Management Survival of the Fittest

Wie kann es sein, dass Japan und andere reiche Industrienationen nichts so sehr scheuen wie das Risiko, wundert sich Imelisa Tansil Hertono aus Jakarta. Der Versuch, stets auf Nummer sicher zu gehen, hat eine fatale Wirkung: Er lähmt Wirtschaft und Gesellschaft.

Ich erinnere mich noch genau, wie mich die Meldungen vom Lehman-Brothers-Aus, von Bernard Madoffs 50 Mrd. Dollar schwerem Schneeballsystem oder den drastischen Kurseinbrüchen überraschten. „Gott sei Dank bin ich keinerlei riskante Investitionen eingegangen!“ war damals mein erster Gedanke. Meine Kollegin konnte offenbar Gedanken lesen.

Sie drehte sich zu mir um. „Du hältst besser dein Geld und alle Wertgegenstände fest“, sagte sie zu mir. „Ab jetzt wird es ein rauer Ritt.“ Wir dürften nicht die Einzigen gewesen sein, die damals solch ein Gespräch führten.

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Kurz darauf ergriff die finanzielle Kernschmelze die Welt, riss Länder in die Rezession, dämpfte die Konjunktur. Eine Firma nach der anderen ging bankrott, die Verschuldung rückte wieder in den Blickpunkt. Noch heute fürchten die Staaten eine weitere finanzielle Kernschmelze als Folge einer Double-Dip- Rezession. In einem derart ungewissen Umfeld überrascht es nicht, dass der Trend zur Risikominimierung zunimmt, vor allem in wohlhabenden Gesellschaften.

Ich lebe zurzeit in Japan. Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 34.000 Dollar ist es eines der reichsten Länder der Welt. Trotz des Wohlstands gilt die drittgrößte Volkswirtschaft als risikoscheu. Sicherheit geht vor Rentabilität, erst recht nach den Erfahrungen mit der weltweiten Finanzkrise oder dem Platzen der japanischen Aktien- und Immobilienkrise im Jahr 1990.

Japans Firmen haben ihre Rücklagen auf sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöht, die Ersparnisse der Privathaushalte entsprechen 178,5 Prozent ihres Jahreseinkommens. Auch ist die Zahl der Unternehmer zuletzt gesunken, die Ausgaben für Versicherungen dagegen gestiegen: Japan gab 2010 durchschnittlich 46 688 Dollar pro Kopf für Versicherungen aus.

Das Vorbild der Gebrüder Wright

Gerade Menschen aus dem oberen Teil der Vermögenspyramide wollen ihre Position festigen. Sie suchen nach Sicherheit, fürchten, das Erreichte zu verlieren, und sind entsprechend risikoscheu. Setzt sich also in Industrienationen der Trend fort, größere Risiken zu scheuen? Wäre dies der Fall, so würden viele Chancen vertan. Und neue Probleme heraufbeschworen.

Stellen Sie sich eine Gesellschaft vor ohne Innovationen, ohne Vielfalt, ohne visionäre Führung. Dazu würde sich eine Gesellschaft entwickeln, die in hohem Maß risikoscheu ist. Ohne Innovation kein Fortschritt. Wir prahlen gern damit, wie modern unsere Technik heute sei, und nehmen es dabei als gegeben hin, dass unsere Vorfahren zu diesem Zweck große Risiken einzugehen bereit waren. Hätten die Gebrüder Wright 1901 das Risiko gescheut, würde es heute vielleicht immer noch Tage oder Monate dauern, von einem Land in ein anderes zu reisen. Computer, von denen wir heute so abhängig sind, wären ohne die Innovationskraft von Steve Jobs nicht denkbar. Es gibt zahllose Beispiele für große Innovatoren, die unsere Gesellschaft revolutioniert und den Lebensstandard verbessert haben.

Einer risikoscheuen Gesellschaft dagegen mangelt es an Kreativität und dem Antrieb, Dinge auch einmal anders zu machen – zu zerstören, um zu erneuern. Wie sollen wir so Probleme lösen? Eine Studie hat gezeigt, dass die globalen Wasser- und Lebensmittelvorräte ab 2025 knapp werden, wenn wir mit unseren Ressourcen weiter so umgehen. Ohne künftige Innovationen werden wir vielleicht nie in der Lage sein, die Schäden und Todesfälle zu reduzieren, die Katastrophen und Krankheiten verursachen.

Ständige Verbesserungen und Innovationen sind wichtig für das Wachstum, manchmal sogar für das Fortbestehen einer Gesellschaft – das „Survival of the Fittest“. Aus ökonomischer Sicht bremst mangelnde Kreativität und Innovation potenzielles Wachstum. 3M ist ein Beispiel für eine Firma, die keine Risikoscheu kennt. Innovation ist ihr Wachstumsmotor.

Auch wenn sich in der Regel 60 Prozent der neuen Produkte nicht am Markt behaupten können, macht der Konzern 30 Prozent seines Umsatzes mit Produkten, die nicht älter als fünf Jahre alt sind. Der Erfolg solcher Firmen entscheidet über das Wachstum einer Wirtschaft; ohne Innovation können sie sich keinen dauerhaften Wettbewerbsvorteil verschaffen.

Mangelnde Innovation aufgrund von Risikoscheu bringt als zweiten Effekt einen Mangel an Vielfalt mit sich. In der Architektur würden Investoren nicht in Neues investieren – aus Sorge, Gebäude könnten nicht ausgelastet sein. Firmen würden vor allem Produkte auf den Markt bringen, die sich bei Wettbewerbern bereits als erfolgreich erwiesen haben. Das Währungsrisiko würde viele von Im- oder Exporten abhalten. Die Produktvielfalt wäre weit geringer. Und die Menschen würden einem Herdentrieb erliegen.

Die Konsequenz: eine stagnierende Gesellschaft mit wenig Variationen und keinem Entwicklungspotenzial. In solch einer Gesellschaft würden Firmen auch davor zurückschrecken, ins Ausland zu expandieren; zu groß wäre die Furcht zu scheitern. Die Menschen würden sich damit die Chance entgehen lassen, von anderen Ländern zu lernen und den eigenen Lebensstandard zu verbessern. Firmen entgingen mögliche Gewinne und die Option, mit Outsourcing Kosten zu senken: Normierung statt Vielfalt – auf Kosten eines größeren Wirtschaftswachstums und der Erlangung neuen Wissens.

In solch einer Atmosphäre gäbe es wenig Spielraum für freie Entscheidungen, jeder Schritt würde von Furcht begleitet. Wer würde bei unvertrauten Problemen den Mut aufbringen, sie anzupacken?

Und wer wäre in der Lage, sie zu lösen? Vor allem für die jüngere Generation, die einmal Verantwortung übernehmen soll, wäre es fatal, wenn sie zu behütet aufwüchse. Ihr Kampfgeist und ihr Sinn für Verantwortung würden Schaden nehmen. Der britische Autor Tim Gill hat jüngst beschrieben, wie eine Kultur der Furcht und der Sicherheit-zuerst-Mentalität eine sterile Welt hervorbringen würde, in der Kreativität und persönliches Wachstum der Kinder unterdrückt würden. Ohne Kreativität, Mut und Widerstand kann eine Gesellschaft keine visionären Menschen hervorbringen.

Diamanten entstehen unter massivem Druck. Auch Visionäre, die für den Erfolg und das Wohlergehen einer Gesellschaft wichtig sind, werden in einer Umgebung groß, die Risiken zulässt. Sie fürchten keine Herausforderungen und Ungewissheiten, sondern betrachten diese als Chancen – mit einer klaren Vorstellung davon, wie sich eine Gesellschaft entwickeln kann, und der Energie, die Bevölkerung zu motivieren. Es braucht Visionäre, um Unmögliches – wie etwa die Mondlandung – möglich zu machen. In Firmen würden sie in der Belegschaft Unternehmergeist und Innovationen fördern, zum Wohle der Firmen und der Gesamtwirtschaft. Ein hohes Maß an Risikoscheu indes würde Wirtschaft und Lebensstandard langfristig stagnieren lassen.

Um Risikoscheu zu beseitigen, müssen wir begreifen, was Risiken sind und wie Menschen sie bewerten. Wie entscheidet etwa eine risikoscheue Person, ob eine Handlung ein hohes oder ein geringes Risiko birgt? Bei Investitionen gibt es Klassifizierungen und Modelle zum Risikomanagement, systematische und nichtsystematische Risiken, eine Kennzahl wie Value at Risk und andere Gleichungen. Dennoch bedarf es – ungewisser – Annahmen und Prognosen, um Investitionen zu bewerten. Wie aber bewertet man andere Entscheidungen?

Der Begriff des Risikos findet sich zum ersten Mal im klassischen Griechisch als (rhiza, „Wurzel“), und zwar in Homers 2000 Jahre alter „Odyssee“. Im Lateinischen wurde daraus „resecum“ („Felsklippe“), in den Entdeckertagen des 16. und 17. Jahrhunderts wurde der Begriff als Metapher für Wagnisse auf hoher See genutzt. Unabhängig vom Zeitalter, so zeigen es diese Zeugnisse, war das Risiko schon immer Teil des menschlichen Lebens. Jede unserer Entscheidungen birgt Risiken – ob wir spazieren gehen, essen oder Auto fahren. Beispielsweise gab es 2009 allein in den USA 10,8 Millionen Autounfälle, dennoch wird diese Methode der Fortbewegung dort und in anderen Gesellschaften akzeptiert.

Die Risikoeinschätzung unterliegt vor allem dem Urteil des Einzelnen, Gehörtes und Beobachtetes spielen dabei eine wichtige Rolle. Das wahrgenommene Risiko bestimmt also die Risikoscheu einer Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, dass gerade wohlhabende Gesellschaften sich klarmachen, welche langfristigen Folgen Risikoscheu haben kann. Was wir heute als harmlos einschätzen, galt in der Vergangenheit einmal als hohes Risiko. Ähnlich könnte dies für Dinge gelten, die wir heute als riskant einstufen.

Alles hängt davon ab, wie wir uns heute verhalten. Wir sollten Risiken nicht wegen vergangener Fehlschläge fürchten. Ein altes chinesisches Sprichwort lautet: „Scheitern ist die Mutter des Erfolgs“. Wer aus Fehlern lernt, dem bieten sich Chancen auf Erfolge und Verbesserung. So wie unsere Vorfahren bereit waren, Wagnisse einzugehen, und dabei Inseln entdeckten, aus denen später große Nationen wurden, können auch wir Großartiges für unsere Nachkommen erschaffen. Und wahrscheinlich entpuppt sich der Versuch, als Gesellschaft Risiken bewusst aus dem Weg zu gehen, keineswegs als sichere Wahl.

Der Essay ist Hertonos Beitrag zum diesjährigen Essaywettbewerb St. Gallen Wings of Excellence

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