Ikarus-Effekt Wenn Erfolg blind macht

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Wer sich nur auf alte Erfolg verlässt, dessen Sichtfeld verengt sich - und womöglich wird er Opfer des Ikarus-Effekts.© impulse

Manche Unternehmer scheitern, weil sie sich auf frühere Erfolge verlassen – Ikarus-Effekt nennen Wissenschaftler dieses Phänomen. Typische Ursachen und wie man sich dagegen wappnet.

Der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ist es passiert.

„Die Höhle der Löwen“-Star und IT-Investor Frank Thelen ist es passiert.

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Dem Fotofilm-Erfinder und Kamera-Pionier Kodak ist es passiert.

Sie alle preschten von einem Erfolg zum nächsten – als Weltmeister, Start-up-Mitgründer oder jahrzehntelanger Marktführer. Bis sie abstürzten. Frei nach dem Motto „Hochmut kommt vor dem Fall“ scheiterte die deutsche Elf bei der vergangenen WM bereits in der Vorrunde – wie bislang fast alle ehemaligen Weltmeister bei der folgenden WM. Unternehmer Frank Thelen fuhr Doo vor die Wand, seine von Experten gelobte Online-Plattform für die Verwaltung von Dokumenten. Kodak vernachlässigte zu lang die Digitalfotografie und musste 2012 Insolvenz anmelden.

Immer wieder scheitern einst erfolgreiche Menschen und Firmen, weil sie sich auf alte Erfolge verlassen. Dieses Phänomen hat der kanadische Wirtschaftswissenschaftler Danny Miller untersucht und in seinem gleichnamigen Buch von 1990 Ikarus-Effekt oder auch Ikarus-Paradox genannt – nach der griechischen Sagenfigur Ikarus, der übermütig mit seinen selbstgebauten Flügeln so hoch flog, dass sie schmolzen und er in den Tod stürzte. Seither haben sich immer mehr Experten mit dem Ikarus-Effekt befasst. Zum Beispiel der Psychologe, Coach und Resilienzvordenker Denis Mourlane, der sich in den vergangenen zehn Jahren mit den Gründen für Erfolg und Scheitern auseinandergesetzt hat. Die wichtigsten Erkenntnisse.

Ursachen des Ikarus-Effekts

Woran liegt es, dass manche Unternehmer erfolgsblind werden – und davon ausgehen, dass alles, was sie anfassen, zu Gold wird? „Wenn jemand schon sehr viele Erfolge in seiner beruflichen Laufbahn hatte, dann ist das ein ganz logischer Denk- und Lernprozess“, sagt Experte Mourlane. „Wenn Dinge funktionieren, warum soll ich dann beim nächsten Mal glauben, dass es nicht funktioniert? Das ist ganz normal. Aber: Erfolg bedeutet natürlich nicht automatisch, dass es immer so weitergeht.“

Frank Thelen etwa hatte bereits mehrere Unternehmen zum Erfolg geführt, als er die Plattform Doo auf den Markt brachte. In seiner Autobiografie schreibt er, dass er für die neue Idee brannte, Zustimmung von Kollegen und Branchenkennern erhielt und zehn Millionen Euro von Investoren einsammelte. Letztlich unterschätzte er jedoch die Fehleranfälligkeit seiner Erfindung und die geringe Bereitschaft der Nutzer, sich auf die revolutionäre Technologie einzulassen – das Produkt floppte. „Ich war gescheitert, diesmal als erfahrener Unternehmer“, resümiert Thelen.

Viel Lob, aber wenig Kritik

Thelens Beispiel zeigt zwei typische Ursachen des Ikraus-Effekts: Große Begeisterung für das eigene Vorhaben und ständiges Lob und Anerkennung, aber wenig Kritik. Letzteres haben US-Wissenschaftler der Kellogg School of Management in Chicago untersucht. Über mehrere Jahre hinweg befragten sie 451 CEOs und mehr als 3000 Manager immer wieder. Ihren Untersuchungen zufolge steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Geschäftsführer scheitert, wenn Mitarbeiter ihm ständig schmeicheln und seine Arbeit loben. Denn dadurch würden manche Chefs zu selbstsicher und hörten auf, ihre eigene Arbeit zu hinterfragen.

Zu viel Begeisterung für die eigene Idee

Laut Coach Mourlane blenden Menschen zudem oft vor lauter Begeisterung für eine Idee aus, dass sie womöglich wenig taugt. „Emotional Reasoning nennt man das“, sagt Mourlane. „Wir schließen von Emotionen auf Situationen. Angst sagt uns, dass Gefahr besteht. Das stimmt häufig, aber manchmal haben Menschen auch Angst, obwohl gar keine Gefahr besteht – zum Beispiel vor einer harmlosen, ungiftigen Spinne. Das geht auch andersrum: Wenn ich begeistert von einer Idee bin, denke ich, sie muss auch toll sein. Aber auch das ist nicht immer der Fall.“

Wie Unternehmer verhindern, erfolgstrunken zu werden

Kritik annehmen

Um die eigene Arbeit zu reflektieren, sollten Unternehmer auf Kritik und Bedenken anderer hören – oder überhaupt erstmal im Unternehmen eine Atmosphäre schaffen, in der jeder offen seine Meinung äußern kann. Mourlane: „Wenn jemand zu unabhängig von der Meinung anderer arbeitet und gar nicht auf berechtigte Kritik hört, kann das auch gefährlich werden.“

Offen für Kritik zu sein heißt aber nicht, dass Chefs bei jeder kritischen Stimme ihre Idee über Bord werfen sollten: „Als Unternehmer muss man an seine Ideen glauben“, sagt Mourlane. „Es gilt, die Balance zu finden zwischen Mut, Risikobereitschaft und einem realistischen Blick darauf, ob das eigene Tun sinnvoll ist. Die Kunst ist, Selbstvertrauen zu haben und sich nicht zu schnell verunsichern zu lassen. Und es gleichzeitig zu bemerken, wenn die Warnzeichen immer größer werden – und rechtzeitig die Reißleine zu ziehen.“ Einen realistischen Optimismus nennt Mourlane das.

Sein Tipp an Unternehmer: Menschen suchen, die ehrliches Feedback geben. „Das müssen nicht unbedingt bezahlte Berater sein. Sondern einfach Menschen, die einen nicht beneiden, die einen einfach mögen und ihre ehrliche Meinung sagen“, sagt Mourlane.

Konsequenzen aus Fehlern ziehen

Wichtig sei es zudem, aus seinen Fehlern zu lernen. So wie Mourlane: Er scheiterte mit seinen ersten Resilienztrainings, gab aber nicht auf: „Der fehlende Erfolg hieß nicht, dass Resilienztrainings generell nicht sinnvoll sind – ich hatte sie einfach schlecht umgesetzt. Das habe ich gelernt und anders gemacht. Es geht dabei um den wichtigen Resilienzfaktor „Kausalanalyse“. Wenn ich den Grund, die Kausa, für einen Misserfolg richtig analysiere, werde ich den Fehler nicht immer wieder aufs Neue machen und die Chance erfolgreich zu sein, erhöhen. Wie es eben mit den Resilienztrainings geschehen ist.“

Frank Thelen gibt in seinem Buch zu, dass er vor lauter Begeisterung für seine App Fehler ausblendete, die er bereits mit einem früheren Start-up gemacht hatte. Doch diesmal lernte auch er: Nach dem Flop änderte er das Geschäftsmodell und brachte die wesentlich einfach gestricktere Scanner-App Scanbot auf den Markt. Sie gehört mittlerweile zu den beliebtesten ihrer Art und ist profitabel.

Auch Kodak änderte sein Geschäftsmodell nach der Insolvenz: Der Firma verkauft heute keine Fotofilme mehr, sondern hat sich auf digitalen Druck spezialisiert.

Und die Fußball-Nationalmannschaft? Abwarten.

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1 Kommentar
  • Ingo Ullrich 25. Juli 2019 09:12

    Mit der Zeit habe ich viele kommen und gehen sehen, Dampfplauderer erlebt und Himmelsstürmer. Geblieben sind die, welche wußten woher sie kommen, was sie machen und wo sie hinwollen.

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