Kranker Chef Soll ich mich krank zur Arbeit schleppen?

Auf Ihrem Schreibtisch sieht es aus wie in der Apotheke? Dann schleunigst nach Hause: Ein kranker Chef gehört ins Bett.

Auf Ihrem Schreibtisch sieht es aus wie in der Apotheke? Dann schleunigst nach Hause: Ein kranker Chef gehört ins Bett.© BillionPhotos.com / Fotolia.com

Die Erkältungswelle kann auch Unternehmer treffen. Aber was tun, wenn der Kopf platzt und die Nase läuft, wenn ein wichtiger Auftrag kurz vor dem Abschluss steht?

Alle Jahre wieder: Ab November nimmt die Grippe- und Erkältungssaison in den Büros richtig Fahrt auf. Es wird gehustet, geschneuzt, trompetet, geschnieft und gekrächzt. Viele Arbeitsplätze verwandeln sich in Virenherde, die Mülleimer quellen vor lauter gebrauchten Papiertaschentüchern über.

Mehr als jeder zehnte Arbeitnehmer lässt sich bei Erkältung und Grippe laut einer Umfrage des Verbraucherportals erkaeltet.info trotzdem nicht krankschreiben. Auch viele Chefs schleppen sich zur Arbeit. Arbeitspsychologe Andreas Krause erklärt im impulse-Interview, welche Folgen das haben kann – nicht nur für den kranken Chef, sondern auch für seine Mitarbeiter und die gesamte Firma:

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impulse: Herr Krause, Sie sagen: ein kranker Chef gehört ins Bett. Warum?

Andreas Krause: Mitarbeiter lernen sehr schnell, wie man sich im Unternehmen bei Krankheiten zu verhalten hat. Wird über Erkrankungen überhaupt geredet und wann darf ich überhaupt krank sein? Die Art und Weise, wie Chefs mit eigenen Erkrankungen umgehen, gibt Mitarbeitern eine Orientierung, was von ihnen selbst erwartet wird.

Kommen Chefs krank in den Betrieb, spüren Mitarbeiter einen Zwang, dies auch zu tun – selbst wenn sie krank sind. Damit schaden sie nicht nur sich selbst, sondern stecken womöglich auch noch andere Mitarbeiter an. Diesen so genannten Präsentismus sollten Chefs verhindern. Und selbst eine Erkältung kann sich ewig hinziehen, wenn sie nicht richtig auskuriert wird.

Diese Vorbildfunktion gilt aber auch anders herum: Wenn die Unternehmer bewusst auf ihre eigene Gesundheit achten, dann achten auch Mitarbeiter tendenziell mehr auf ihre Gesundheit.

Aber der Laden bricht doch zusammen, wenn der Chef ungeplant ausfällt!

Wenn die Organisation zusammenbricht, nur weil der Chef nicht da ist, haben wir ein Problem, das gar nicht mit der Erkrankung des Chefs zusammenhängt. Da sind wir beim kleinen Einmaleins guter Betriebsführung: gut eingespielte Stellvertreterregelungen, die schnell greifen. Teams, die selbst Entscheidungen treffen und nicht ständig auf ihren Chef warten. Mitarbeiter, die Verantwortung übernehmen wollen und auch mal Risiken eingehen.

Zuhausebleiben heißt ja nicht unbedingt, dass ich den ganzen Tag im Bett liegen muss. Was können Chefs vom heimischen Sofa aus tun – und was besser nicht?

Das hängt sicher auch von der Erkrankung ab. Wenn ein Chef krank ist und auf dem Sofa sitzt, sich aber phasenweise ausreichend fit sieht, kann es ja erholsam sein, ein paar Dinge zu erledigen, die im Arbeitsalltag liegenbleiben. Aber von zu Hause aus den Mitarbeitern mit E-Mails in Dauerbeschuss die Beine zum Laufen zu bringen, ist sicher keine gute Idee. Wichtig ist auch zu klären, für wen der Chef wann und wie selbst zu Hause erreichbar ist – nur die Sekretärin, alle leitenden Angestellten oder sogar das gesamte Team?

Kann die erzwungene Auszeit vielleicht auch eine Chance sein, die eigene Einstellung zur Arbeit zu überdenken? 

Viele Chefs halten sich für Superhelden, die Pausen nicht nötig haben. Und Organisationen möchten ja vielfach auch solche Superhelden, die stets im Einsatz sind und ihr ganzes Engagement für die Arbeit investieren. Kurzfristig mag das funktionieren, aber es wird irgendwann kippen. Wer gesundheitlich angeschlagen ist und sich nie krankschreiben lässt, der hat übrigens ein mindestens doppelt so hohes Risiko für Herzkreislauferkrankungen als gesundheitlich angeschlagene Kollegen, die sich moderat krankschreiben lassen. Und natürlich gilt: Wer zuhause bleibt, erholt sich schneller und wird dadurch vermutlich schneller wieder gesund.

Warum gehen überhaupt so viele Chefs krank zur Arbeit?

Das hängt mit dem Druck zusammen, den sie verspüren: Führungskräfte haben längere Arbeitszeiten und eine höhere Arbeitsmenge zu stemmen und tragen mehr Verantwortung. Viele Aufgaben liegen bei den Chefs, werden nicht delegiert – und dann erscheint die Person besonders unabkömmlich. Aber auch die Erkrankung spielt eine Rolle bei der Entscheidung: „Bleibe ich heute im Bett liegen?“

Wie meinen Sie das?

Wenn die Chefin eine ansteckende Krankheit hat, dann muss sie zu Hause bleiben, das ist klar. Was macht die Chefin aber, wenn sie starke Kopfschmerzen hat, Rückenbeschwerden oder einen Tennisarm? Wir sind ja nicht einfach gesund oder krank, sondern bewegen uns auf einem Kontinuum.

Was machen kranke Freiberufler?

Freiberufler haben ein besonders starkes Interesse zu arbeiten, um ihren Kunden zufriedenzustellen und Deadlines einzuhalten. Wir sprechen von interessierter Selbstgefährdung, wenn deshalb die eigene Gesundheit riskiert wird, also etwa mit starker Erkältung gearbeitet wird. Interessanterweise sind Freiberufler aber im Durchschnitt gesünder als abhängig Beschäftigte. Sie erleben sich also vielfach als autonom Handelnde – und das ist gut für die Gesundheit.

Dann geht es ihnen besser als vielen anderen?

Zumindest untere und mittlere Führungskräfte erleben sich leider vielfach als Getriebene. Wenn Sie als Führungskraft trotz Krankheit arbeiten, nur um Berichte zum Quartalsende abzuschließen, deren Sinn für Sie nicht ersichtlich wird, dann sind Sie eben nicht so frei wie ein Freiberufler. Ein Freiberufler arbeitet vielfach trotz Krankheit, aber er kann dann auch Pausen und Regeneration nach anstrengenden Phasen viel stärker selbst einplanen. Das ist viel wert.


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