Selbstständigkeit und Familie Wenn die Familie eifersüchtig auf die Firma ist

2013 wagte Stefan Schrader den Sprung in die Selbstständigkeit. Darunter leidet sein Familienleben - und seine Frau Inga, die zugibt: "Ich bin manchmal eifersüchtig auf Stefans Laden."

2013 wagte Stefan Schrader den Sprung in die Selbstständigkeit. Darunter leidet sein Familienleben - und seine Frau Inga, die zugibt: "Ich bin manchmal eifersüchtig auf Stefans Laden."© impulse

Arbeiten bis tief in die Nacht, die Gedanken sind dauernd beim Geschäft. Viele Selbstständige kennen das: Partner und Kinder sind genervt. „Immer geht die Firma vor“. Wir haben einen Unternehmer und seine Frau (getrennt voneinander) befragt.

Der Traum vom eigenen Geschäft: Stefan Schrader hat ihn sich erfüllt. 2013 hat er in Bremen den Sneakerladen Glückstreter eröffnet. Mittlerweile hat er sieben Mitarbeiter. Trotzdem steht der 34-jährige sechs Tage die Woche selbst im Laden. Seine Frau Inga findet das – man kann es verstehen – eher nicht optimal. Die beiden haben ein kleines Kind.

Was macht die Selbstständigkeit mit Familien?

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Wie hält man es als Partnerin aus, wenn sogar am Tag der Hochzeit der Betrieb anruft?

Und wie geht man als Unternehmer damit um, wenn ständig alle Seiten an einem zerren?

Wir haben die beiden ihre Geschichte erzählen lassen – vorsichtshalber getrennt voneinander.

Das sagt er: Stefan Schrader, 34, Inhaber von „Glückstreter“

„Ich arbeite sechs Tage die Woche, oft mindestens zehn Stunden. Ich hätte gerne mehr Zeit für meine Familie – das wäre mit einem Geschäftspartner möglich, auf den ich Aufgaben abwälzen könnte. Ich arbeite daran, dass ich mehr Leute bezahlen und mehr Aufgaben abgeben kann. Aber momentan ist das finanziell noch nicht drin. Es bleibt alles an mir hängen.

Der Laden soll nicht nur irgendein Laden sein, sondern ein Erlebnis für Kunden und Besucher. Er soll meine Sprache sprechen. Die Leute sollen hier gerne Schuhe kaufen gehen. Deswegen muss ich so viel daran arbeiten. Ich sehe das nicht als Arbeit, es ist Teil meines Lebens.

Trotzdem wäre es schöner, wenn ich mehr ruhige Zeit mit der Familie hätte. Wenn wir was zusammen machen, habe ich das Handy in der Tasche und es ruft oft ein Mitarbeiter an.

„Ich hatte Angst, dass mir an dem Tag der Umsatz flöten geht.“

Krass war es am Tag unserer Hochzeit: Da haben mich Mitarbeiter angerufen, weil sie nicht in den Laden reinkamen – der Rollladen war kaputt und hat die Tür blockiert. Das ist ein Horrorszenario, gerade an einem Samstag, dem umsatzstärksten Tag. Ich war mit den Gedanken schon bei der Hochzeit und erstmal total schockiert. Ich hatte Angst, dass mir an dem Tag der Umsatz flöten geht. Meine Mitarbeiter konnten das Problem dann selbst lösen. Über so was will man an seinem Hochzeitstag nicht nachdenken.

Ich versuche, mir sonntags frei zunehmen. Das klappt nicht immer. Wie gestern, da hab‘ ich Inga gesagt: „Ich muss noch zehn Minuten ein paar Social-Media-Posts vorbereiten.“ Im Endeffekt saß ich eineinhalb Stunden dran.

Wenn wir uns verabreden, kommt mir manchmal die Arbeit dazwischen. Einmal wollten wir uns um 16 Uhr zum Kaffeetrinken treffen. Dann hat der Mitarbeiter, der ab 15 Uhr übernehmen sollte, angerufen. Er hing in der Uni fest. Gleichzeitig hat der Paketlieferant sechs Kartons mit neuen Schuhen und Klamotten geliefert, die am nächsten Tag verkauft werden sollten. Ich war erst um 20 Uhr zu Hause. Da hing der Haussegen ein bisschen schief.

Ich hab‘ Verständnis dafür, wenn Inga von solchen Vorfällen genervt ist. Aber ich kann es nicht ändern. Ich kann dann nur versprechen, dass ich mir am nächsten Tag die Zeit nehme.

Grundsätzlich versteht sie meine Situation, darüber bin ich glücklich. Sie rollt auch mal mit den Augen – aber sie weiß, was dahintersteckt.

„Das Handy abends auszumachen, schaffe ich nur selten.“

Inga ist übrigens ein wichtiger Grund, warum es den Laden überhaupt gibt: Die Idee vom Sneakerladen war lange im Hinterkopf. 2013 hatte ich ein Jobangebot in München. Aber dann habe ich Inga kennengelernt – in Bremen. Ich habe sie angesprochen und daraus ist die Liebe meines Lebens geworden. Inspiriert davon, dass man einfach mal etwas wagt und was Tolles daraus wird, habe ich mir gedacht: Ich wage den Schritt in die Selbstständigkeit.

Abends und an freien Tagen kann ich mittlerweile ganz gut abschalten. Ich habe eine Sendung gesehen, in der es darum ging, dass man seine Sorgen immer mitnimmt. Da hat einer gesagt: „Man muss seinen Rucksack mit seinen Sorgen abstellen und am nächsten Tag gedanklich wieder aufnehmen.“ Das versuche ich, aber es gelingt nicht immer.

Wir haben abgesprochen, dass ich abends das Handy ausmache. Das schaffe ich nur selten. Ich gucke oft noch in die Mails oder schaue in meine Social-Media-Kanäle. Wenn mir was Wichtiges auffällt, denke ich: „Warum hab‘ ich da jetzt reingeguckt? Ich kann es eh erst morgen beantworten.“ Und dann denke ich die ganze Zeit drüber nach.

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Zu Hause arbeite ich manchmal heimlich – der Klassiker ist auf dem Klo. Oder wenn ich kurz was aus der Küche holen soll. Dann bleibe ich im Flur kurz an E-Mails hängen und komme zurück, ohne das, was ich holen sollte.

Wenn ich nach zwölf Stunden Arbeit nach Hause komme, möchte ich mich nur noch aufs Sofa legen und den Fernseher einschalten. Das geht aber nicht immer: Manchmal ist Inga völlig genervt, weil sie sich allein um unser Kind und den Haushalt kümmern muss. Dann guckt sie mich böse an und sagt: „Mach noch das und das, ich hab‘ keine Lust mehr und leg‘ mich jetzt aufs Sofa.“ Dann denke ich: „Das ist jetzt total ungerecht!“ Die Aufgaben mache ich ehrlich gesagt nicht immer. Dann zoffen wir uns schon mal ein bisschen.

„Ich wurde im Urlaub jeden Tag angerufen“

Ich wünsche mir, mehr Zeit für Familienurlaube zu haben. Ich kann nur eine Woche weg, maximal zwei, dreimal im Jahr. Sonst verliere ich den Überblick über das, was passiert. Und ich muss Leute bezahlen, die in der Zeit die Stellung halten.

Zuletzt waren wir eine Woche im Harz. Ich wurde jeden Tag angerufen: Das EC-Gerät hat nicht funktioniert, das Internet ist ausgefallen. Das sind Probleme, die nicht warten können. Ich arbeite daran, dass meine Mitarbeiter da eigenständiger werden.

Ich würde mich gern intensiver auf das Familienleben einlassen und bin total dankbar, dass Inga das so mitmacht. Sie weiß, was dahintersteckt. Ich will und muss mit meinem Sneakerladen unser Leben bezahlen und will das auch gut machen, nicht nur so Larifari nebenher. Deswegen ist es super zeitintensiv – und das versteht sie. Sie baut mich auf, wenn es mal nicht so läuft, hört sich jeden Tag Geschichten über Schuhe an und berät mich.

Ich versuche die Arbeit und die Familie zu trennen und zu Hause gedanklich nicht im Laden zu sein – und im Laden gedanklich nicht bei der Familie. Zugegeben: Das klappt bei der Arbeit deutlich besser als zu Hause.“

 

Das sagt sie: Inga Schrader, 32, Grundschullehrerin und gerade in Elternzeit

 

„Ich bin manchmal eifersüchtig auf Stefans Laden. Er nimmt einen sehr großen Platz in seinen Gedanken ein. Das geht natürlich nicht anders, weil das Geschäft sonst nicht laufen würde. Aber ich wünsche mir, dass er mehr Zeit für uns hat und gedanklich mehr bei uns ist.

Vor 20 Uhr ist Stefan eigentlich nie zu Hause. Er steht jeden Morgen um 6:30 Uhr auf, arbeitet E-Mails ab, bereitet Facebook-Posts vor, frühstückt mit uns und fährt dann in den Laden. Nach Ladenschluss um 19 Uhr muss er noch eine Stunde aufräumen und Bestellungen bearbeiten. Manchmal koche ich abends und denke, wir können um acht essen – dann schreibt er, dass es später wird. Und dann wird es schon mal zehn. Das nervt mich.

Sonntag ist der einzige Tag, an dem er wirklich frei hat. Es sei denn, es ist ein verkaufsoffener Sonntag oder es stehen Verkaufsaktionen für den Onlineshop an. Dann bin ich das ganze Wochenende allein. Das ist schon blöd.

„Seit der Geburt unserer Tochter haben wir ein paar Abmachungen“

Seine Selbstständigkeit hat auch Vorteile. Er ist zeitlich flexibel und kann sich freinehmen, wenn ich einen wichtigen Termin habe. Leider kann ich mich nicht immer darauf verlassen. Nach der Schwangerschaft hatte ich einen Rückbildungskurs und er hatte versprochen, auf unser Baby aufzupassen. An einem Termin war dann ein Mitarbeiter krank und Stefan musste einspringen. Zum Glück konnte meine Mutter spontan aushelfen – sonst hätte ich den Termin vergessen können.

Seit der Geburt unserer Tochter haben wir ein paar Abmachungen: Stefan kommt zweimal die Woche früher nach Hause und geht einmal später arbeiten, um Zeit mit mir und der Kleinen zu verbringen. Meistens muss er dann trotzdem noch ein bisschen arbeiten.

„Er ist nie ganz zu Hause“

Eine andere Abmachung, die wir getroffen haben: Er soll nach Feierabend sein Handy ausschalten. Das hat er eine Zeit lang gemacht, mittlerweile klappt es nicht mehr so gut. Er lässt es immerhin oft unbeachtet im Flur liegen, aber später checkt er doch noch seine Mails. Vom Kopf her ist er im Grunde nie ganz zu Hause – außer sonntags.

Mit unserem Kind kam bei mir zum ersten Mal der Wunsch auf, dass Stefan nicht selbstständig wäre, sondern angestellt. Dann hätte er ein sichereres Einkommen und geregelte Arbeitszeiten: Er würde früher nach Hause kommen, hätte freie Wochenenden und vor allem mehr Urlaub. Den kann er sich jetzt zwar flexibel nehmen, aber auch im Urlaub denkt er an den Laden. Als wir neulich eine Woche im Harz waren, haben jeden Tag Mitarbeiter angerufen. So kann er natürlich gar nicht abschalten.

Der Laden läuft immer besser und deshalb kommen mehr Aufgaben dazu. Dadurch wird es schwieriger für ihn, sich gedanklich zu lösen.

„Mit dem Umsatz steht und fällt die Laune“

Was für mich auch schwierig ist: Er kann über seine Handy ins Kassensystem schauen und sehen, wie hoch der Umsatz ist. Mit dem Umsatz steht und fällt die Laune.

Wenn Stefan abends nach Hause kommt, ist er völlig erschöpft. Die Hausarbeit fällt fast komplett auf mich. Manchmal würde ich ihm gerne sagen: „Häng mal die Wäsche auf, putz die Küche, oder so“. Aber ich versuche, es nicht zu tun – ich weiß ja, wie anstrengend seine Arbeit ist. Wenn ich im Sommer auch wieder anfange zu arbeiten, muss sich aber schon etwas ändern, dann kann ich nicht mehr alles alleine machen.

An freien Tagen spazieren wir ab und zu in der Nähe des Ladens. Dann will Stefan im Geschäft vorbeischauen um zu sehen, wie es läuft. Das lehne ich mittlerweile ab – er bleibt da grundsätzlich hängen. An einem Samstag vor ein paar Monaten hatten wir Besuch von Freunden, Stefan hatte sich frei genommen. Unsere Freunde wollten den Laden anschauen. Da war dann so viel los, dass Stefan an dem eigentlich freien Tag drei Stunden gearbeitet hat – trotz Besuch.

„Ich bin schon stolz auf ihn“

Trotz aller Beschwerden weiß ich, dass es momentan nicht anders geht. Und auch wenn ich manchmal genervt bin – ich bin schon stolz auf ihn. Darauf, dass er alles unter einen Hut kriegt und darauf, was er aufgebaut hat. Er schafft es, sich trotz der vielen Arbeit noch Zeit für uns zu nehmen. Und ich freue mich sehr für ihn, dass sich Glückstreter so gut entwickelt hat.

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