Doppelbelastung Wie viel Arbeit ist gut für mich?
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Doppelbelastung

© Marie Merz / Photocase

Einen Vollzeit-Beratungsauftrag annehmen und gleichzeitig das eigene Unternehmen voranbringen? impulse-Blogger Sven Franzen hat sich für diese Doppelbelastung entschieden. Und dabei viel über sich gelernt.

Diesen Sommer habe ich etwas getan, was für mich früher nie in Frage gekommen wäre. Ich habe zusätzlich zu meiner Marketing-Agentur einen Beratungsauftrag bei einem international tätigen Pharmaunternehmen angenommen. Von Mai bis Ende August hatte ich quasi zwei Vollzeit-Jobs: Ich beriet das Unternehmen und verbrachte viele Stunden am Tag in Meetings. Gleichzeitig war ich in meiner Agentur auf Vollzeit-Niveau, tauschte mich mit meinen Team-Mitgliedern aus, beantwortete Kundenanfragen.

Das war extrem anstrengend. Und extrem lehrreich.

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Ich habe meine Grenzen neu kennengelernt

Ich hatte mich im Frühjahr dazu entschieden, das Angebot anzunehmen, weil ich neugierig war und es von meinen Kapazitäten auf Grund des heruntergefahrenen Lebens (zu Zeiten des ersten Lockdowns, wir erinnern uns sicher alle noch sehr gut) gut meistern konnte. Klar war, ich wollte etwas Neues ausprobieren, zugleich meine Firma weiterführen. Ein Anspruch, der zwei Vollzeit-Jobs bedeutete. Ich wusste, dass ich das hinkriegen werde.

Heute kann ich sagen: Es hat funktioniert! Aber es war viel: Sieben bis Acht Stunden produktive Arbeit am Tag finde ich für mich persönlich ideal. Das halte ich für sinnvoll und machbar. In Stoßzeiten können es natürlich auch mal mehr sein. Aber auf Dauer kann und will mein Körper nicht viel mehr. Ich bin dann müde. Und ich glaube nicht, dass das etwas mit meinem Alter oder der Einstellung der jüngeren Generation generell zu tun hat. Dieser Mythos vom Malochen bis zum Umfallen hat auch früher schon niemandem gutgetan. Ich bin sicher, wenn man konzentriert fünf bis sieben Stunden arbeitet, mehr leisten kann, als neun bis zehn Stunden “Präsenz”. Wenn ich arbeite, möchte ich aktiv für meine Kunden sein und alles geben. Egal ob Agenturkunde oder Beratungsagreements.

Ich brauche meine Freiheit

Die Doppelbelastung hat dazu geführt, dass ich vieles herunterschrauben musste. Ich hatte weniger Zeit für Freunde und Familie. Das hat mir zum Glück niemand zum Vorwurf gemacht. Aber es hat mir gefehlt. Sich mit Freunden und Familie auszutauschen ist einfach wichtig und es sind unwiederbringliche Momente, die wir gemeinsam leben sollten. Ich habe erkannt: Das wichtigste für mich ist Zeit, die ich mir frei einteilen kann.

Mir ist in diesen Monaten auch bewusst geworden, wie sehr ich meine Freiheit als Unternehmer brauche und schätze. Es war spannend, die Zusammenhänge in einem großen Konzern zu sehen. Aber ich merkte schnell, dass das Arbeiten dort nicht so flexibel wie als Unternehmer ist – klar: wenn ein Meeting mit Teilnehmern auf drei verschiedenen Kontinenten in unterschiedlichen Zeitzonen angesetzt ist, lässt sich das eben nicht so einfach verschieben. Bei meinen eigenen Terminen ist das natürlich unkomplizierter, das liegt in der Natur der Sache.

Meine Zeit war aufgeteilt wie ein Kuchen

Funktioniert hat das Ganze nur, weil ich mich extrem fokussiert und strukturiert habe. Ohne Disziplin und feste Timeslots für alle Aufgaben hätte ich das nie unter einen Hut gekriegt. Ich habe meine Zeit wie einen Kuchen aufgeteilt.  12, 13 Stunden am Tag waren für geschäftliche Aufgaben reserviert, alles war durchgetaktet. In dieser Phase habe ich zum Beispiel kaum Akquise-Telefonate geführt, dafür blieb einfach keine Zeit.

Meine eigenen Mitarbeiter wussten: Sie können mich morgens zwischen 7 und 9 Uhr erreichen. Sie haben sich darauf eingestellt und es hat gut funktioniert. Bevor ich den Auftrag annahm, hatten wir darüber gesprochen, ob sie so arbeiten wollen. Mir war klar, dass ich das nur machen kann, wenn mein Team das mitträgt. Meine Erkenntnis nach dieser intensiven Zeit ist, dass die Geschäfte auch laufen, wenn ich nicht permanent präsent bin. Und das ist ein gutes Gefühl.

Auch von meinen Kunden habe ich kein negatives Feedback bekommen. Ich war ja weiterhin für sie da – nur eben teilweise mit etwas längerem Vorlauf. Fragte ein Kunde früher nach einem Termin, konnte ich oft sagen: Gern, wie wäre es morgen um 15 Uhr? In dieser Zeit der Doppelbelastung ließ sich der nächste freie Zeitslot manchmal erst in zwei Wochen finden. Darüber habe ich mir anfangs den Kopf zerbrochen. Aber ich habe schnell gemerkt: Für meine Kunden war das gar kein großes Thema, sie haben das akzeptiert und es in ihrer Planung berücksichtigt.

Die Rückkehr in den normalen Modus war hart

Als der Beratungsvertrag auslief, habe ich eine Ahnung davon bekommen, wie sich mein Vater gefühlt haben muss, als er in Rente ging. Der Übergang fiel mir richtig schwer. Es ist hart, wieder herunterzufahren, wenn man zuvor wochenlang kaum Zeit zum Luftholen hatte. In den ersten Tagen ertappte ich mich öfter bei der Frage: Was mache ich denn jetzt? Irgendetwas gibt es doch bestimmt noch zu tun? Oder nicht? Freie Zeiten zu akzeptieren war schwierig für mich.

Doch schnell konnte ich meine alte Freiheit auch wieder genießen. Ich hatte endlich wieder mehr Zeit zu lesen, Sport zu machen oder in einem Café zu sitzen und “Menschen zu beobachten” (ja, ich mag das manchmal wirklich zu sehen, wie Menschen zusammen lachen oder ihre Zeit verbringen – es kann inspirierend sein). Und auch für längere Telefonate und Mastermind-Gruppen war wieder Luft. Das hatte mir schon gefehlt.

Ich würde es wieder tun

Inzwischen kann ich sagen: Ich bin wieder angekommen in meinem vorherigen Alltag meiner Marketing-Agentur. Durch meinen Ausflug in die Konzernwelt ist mir noch einmal klar geworden, wie wichtig mir meine Freiheit als Unternehmer ist. Und wieviel Spaß es mir macht, meinen Kunden dabei zu helfen, ihre Zielgruppe besser zu verstehen und das passende Marketing für sie zu entwickeln. Warum mache ich, was ich mache? Was will ich – und was nicht? Was treibt mich an? Auf diese Fragen habe ich jetzt eine noch klarere Antwort.

Ich könnte mir sogar vorstellen, in Zukunft noch einmal einen ähnlichen Auftrag anzunehmen. Denn die Konzernwelt hat mich gereizt und es ist ein spannendes Feld. Ich weiß jetzt, dass ich drei bis fünf Monate so arbeiten könnte. Für diese begrenzte Zeit ist das machbar. Die restliche Zeit des Jahres möchte ich dann aber in “meinem” Alltag mit mehr Freiheiten leben. Das wurde mir sehr klar!

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