Selbstfürsorge als Unternehmerin „Kann ich mich jetzt einfach rausziehen?“

Die Welt aus den Fugen, in der Firma viel los: Darf man sich als Unternehmerin dann die dringend benötigte Auszeit gönnen? impulse-Bloggerin Vanessa Weber hadert.

  • INSIDER

© Steffi Henn

Ich hatte mich schon vor einigen Monaten dazu entschieden: Ende März wollte ich zum ersten Mal in meinem Leben Heilfasten, als zweiwöchige Auszeit unter ärztlicher Aufsicht. Letztes Jahres war ich bei einem Seminar, dort hat eine andere Teilnehmerin so vom Fasten geschwärmt, dass ich es spontan für dieses Frühjahr gebucht habe.

Mir war schon länger klar, dass ich dringend eine Pause brauche. Ich habe in der Corona-Zeit viel zu wenig auf meine Bedürfnisse geachtet. Manchmal habe ich mich gefragt, mit wem ich eigentlich über meine Sorgen reden kann. Nach dem Tod meiner Schwester hatte ich mir vorgenommen, öfter nur noch bis 14 Uhr zu arbeiten und mehr Zeit draußen zu verbringen. Weil ich weiß, dass mir das guttut. Aber das hat in den vergangenen Monaten nicht so geklappt wie geplant.

Wenn ich so weitermache, laufe ich irgendwann gegen die Wand

Ich wusste: Ich muss mich resetten. Wenn ich jetzt einfach so weitermache, werde ich irgendwann gegen die Wand laufen.

Doch kurz vor der Auszeit kamen Zweifel in mir auf. Kann ich jetzt einfach wegfahren? In mir herrschte das reinste Gefühlschaos. Auf einmal war Krieg, Corona beschäftigte uns auch weiter und dann hatte gerade auch noch ein wichtiger Mitarbeiter gekündigt.

Ich machte mir Sorgen und hatte auch ein schlechtes Gewissen. Sollte ich nicht doch lieber stornieren? Schaffe ich das alles? Mein Terminkalender ist bis Mai durchgeplant, es ist so viel los gerade.

Kann ich das machen? Ja, ich muss sogar!

Immer wieder kreiste ich um die Frage: Kann ich das jetzt wirklich machen? Bis mir klar wurde: Ja, ich kann. Ich muss sogar! Ich muss mal raus, ich muss Kraft tanken. Es ist wichtig, gut für mich selbst zu sorgen. Sonst kann ich nicht gut für andere sorgen. Wie heißt es immer so schön im Flugzeug: „Setzen Sie zuerst selbst Ihre Sauerstoffmaske auf, bevor Sie anderen helfen.“

Ich entschied mich, es durchzuziehen. Und ich ging sogar noch einen Schritt weiter: Ich würde nicht nur auf feste Nahrung verzichten, sondern auch noch mein Smartphone an der Rezeption abgeben. Digital Detox, zwei Wochen ohne Mails und Nachrichten. Wenn schon, denn schon!

Ich informierte meine wichtigsten Ansprechpartner, meinen Mails verpasste ich eine Abwesenheitsnotiz und auch bei Social Media und WhatsApp kündigte ich an, dass ich zwei Wochen weg sein würde. Vor Ort gab es ein Festnetz, meine Familie die Firma hatte die Nummer, so dass ich im Notfall erreichbar wäre. Mein Team hielt mir dankenswerterweise den Rücken frei.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich loslassen konnte

Die Entscheidung, mir Zeit für mich zu nehmen, habe ich nicht bereut. Nach den zwei Wochen geht es mir richtig gut! Und auch mein Team ist ohne mich  klargekommen. Ich habe durch die Auszeit gemerkt, wie angespannt ich vorher war. Richtig loslassen konnte ich erst nach zehn Tagen. Ich hatte Kopfschmerzen und es war eine ganz schöne Umstellung, nur noch Schafsjoghurt, Buchweizentoast, Tee und Gemüsesuppe zu mir zu nehmen. Ich habe jetzt ein anderes Bewusstsein für gesunde Ernährung und werde einiges umstellen.

Was das digital Detox angeht, muss ich sagen: Es hat mir gutgetan, Abstand zu gewinnen. Aber es hat sich für mich als nicht so praktikabel erwiesen, komplett auf null zu gehen. Der Kontakt zu meiner Familie und meinem Partner hat mir gefehlt. Ich hätte gern zwischendurch mal schnell eine WhatsApp geschrieben. Einmal kam jemand zu mir und sagte: „Dein Bruder hat angerufen.“ Da rutschte mir natürlich das Herz in die Hose. Ich dachte, es sei wer weiß was passiert. Wir hatten ja vereinbart, dass er nur in Notfällen anruft. Es stellte sich heraus, dass es um einen Praktikanten ging, der früher als geplant bei uns im Unternehmen erschienen ist. Ich war natürlich erleichtert, dachte aber auch: Das hätte man per WhatsApp einfacher klären können.

Auch der Austausch in den sozialen Netzwerken hat mir gefehlt. Was ich für mich mitgenommen habe: Ich möchte bewusster mit meiner Zeit umgehen und beispielsweise nicht mehr direkt nach dem Aufstehen nach dem Handy greifen. Wie sich meine Erfahrungen aus dieser Zeit im Alltag bewähren und was ich während der Kur noch gelernt habe, werde ich noch ausführlich berichte. Jetzt bin ich erst einmal froh, mich für die Auszeit entschieden zu haben.

Wie geht es euch gerade? Wie sorgt ihr für euch? Ich freue mich, wenn ihr eure Erfahrungen hier teilt!

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2 Kommentare
  • Ursula Wagner, PhD 20. April 2022 08:46

    Vielen Dank liebe Frau Weber für diesen eindrücklichen Erfahrungsbericht! Meine persönliche Erfahrung und mit den beruflich engagierten Frauen, mit denen ich arbeite, zeigt mir, dass Selbstfürsorge die am meisten unterschätzte Kompetenz für nachhaltigen Unternehmenserfolg ist. Eine Zeit geht das mit der Selbstausbeutung „gut“, aber dann eben auch nicht mehr. Wem nützt das? Die größeren Auszeiten, so wie Sie die genommen haben, können einen regelmäßigen Platz im Kalender vor allem im Frühjahr finden. Noch wichtiger sind dann die täglichen Pausen, so genannte Mikropausen. Die 5 Minuten in Ruhe zwischen zwei Sitzungen. Eine Tasse Tee holen, statt noch ein Kaffee. Und dann mindestens 30 Minuten Mittagspause, am besten 20 Minuten davon komplett in Ruhe. Man kann sich seinen Körper wie ein Bankkonto vorstellen. Stress und Erholung werden genau gespeichert und tagesgenau abgerechnet (messbar durch die HRV, Herzratenvariabilität) Da kann man dann auch nicht warten, bis zur nächsten Fastenkur. Die Bilanz sollte jeden Tag, mindestens aber jede Woche ausgeglichen sein. Wie bei jedem anderen Bankkonto auch. Alles Gute für Sie!

  • Michael Metzger 19. April 2022 13:22

    Glückwunsch, dass du es gemacht hast. Gerade dann, wenn keine Zeit dafür zu sein scheint, ist es am wichtigsten und dringendsten.
    MEiner Erfahrung nach ist es gut, in kleinen Schritten zu gehen, weil das Schwarz oder Weiß nur kurze Zeit funktioniert.
    Und auch mal Zeit für sich zu haben, ist nicht zu unterschätzen, daher gute Entscheidung.

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