein Traum sah nur vor, dass die Einkünfte reichen würden. Reichen, um die Mitarbeiter ordentlich zu bezahlen. Reichen, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Reichen, um eine Familie zu gründen und gesund zu ernähren.

Hier in der Region braucht man viel Begeisterung, aber eigentlich gar nicht so viel Geld: Die Lebenshaltungskosten sind niedrig. Ich wollte also nie etwas tun, um vordergründig Geld zu verdienen. Aber ich wollte ein allseits glücklicher und zufriedener Mensch sein. Wer ist das schon noch?

Ich habe mir meine eigene Welt aufgebaut

Heute ist der 14. November 2019. Aus dem kleinen 08/15-Gasthof ist „krenzers rhön“ geworden. Eine ganz besondere Welt aus Äpfeln und (Rhön)Schafen. Meine Welt. Unsere Welt. Hier sprüht jeder vor Begeisterung für die Rhön. Eben keine normale Gastronomie. Und kein normales Hotel. Und keine normale Apfel-Kelterei.

Wer hätte das vor 31 Jahren gedacht?

Es ist kein einfacher Weg, den wir gehen. Weit weg vom Mainstream ein neues Unternehmen aufzubauen, das in den 90er Jahren schon mit Bio-Produkten und konsequenter regionaler Ausrichtung bei so manchem Gast für Kopfschütteln sorgte.

Schon seit dem Tod meines Vaters und den folgenden harten Zeiten für meine Mutter weiß ich, dass ich niemals der typische Gastronom werde würde. Aber die Verlockungen sind groß, den einfachen, den normalen Weg zu gehen. Oft auch den Weg des schnellen Geldes. So manches Mal gehe ich auch Umwege. Aber finde immer wieder den Weg zurück in die Spur.

Mit einem kleinen Ego ist das Leben leichter

Als ich zum Beispiel für meinen Apfel-Sherry verlockende Angebote von Gourmet-Großhändlern bekomme, werde ich fast schwach. Und führe endlose Diskussionen mit meiner Familie. Denn natürlich freut man sich, wenn man mit seinem Produkt bei Dallmayr, Käfer & Co. im Regal steht. Dabei verdrängt man, dass man ohne Ende Rabatte geben muss und eine Abhängigkeit zu einem großen Kunden entsteht. Aber man ist gelistet.

Wo andere eine Flasche Schampus aufmachen würden, sage ich ab. Und ich erinnere mich an folgenden Satz: „Je größer das Ego, umso schwerer das Leben!“ Also halte ich mein Ego klein (ich gebe ja zu, das ist nicht immer leicht) – und entscheide mich für ein „leichtes“ Leben als Mensch und Unternehmer.

Work-Life-Balance? Dieser Begriff ergibt für mich keinen Sinn

Wenn ich jetzt in der Fachliteratur blättere, dann komme ich an dem komischen Begriff Work-Life-Balance nicht vorbei. Leider! Denn es ergibt für mich keinen Sinn, hart zu arbeiten, wenig Freude dabei zu haben – aber viel Geld zu verdienen. Geld, das eigentlich Schmerzensgeld ist. Und mit dem dann das Hobby oder die wahren Neigungen finanziert werden. Nur weil man nicht den Mut hat, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen.

Soll heißen – und ich spreche hier für das Unternehmertum: Wenn ich etwas tue, was ich eigentlich nicht gern tue, nur um Geld zu verdienen, brauche ich natürlich auch viele Erholungspausen. Pausen, die ich oftmals nicht habe. Pausen, die dann später in edlen Wellness-Hotels oder Spezial-Kliniken teuer erkauft werden müssen.

Mache ich aber von Anfang an etwas, bei dem ich aufleben und meinen Traum verwirklichen kann, dann ist das nicht wirklich Arbeit. Es ist auch nicht wirklich Freizeit. Ich nenne es einfach Leben. Mein Leben. Ich habe nur eines.

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8 Kommentare
  • Dennis 27. November 2019 12:16

    Gerade die Selbstreflexion und die Achtsamkeit sollte sich in meinen Augen in der heutigen Zeit jeder (egal ob Arbeitnehmer oder Arbeitgeber) ganz weit oben auf die Agenda schreiben.

    Wer angestellt ist, muss sich mitunter auch abgrenzen lernen (und im Urlaub einfach mal nicht erreichbar sein etc.). Work-Life-Balance scheint das Zauberwort zu sein, obwohl ich den Begriff ähnlich kritisch sehe. In meinem Blogbeitrag dazu habe ich mich an 5 Wegen versucht, mit denen man diese optimieren könnte. Geht in die Richtung der 5 Tipps hier, trägt aber ggf. durchaus noch was zur Diskussion bei: https://ausbilderschein24.de/work-life-balance-optimieren/

    Freue mich über Austausch und wünsche weiterhin alles Gute!

  • Ilona 26. November 2019 19:48

    Der Begriff work-life-balance impliziert meiner Meinung nach nicht, dass work negativ ist und life ausschließlich das unbeschwerte Leben bedeutet. Ich denke, es geht um einen Ausgleich bzw. gesunden Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung. Und so ist es vielleicht unerheblich, ob ich Unternehmer oder Mitarbeiter bin. Verausgaben kann man sich auch beim Verwirklichen der Träume.
    Es geht eher darum, eine schleichende Schieflage rechtzeitig selbst zu erkennen und ausgleichenden Lebensbereichen Zeit und Gewicht zu geben.
    Natürlich spielt es eine Rolle, wie viel Erfüllung und Zufriedenheit die berufliche Tätigkeit bewirkt und für wie sinnvoll ich meinen Beitrag am Gesamtergebnis empfinde. Bei sehr schwacher Ausprägung kann kein „life“ den Mangel ausgleichen. Aber nicht jeder Mensch ist in der Lage (sozial, intellektuell, finanziell) frei zu wählen.

  • Dr. Johannes Mauksch 21. November 2019 17:16

    Lieber Herr Krenzer, vielen Dank für Ihren empathischen Artikel. Ich kann jedes Wort nur mit Nachdruck bestätigen. Habe nach Abi, Lehre und Studium eine Praxis neu gegründet und nach 30 Jahren an eine junge Kollegin übergeben können. Diese 30 Jahre waren voller Freunde über die Tätigkeit mit und für die Menschen, die sich mir anvertraut haben. Auch ich habe meine Praxis völlig anders gestaltet, als der Mainstream das so macht. Es gehört immer wieder sehr viel Mut dazu, Dinge anders zu machen, als die Anderen. Aber den Erfolg darf man dann auch für sich verbuchen; und sei es nur, dass meine Praxiszeiten im Sommer von 07:00 bis 14:00 zu setzten, um deutlich mehr Freizeit mit der Familie verbringen zu dürfen. Daraus wurde für uns ein Erfolgsmodell. Sogar die Patienten habe es geliebt. Leider kamen zum Schluss ständig neue – investitionsträchtige – Vorschriften, die mich dann davon überzeugt haben, in Rente zu gehen…

  • Jürgen H. Krenzer 20. November 2019 14:16

    Lieber Mathias,
    mein Beziehungsstatus ist verheiratet und 3 Kinder im Alter von 11, 15 und 19 Jahren. Alle drei mit der gleichen Frau :-)
    Mein Freundeskreis ist sehr bunt und keineswegs auf Menschen meiner Branche oder meiner Denkweise beschränkt Ich liebe es, wenn Menschen anderer Meinung sind als ich. Deshalb habe ich vor 13 Jahren auch meine grösste Kritikerin geheiratet. Ich bin weltoffen und vertrete eine Meinung. Ob es jemandem passt oder nicht. Und meinen Horizont erweitere ich täglich. Da können Sie sicher sein. Sollte ich Ihnen auf den Schlips getreten sein, dann tut es mir leid. Ich halte es hier mit Christian Morgenstern: „Verzeiht, wenn Manches Manchen hart hier trifft. Mein Pfeil soll treffen. Aber er trägt kein Gift!“

  • Jürgen H. Krenzer 20. November 2019 14:02

    Lieber Kay, wenn du in ein Familienunternehmen hineingeboren wirst, macht das sicherlich einen Unterschied. Und der ist nicht immer positiv. Ein latenter Druck, das es ja in der nächsten Generation weiter gehen muss, ist immer vorhanden. Oftmals macht man sich den als „Reingeborener“ selbst. Ich beneide all die Gründer ( heute Startups genannt) die das aus freien Stücken entscheiden können. Letztendlich kann jeder, der es will (und kann) erfolgreicher Unternehmer werden.

  • Kay 18. November 2019 09:58

    Nur so viel: Nicht jeder wird in ein bestehendes Familienunternehmen geboren. Und ja, das macht einen Unterschied.

  • Holger Schmidt 18. November 2019 09:15

    Arbeit ist aber nicht das ganze Leben. Work-Life-Balance macht schon Sinn, denn nach Arbeit kommt Freizeit und auch während der Arbeit sind Pausen oft von Vorteil, da diese wieder neue Energie liefern. Hobby zum Beruf, klar, absolut OK, aber Mensch durschreitet verschiedene Phasen im Leben. Schonmal an Familienplanung und Elternzeit gedacht. Manchmal kommt es anders wie man denkt und dann, genau, Work-Life-Balance! Ich finde Home Office eine gute Alternative dazu, denn so kann man Privat und Beruf gut verbinden. Es kommt darauf an, ob Mensch das händeln kann aber meine Stärke ist das durchaus. Wichtig ist, dass die Arbeit gewissenhaft und ordentlch erledigt wird, dann passt es. Was nicht passt wird passend gemacht.

  • Mathias 15. November 2019 20:09

    So schön die Vorstellung auch ist, das zu tun, was man liebt – und so nie wieder zu „arbeiten“. Auch ich kenne den Abschnitt von Schmerzensgeld aus den entsprechend benannten Buch.
    Das „Life“ in „Work-Life-Balance“ steht nicht nur für Spaß oder Erholung. Es geht um mehr.
    Ich liebe meinen Beruf, ich gebe alles damit meine Kunden zufrieden sind. Aber zum einen ist einfach Schlus,s wenn das Gehirnschmalz kocht und zum anderen gibt es neben dem Computer und Arbeitskollegen und Chefs und Telefon noch viele weitere wichtige Dinge im Leben, für die man – neben der Arbeit – einfach noch Zeit braucht. Das hat aus meiner Sicht rein gar nichts damit zu tun, ob man seinen Beruf liebt oder nicht.
    Und die Ressourcen eines Menschen sind nunmal endlich – das haben Sie am Beispiel ihrer Mutter ja sehr deutlich beschrieben.
    Ich kenne ihren Beziehungsstatus und die Größe ihres Freundes- und Bekanntenkreises nicht. Aber wie auch immer diese aussehen, so ist eine einzige Lebensgeschichte nicht repräsentativ und auf alle möglichen Arbeitnehmer übertragbar.
    Bitte erweitern Sie Ihren Horizont und versetzen Sie sich (ernsthaft) in die verschiedensten Szenarien und Lebensumstände hinein. Kanzeln Sie bitte keine Leute verständnislos ab, nur weil sie diese Metapher benutzen.

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