Management Strengeres Strafmaß für Manager

Das Finanzsystem krankt an einem Grundfehler: Wer riskante Entscheidungen trifft, muss keine Konsequenzen fürchten. Wie Anreize intelligenter greifen, lässt sich an Kenias Läuferinnen studieren – so wie es Michelle Sikes getan hat. Ein Essay der Oxford-Studentin und Gründerin.

Bevor Linet Masai 2009 bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft für ihr Heimatland Kenia die Goldmedaille über 10.000 Meter holte, traf ihr Vater eine Anlageentscheidung. Er verkaufte so viele Kühe, dass er die Ausgaben bestreiten konnte, die der Vollzeit-Trainingsplan seiner Tochter verschlang. Als viertes von zehn Kindern wuchs Masai auf rund 3000 Metern Höhe an den Vulkanhängen des Mount Elgon in der Nähe der ugandischen Grenze auf. Eine Unterstützung, wie sie sie von ihrer Familie erfahren hat, steht sinnbildlich für die Mechanismen, dank derer sich viele Läuferinnen durchschlagen, während sie ihre Energie vollständig auf Training und Wettrennen konzentrieren.

Michelle Sikes
Michelle Sikes verdiente sich bis 2009 Geld als Läuferin, 5000 Meter schaffte sie in 15:09 Minuten. Die Amerikanerin promoviert in Oxford in Wirtschafts- und Sozialgeschichte und ist Mitgründerin des Startups Athletics Capital, das afrikanische Läufer finanziert. Wir dokumentieren, leicht gekürzt, ihren Beitrag zum Essaywettbewerb St. Gallen Wings of Excellence.

Wie im Fall von Linet sind die meisten hoffnungsvollen kenianischen Läuferinnen jung und verfügen über kein Kapital. Deshalb stellen vor allem Familie, Freunde und andere soziale Institutionen Geld für die Karriere bereit. Sponsoren helfen, weil sie glauben, dass die Athletinnen nach ein paar Jahren beträchtliche Preisgelder verdienen, von denen ein Teil an die Investoren zurückfließt. Wer Ersparnisse in jemanden investiert, der professionell laufen will, setzt sich Risiken aus: Läuferinnen können nicht nur Unfälle oder Verletzungen erleiden, sie verbringen auch Zeit in einem Lauflager im Hochland, wo das Trainingsumfeld besser ist. Die Trennung von Freunden und Familien während dieser Zeit bedeutet, dass die Sponsoren die Beständigkeit des Trainings, die Disziplin oder den Ehrgeiz nicht messen können, mit dem die Teilnahme an Preisrennen im Ausland angestrebt wird. Damit ist Spielraum für moralische Risiken gegeben. Kevin Dowd, Professor für Finanzrisikomanagement an der Nottingham University, formuliert es so: „Eine Partei ist verantwortlich für die Interessen anderer, hat aber einen Anreiz, die Eigeninteressen an erste Stelle zu setzen.“

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Dies kann im Fall der Läuferinnen passieren, wenn diese nicht so hart trainieren, wie es nötig wäre, sondern das Training lasch angehen und sich kurzfristig mit dem ihnen zur Verfügung stehenden Geld ein schönes Leben machen. Theoretisch mag das eine Sorge sein, in der Praxis ist Schwänzerei oder Vernachlässigung der Pflichten selten ein Thema. Werden sie finanziell unterstützt, ist es für die Athletinnen ausgesprochen selten, dass sie sich unehrenhaft oder unnötig riskant verhalten, sodass die Investition in ihr Talent gefährdet würde.

Wieso ist das so? Und was bedeutet das für unser Verständnis von gesunder Risikobereitschaft in wohlhabenden Gesellschaften? Ich bin davon überzeugt, dass sich aus dem Verhältnis zwischen aufstrebenden kenianischen Champions und Sponsoren einiges darüber lernen lässt, wie Länder mit Akteuren umgehen sollten, die rücksichtslos Risiken eingehen.

Ich habe meinen Lebensunterhalt als professionelle Läuferin für Nike verdient, dabei lange in Kenia gelebt und trainiert. Das hilft mir, das Risikomanagement der Läuferinnen mit Abläufen in westlichen Finanzinstituten zu vergleichen. Zwei Veränderungen führen meiner Überzeugung nach zu einem gesunden Umgang mit Risiken: Zunächst müssen wir unseren einseitigen Anreizmechanismus durch ein umfassendes System ersetzen, zu dem Anreize und Bestrafungen ebenso gehören wie starke, glaubwürdige und persönliche Signale. Wir brauchen ein internationales Finanzregime, bei dem die von Risikonehmern getroffenen Entscheidungen systematisch Konsequenzen nach sich ziehen. Zudem bedarf es, wie es der Ökonom Ricardo Caballero vom Massachusetts Institute of Technology gefordert hat, teilverbindlicher staatlicher Absicherungsgarantien gegen systemische Schocks. So lässt sich zu einem Bruchteil der Kosten, die für Kapitalspritzen während einer Krise anfallen, ein gesundes Maß an Risikobereitschaft wahren.

Die Familien der Läuferinnen können nicht kontrollieren, mit welcher Intensität das Training betrieben wird. Auch Investoren, die Vermögensverwaltern und Bankern Kapital überantworten, können nicht umfassend kontrollieren, ob sie leichtsinnige Entscheidungen treffen. Die beiden Situationen unterscheiden sich jedoch: Während Nachlässigkeit für Läufer eine schwere Bestrafung nach sich zieht, häufen Banker weiter Geld an. Schneidet ein Läufer schlecht ab, wird er nichts verdienen. Dann büßen nicht nur seine Sponsoren Geld ein, auch er selbst wird stark leiden. Er wird seinen Lebensstandard und den seiner Familie nicht mehr verbessern können. Diese Strafe steht im Verhältnis zu den Belohnungen, die sich erzielen lassen.

Die Entlohnung von Finanzmanagern folgt einer radikal anderen Struktur, was Risiken und Belohnung anbelangt: hohe Bonuszahlungen für kurzfristige Leistung, dazu wird der Eindruck erweckt, dass Probleme nicht zwingend zu einer Bestrafung führen. Das ermutigt Hedge-Fonds-Manager und Investmentbanker, unangebrachte Risiken einzugehen. Vor der Krise drohte den Bankern im Falle eines Kollaps oder Scheiterns nicht der Verlust ihrer erzielten Gewinne. Das befeuerte den Trend, mehr Risiken einzugehen, was wiederum Blasen entstehen ließ. Die Lösung ist klar: Die Möglichkeit außergewöhnlicher Belohnungen ohne drohende Verluste muss beschnitten werden.

Der kenianische Fall zeigt, wie Anreize im Zusammenspiel mit der Angst vor einem Scheitern funktionieren können. Mitarbeiter großer Finanzdienstleister müssen gezwungen sein, einen Teil ihres Grundgehalts zu riskieren, wollen sie ihr Bonussystem behalten. Soll eine gesunde Risikobereitschaft gefördert werden, müssen Risikonehmer persönlich stärker für ihr Handeln in die Pflicht genommen werden – und sie müssen, bevor sie Entscheidungen treffen, wissen, was ihnen droht. Dass zum Beispiel Frederick Goodwin, dem Ex-Chef der Royal Bank of Scotland, der Adelstitel entzogen wurde, ist genau die Art persönlicher Bestrafung, die Finanzentscheidern ein gesundes Maß an Furcht einbläuen würde. Wir müssen strenge Strafmaße für Manager festlegen. Dazu zählt auch die Bedingung, dass Mitarbeiter Gefahr laufen, eigenes Geld zu verlieren. Und wir müssen uns an die Strafen auch halten.

Bei der Entscheidungsfindung auf persönlicher Ebene muss Furcht wieder eine Rolle spielen, doch sie darf nicht so groß sein, dass die Risikobereitschaft völlig erlahmt. Bei der Frage, wer für Konsequenzen geradestehen soll, muss zudem zwischen dem Einzelnen und dem Unternehmen unterschieden werden. Auch hier sind die Läuferinnen aus Kenia beispielhaft. Indem die Folgen eines Scheiterns zwischen der Läuferin und ihrem Sponsor aufgeteilt werden, ergibt sich ein gesundes Gleichgewicht der Risiken. Ein Scheitern sorgt dafür, dass die Lebensaussichten einer Läuferin reduziert werden, aber sie ist nicht noch zusätzlich gezwungen, jeden kenianischen Schilling zurückzuzahlen. Diese Last trägt der Sponsor. Wenn die Läuferin die vollständige Investition zurückzahlen müsste, hätte sie keine Mittel mehr, um sich Nahrung und Unterkunft zu leisten. Tod als Folge des Scheiterns aber ist inakzeptabel.

Läuferinnen werden nicht dem Tode überlassen, ebenso sollten zum Wohl des Weltwirtschaftssystems bestimmte große und miteinander verwobene Institutionen durch den Staat geschützt werden, selbst wenn das sorglose Handeln dieser Firmen zum Scheitern geführt hat. Ohne die massive und abgestimmte Intervention von Regierungen aus aller Welt wäre das Finanzsystem implodiert, argumentiert der Ökonom Caballero. Ein Scheitern der Firmen gefährdet nicht nur die finanzielle Stabilität, sondern auch die ganze Wirtschaft. In einer zusehends stärker vernetzten Welt können wir aber die Finanzmärkte und die Menschen nicht ungebührlich für die Unfähigkeit einiger weniger bestrafen.

Wir müssen trennen zwischen der generellen Zusage, dass jemand den Zerfall der Finanzindustrie verhindern wird, und der Vorstellung, dass die Regierung Banken aus jeder Krise retten wird. Ökonom Caballero hat zu Recht angeregt, dass sich Gesellschaften nicht auf Kapitalspritzen verlassen, sondern auch einen Versicherungsmechanismus einführen sollten – der Staat würde zum Versicherer der letzten Instanz. Der Grundgedanke besagt, dass es keine kostspielige Finanzspritze benötigt, um die Panikkomponente einer Krise zu lindern. Öffentliche Garantien und handelbare Versicherungen können, zu einem Bruchteil der Kosten, genauso effektiv sein wie Kapitalspritzen. Diejenigen Firmen, die am dringendsten Absicherung benötigen, würden sie sich flexibel am Markt über handelbare Versicherungskredite beschaffen. Im Falle einer systemischen Krise würde dieses Programm die Garantie geben, dass die Firmen Zugang zu einer Absicherung haben.

Vor uns liegt die Aufgabe, zwischen zwei Extremen einen Weg für eine neue Form des Risikomanagements zu erschließen. Wir müssen die Anreize innerhalb des Finanzsystems abändern: Zuckerbrot und Peitsche brauchen dasselbe Gewicht.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus impulse-Ausgabe 07/2012.

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