Marc Wallerts Dschungelstrategie Diese 3 Schutzfaktoren helfen, jede Krise zu überstehen
Marc Wallerts Dschungelstrategie hilft ihm auch während der Corona-Krise

© Ildo Frazao / Getty Images

Marc Wallert überlebte eine Geiselnahme auf den Philippinen. Damals lernte er, starken psychischen Belastungen standzuhalten. Seine Dschungelstrategie hilft ihm jetzt auch durch die Corona-Krise.

Wenn Marc Wallert über Krisen und deren Bewältigung redet, weiß er, wovon er spricht. Im April 2000 wurde er zusammen mit seinen Eltern im Urlaub von radikal-islamischen Terroristen verschleppt. Fast fünf Monate kämpfte er im philippinischen Dschungel ums Überleben.

Doch damit nicht genug: Zurück in der Heimat trieb ihn der normale Alltag in einen Burn-out. In seinem Blog erzählt er, was er aus den Krisen gelernt hat und wie ihm das durch die aktuelle Situation hilft.

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„Die Corona-Krise ist wie ein déjà-vu für mich. Die Parallelen zu meiner Entführung vor 20 Jahren sind frappierend!“, schreibt Wallert. Die Herausforderungen in beiden Krisen seien sich sehr ähnlich: „Stark bleiben in einer unsicheren Lage, die potenziell lebensgefährlich oder auch beruflich existenzgefährdend ist – eine Lage, bei der man nicht weiß, wie sie am Ende ausgeht und wie lange es dauern wird.“

Er warnt vor den psychischen Gefahren, die solch ungewöhnliche Zeiten mit sich bringen. Um die Corona-Krise unbeschadet zu überstehen und vielleicht sogar gestärkt daraus hervorzugehen, rät Marc Wallert seine „Dschungelstrategie“ anzuwenden.

1. Die Krise akzeptieren

Laut Krisenprofi Wallert ist es enorm wichtig, in der neuen Realität anzukommen – auch wenn es schwerfällt. Für viele Menschen war das Virus lange Zeit etwas, das am anderen Ende der Welt passierte. Bis die Krise plötzlich vor der eigenen Haustür stattfand. Die Langsamkeit, mit der die neue Lebenssituation in das Bewusstsein der Menschen sickert, erinnert ihn an seine Entführung.

„Als man uns vor 20 Jahren aus dem (Taucher-)Paradies entführte, waren die Reaktionen ähnlich: Erst dachte ich‚ die wollen uns bestimmt nur ausrauben, das ist schnell vorbei – Hauptsache ich bin pünktlich zurück zum Projektstart im Job‘“, schreibt er. Dass es Monate dauern wird, ahnt er damals noch nicht.

Irgendwann komme der Punkt, an dem man realisiere, dass es nicht so weiter geht wie bisher. „Am liebsten würden wir nun die Zeit zurückdrehen und alles ungeschehen machen“, so Wallert. Das ist eine verständliche Reaktion – aber keine besonders hilfreiche. Denn sie bringt einen nicht weiter.

Daher ist es wichtig, die Krise zu akzeptieren und zu versuchen, das Beste daraus zu machen. Mit den Gedanken in der Vergangenheit festzustecken ist nur Energieverschwendung. „Es gilt schnellstmöglich aus der Opferrolle rauszukommen und rein ins Gestalten. Denn wer handelt, der fühlt sich kraftvoll statt ausgeliefert“, schreibt er in seinem Blog.

Wer mit der Lage hadert und sich ständig fragt „Warum gerade ich?“, dem rät Wallert, seine Gedanken aufzuschreiben. „Damit bekommen Sie Ihren Kopf frei und lassen Druck ab. Als Geisel hat mir damals Tagebuchschreiben sehr geholfen.“

2. Nicht den Kopf verlieren

Menschen, die sich in einer Krise befinden, tendieren dazu entweder panisch oder übertrieben positiv zu werden. Laut Wallert ist beides gefährlich.

„Während der Entführung schwankten wir wochenlang zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Mal sagten die Entführer: ‚Übermorgen werdet ihr freigelassen.‘ Dann drohten sie: ‚Wir enthaupten Euch, wenn kein Lösegeld gezahlt wird.‘ Um einen kühlen Kopf zu bewahren, habe ich mich emotional auf keines der beiden Szenarien eingelassen“, erinnert sich der ehemalige Gefangene.

Um die Entführung zu überstehen, versuchte Wallert, nicht zu stark in eine Richtung zu denken: „Vielmehr habe ich mich auf eine lange und beschwerliche Zeit eingestellt und zugleich fest an meine Freilassung geglaubt“, erinnert er sich. Der Optimismus gab ihm Kraft zum Durchhalten. Sein Realismus wappnete ihn gegen die Risiken.

Diese Haltung hilft auch in der Corona-Krise. Denn wer die Pandemie unterschätzt, wird zu Sorglosigkeit verführt – und wenn es dann schlimmer kommt als gedacht, ist die Enttäuschung umso dramatischer. Zu viel Angst hingegen lähmt uns und macht uns handlungsunfähig. Wallert rät, sich auf eine lange und herausfordernde Zeit einzustellen, aber gleichzeitig nicht den Mut zu verlieren.

Lesen Sie hier mehr zum Thema: Wie Sie in Krisenzeiten besonnen mit Ihren Zielen umgehen

3. Optimismus als Kraftquelle

Wallert empfiehlt in seinem Blog einen dritten Schutzfaktor in der Corona-Krise: Optimismus. Denn eine optimistische Grundhaltung wirkt sich positiv auf die psychische und physische Gesundheit aus.

Um den eigenen Optimismus zu fördern, gibt es verschiedene Techniken. Die Methode der Zukunftsbilder nutzte Wallert auch während seiner 140-tägigen Entführung. „So habe ich mir vorgestellt, wie ich zurück in Freiheit in einem Café einen Cappuccino trinken und dabei einem guten Freund von meinen Erlebnissen im Dschungel berichten werde. Diese Vorstellung gab mir Kraft, meine schwierige Lage zu ertragen“, berichtet er.

Auch Sportler nutzen diesen mentalen Trick vor wichtigen Wettkämpfen. Vor dem Start malen sie sich ganz genau aus, wie sie als Erster das Ziel erreichen und auf dem Treppchen stehen. Auch in der Corona-Krise kann es helfen, ein positives Zukunftsbild zu zeichnen. „Versetzen Sie sich mit allen Sinnen hinein: Wie sieht es aus? Wie fühlt es sich an? Was höre ich dort?“, rät Wallert.

Als weitere kleine Optimismus-Technik nutzten Marc Wallert und seine Mitgefangenen im Dschungel ein Dankesritual. „Statt flehende Gebete in den Himmel zu schicken, dankten wir reihum für all das, was gerade gut war: ‚Wir hatten heute genug zu essen‘, ‚Es wird für unsere Freilassung verhandelt‘ oder schlichtweg ‚Auch diesen Tag haben wir überlebt‘. Spürbar positiver kehrten wir danach in unseren beschwerlichen Dschungelalltag zurück“, erinnert er sich.

Wallert rät, diese Methode auch in der aktuellen Krise anzuwenden – beispielsweise beim Tagebuchschreiben oder dem Abendessen mit der Familie. Fragen Sie sich: Was lief heute gut? Wofür bin ich dankbar?

Auch wenn Ihre Antworten im Vergleich zu Ihren Sorgen winzig klein wirken, ist es sinnvoll, sich diese positiven Aspekte bewusst vor Augen zu führen. „So schulen Sie Ihr Gehirn, auch in belastenden Extremsituationen den Blick für das Positive zu bewahren und damit Ihr eigenes Wohlbefinden zu stärken“, erklärt Krisen-Profi Wallert.

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1 Kommentar
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    Olaf Sprick 22. Mai 2020 09:57

    Guter Bericht – mit der wichtigste Punkt ist in der Tat
    Akzeptanz, das ist bereits der erste Schritt aus der
    Krise; egal, wie lange sie dauern wird. Ergänzend
    hilft es mit positiven Affirmationen zu arbeiten:
    ich bin stark, ich werde die Krise meistern, ich
    werde meine Ziele erreichen etc. pp.

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