Unternehmerin Susanne Böhme „Sobald ich wieder einen Laptop bedienen konnte, habe ich weitergemacht“

© privat

Seit Susanne Böhme beim Basejumpen gegen eine Felswand schlug, ist sie querschnittsgelähmt. Heute führt sie wieder ihre Werkstatt für Fallschirmtechnik. Eine Macherin erzählt.

„Anfangs sah es überhaupt nicht danach aus, dass ich weitermachen kann. Ich habe seit Ende 2006 eine eigene Werkstatt, dort prüfe und repariere ich Fallschirme und bringe sie durch den TÜV. Seit 21 Jahren springe ich selbst Fallschirm, später kamen Basejumping und Fliegen im Wingsuit dazu. Das war mein Leben.

Dann kam der Sturz. Vor fünf Jahren bin ich beim Basejumpen ausgerutscht und gegen eine Felswand geknallt. Ich spürte gleich: Von der Hüfte abwärts geht gar nichts mehr. „Inkomplett querschnittsgelähmt“ lautete die Diagnose der Ärzte.

Wie sollte ich das im Rollstuhl schaffen?

Nach dem Unfall war ich vier Monate lang im Krankenhaus und in der Reha. Ich habe zwar viel Fantasie, aber ich konnte mir erstmal nicht vorstellen, wie es mit meinem Geschäft weitergehen sollte. Der Job ist teilweise richtig körperlich anstrengend. Wie sollte ich das im Rollstuhl schaffen? Erst als sich zwei Freunde bei mir meldeten, die gerade Arbeit in meinem Bereich suchten, dachte ich: Das könnte mein Weg sein.

Also habe ich sie als freie Mitarbeiter an Bord geholt. Mir war es schon vor dem  Umfall allein ein bisschen viel geworden. Aus der Not heraus hat sich die Sache dann beschleunigt. Natürlich gab es da erstmal viel zu organisieren. Aber als Selbstständiger hört man ja sowieso nie auf zu arbeiten. Sobald ich wieder einen Laptop bedienen konnte, habe ich versucht, das Geschäft einigermaßen aufrecht zu erhalten. Das hat am Anfang mehr schlecht als recht geklappt. Finanziell habe ich das natürlich auch gespürt. Einen Teil der Einbußen konnten wir zum Glück später wieder reinholen. Weil ich Mitarbeiter hatte, konnte ich ja auch mehr Aufträge annehmen.

Einer meiner ersten Ausflüge nach der Reha hat mich in meine Werkstatt geführt. Das war ernüchternd – allein schon, als ungeübte Rollstuhlfahrerin auf dem Gelände klarzukommen. Und bei der Arbeit konnte ich nicht viel machen, außer den anderen zuzuschauen. Aber entmutigt hat mich das nicht. Ich habe mir der Reihe nach alle Probleme vorgenommen und geschaut, wie ich sie lösen kann. Eine der größten Herausforderung waren die Nähmaschinen, die man standardmäßig mit einem Fußpedal antreibt. Das ging nicht mehr. Zum Glück habe ich einen echten Daniel Düsentrieb im Freundeskreis. Er hat mir eine Steuerung gebaut, die ich mit dem Mund bedienen kann.

Ich hadere manchmal mit meiner Sonderrolle

Ich werde oft gefragt, woher ich den Kampfgeist genommen habe, das alles durchzuziehen. Ehrlich gesagt weiß ich das auch nicht genau. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich für meinen Job brenne. Das Fallschirmspringen ist für mich mehr als ein Beruf. Ich verbringe meine ganze Freizeit damit. Mein eigener Betrieb ist mein Lebenswerk. Das gibt man nicht einfach auf.

Aber es war teilweise schon hart. Für mich war es zum Beispiel ein riesiger Schritt, auf einmal relativ viele Leute koordinieren zu müssen. Wenn man allein arbeitet, weiß man genau, was man tut. Nach einiger Zeit hatte ich sieben Mitarbeiter, da musste ich viele Prozesse entwickeln, um sicherzustellen, dass die Qualität gleich bleibt. Ein Vorteil war, dass mein Mann in der Softwareentwicklung arbeitet. Die Branche ist sehr innovativ, was Mitarbeiterorganisation angeht, da konnte ich ein paar Ideen übernehmen.

Manchmal kämpfe ich auch mit meiner Sonderrolle. Wenn etwas Schweres getragen werden musste, was das früher kein Problem für mich. Jetzt muss ich einen Mitarbeiter darum bitten, mir zu helfen. Andererseits hat jeder Mensch seine Stärken und Schwächen. Bei mir ist das jetzt halt stärker ausgeprägt. Ich versuche, mich auf das zu konzentrieren, was ich gut kann. Ich bin zum Beispiel routinierter und schneller an der Nähmaschine und eine der wenigen im Betrieb, die Fallschirmtechnikerin ist und die Berechtigung für bestimmte Tätigkeiten hat.

Das Schwierigste ist, die richtigen Prioritäten zu setzen

Mit meinen Kunden gab es zum Glück nie Schwierigkeiten. Die meisten kennen meine Geschichte, sie war aber nie ein großes Thema. Ich glaube, ich selbst hätte vor dem Unfall mehr Hemmungen gehabt, wenn mir ein Rollstuhlfahrer den Fallschirm gepackt oder repariert hätte. Aber ich spüre da überhaupt keine Vorbehalte.

Für vieles brauche ich heute länger. Prioritäten zu setzen ist deswegen mein großes Thema. Umso mehr, seitdem ich auch noch Mutter bin. 2014 kam mein Sohn zur Welt – da hat man ja noch weniger Zeit. Ich habe einige Projekte in der Schublade liegen, die ich wirklich gern angehen würde. Aber es geht einfach nicht alles. Das macht mich manchmal traurig. Vielleicht ist das auch ein Standardproblem unserer Zeit: zu merken, dass man nicht alles machen kann, was einem Spaß machen würde. Aber mich trifft das schon gebündelt. Bis jetzt habe ich keine Lösung dafür gefunden. Man müsste sich klonen lassen können …

Ich übe die ersten freien Schritte

Ich denke mir oft: Ich könnte jetzt noch ein bisschen rumjammern – aber will ich das denn? Ich bin froh, dass es mir so gut geht. Mit Krücken kann ich inzwischen wieder laufen. Die ersten freien Schritte übe ich gerade, das geht immer besser. Und ich springe auch wieder Fallschirm. In dieser Saison waren es insgesamt 40 Sprünge. Das macht mich glücklich.

Auch das Geschäft läuft gut, auch wenn die Auftragslage übers Jahr naturgemäß schwankt. Ein Running Gag in unserer Branche laut: „Es gibt genau eine Möglichkeit, um beim Fallschirmspringen richtig reich zu werden – du warst vorher schon sehr reich.“ In dem Job steckt auch ein bisschen Idealismus. Aber ich weiß inzwischen einfach, dass es immer irgendwie weitergeht.“


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