Ruhiger Jahresanfang „Ich habe ein mulmiges Gefühl“
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"Ich habe ein mulmiges Gefühl"

© Marie Maerz/Photocase.de

Kaum Mails, leere Projektpläne: Das Jahr startet für impulse-Blogger Sven Franzen ungewohnt ruhig. Wie er mit der pandemiebedingten Stille umgeht und was ihm jetzt hilft.

Zum Jahresanfang brennt bei uns normalerweise die Hütte. Nach den Weihnachtsferien quillt mein E-Mail-Postfach eigentlich über. Ein Kick-off-Meeting würde das nächste jagen. Wir arbeiten als Agentur oft mit Marketing-Managern von Unternehmen zusammen, die kommen nach den Feiertagen üblicherweise mit vielen Ideen zurück und wollen sich mit uns treffen.

Doch dieses Jahr ist alles anders. Wir hatten vom 22. Dezember bis zum 10. Januar Betriebsferien – so lange wie noch nie. Es war total entspannt, ich konnte gut abschalten. Anders als sonst im Urlaub habe ich auch wirklich nicht gearbeitet.

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Die Stille macht mich nachdenklich

Zurück im Büro, fühlt es sich aber fast so an, als wäre ich nie weg gewesen. Es gibt kaum Anfragen, nur vereinzelte Mails, keine dringlichen Bitten um Rückruf. Wenn ich unsere Projektmanagement-Software öffne, bin ich kurz irritiert: So leer und aufgeräumt sieht es da normalerweise nie aus.

Das erschreckt mich. Und ja, es macht mir auch Angst.

Ich habe Rücklagen. Und auch, wenn ich mit meiner Agentur im vergangenen Jahr 30 Prozent weniger Umsatz gemacht habe, stehen wir gut da. Wir haben einfach gut und schnell reagiert und die Kosten an den richtigen Stellen gesenkt, so dass wir insgesamt mehr Gewinn gemacht haben als jemals zuvor. Trotzdem beschleicht mich der Gedanke: Irgendwann sind Rücklagen auch aufgebraucht.

Wie können wir uns gut aufstellen?

Ich merke: Die wenige Arbeit, die Stille – das macht etwas mit mir und meinem Team. Bei unserem ersten Meeting in diesem Jahr haben wir ganz offen darüber gesprochen, wie es uns mit dieser Situation geht. Mein oberstes Ziel war es, Ruhe zu bewahren. Wir haben uns einen Plan gemacht, wie wir in den nächsten Wochen vorgehen:

  • Wir werden erst einmal alle noch offenen Aufgaben abarbeiten und den Kunden gegenüber offen kommunizieren, dass wir noch Kapazitäten haben, mehr zu tun.
  • Wir suchen uns neue Aufgaben. Was wollten wir schon ewig einmal angehen, aber es war nie die Zeit dafür? Ein bisschen so wie bei Frühjahrsputz, wenn man sich denkt: Hinter dem Schrank habe ich ja schon ewig nicht mehr gesaugt – das mach ich jetzt mal!
  • Wir hinterfragen den Status Quo: Ist es etwa noch stimmig, wie wir nach außen auftreten? So haben wir zum Beispiel entschieden, einige unserer Landingpages zu überarbeiten, um von Interessenten noch besser gefunden zu werden.
  • Und, ganz wichtig: Wir gehen die Datenbank mit unseren Bestandskunden durch und kontaktieren alle. Das beansprucht viel Zeit, aber ich glaube, dass es gerade jetzt wichtig ist, den Kontakt zu halten, Hilfe anzubieten und zu zeigen, dass wir als Partner an ihrer Seite stehen.

Das alles machen wir in der Hoffnung, dass die Geschäfte in den nächsten Monaten wieder anziehen werden. Dann wollen wir gut aufgestellt sein und wieder durchstarten.

Ich will den Zweifeln nicht zu viel Raum geben

Es ist nicht einfach, mit der Unsicherheit klarzukommen. Natürlich gibt es auf rationaler Ebene Erklärungen dafür, warum es bei uns im Moment so ruhig ist. Ich glaube zum Beispiel, dass viele ihren Urlaub noch einmal verlängert haben. Oder wegen der Kinderbetreuung noch nicht wieder voll eingestiegen sind. Dazu kommt eine allgemeine Zurückhaltung, was Marketing-Aktivitäten angeht. Die Pandemie macht uns allen zu schaffen, der Lockdown schlägt auf die Stimmung. Unternehmen reagieren verhaltener und planen erstmal keine großen Aufschläge. Weil ja keiner weiß, was noch auf uns zukommen wird in den nächsten Monaten.

Aber emotional ist diese Situation für mich total ungewohnt. Ich habe ein mulmiges Gefühl, Zweifel kommen auf.

Was mir hilft

Ich versuche, diese Zeit als Übergangsphase zu betrachten. Dieser Zustand ist vergänglich – der Satz hat für mich eine enorme Kraft.

Und was, wenn nicht? Wenn die Wirtschaft so schnell nicht wieder anzieht? Natürlich schwirren mir auch solche Fragen durch den Kopf. Doch ich treffe eine bewusste Entscheidung und sage mir: Damit beschäftige ich mich erst dann, wenn es soweit ist. „Das ist jetzt nicht dran.“ So hat es eine Mentorin von mir einmal formuliert, als es darum ging, sich nicht im Vorhinein den Kopf zu zerbrechen über Probleme, die womöglich auftreten könnten. Die wir aber im Moment gar nicht beeinflussen können.

Diese Gedanken helfen mir, meine Motivation zu behalten. Wir konzentrieren uns im Team auf das, was wir beeinflussen können. Auf die positiven Dinge, die wir jetzt tun können für unser Unternehmen, für unsere Kollegen, für unsere Kunden.

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3 Kommentare
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    Sven L. Franzen 19. Januar 2021 12:39

    Sehr geehrter Herr Dytrt,

    danke für Ihren Kommentar und schön, dass mein Blogbeitrag Sie inspiriert hat. Wie geht es Ihnen damit? Sind Sie in einer ähnlichen Situation?

    Sehr geehrter Daniel,
    Ich danke für Ihren Kommentar. Ich stimme Ihnen zu, dass eine Langfriststrategie nötig ist. Das fehlt und ist uns die Politik derzeit noch schuldig. Danke für Ihre offenen Worte zu Ihrer Situation. Ich drücke Ihnen die Daumen.

    Beste Grüße,
    Sven L. Franzen

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    Daniel 19. Januar 2021 08:40

    Danke, so geht es mir und meinem Team aktuell auch. Diesen Artikel hätte ich genauso auch schreiben können, bis auf die Tatsache, dass wir unsere Rücklagen bereits verbraucht haben. Mulmig wird mir auch täglich im Hinblick auf „Strategien“ die seitens der Politik verkündet werden. Positiv nach vorne zu schauen fällt mir täglich schwerer. Ich hoffe auf einen Umschwung und werde mir ebenso wie Sie bewusst machen mich nicht mit möglichen Problemen von Morgen zu beschäftigen, sondern im Hier und Jetzt zu bleiben. Vielen Dank für diesen ehrlichen Artikel.

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    Olaf Dytrt 19. Januar 2021 07:40

    Tolle, offene und ehrliche Worte. Besser kann man die Gefühle nicht beschreiben.

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