Management Trimm dich im 21. Jahrhundert

Lange galt Joggen als Freiluftsport Nummer eins. Doch laufen alleine oder zu zweit motiviert nicht immer. Mit einer alten Idee in neuem Anstrich und modifizierten Übungen macht sich eine neue Bewegung breit. Das Boot Camp für Jedermann, eine Rekrutenausbildung nach amerikanischem Vorbild übertragen auf den Freizeitsport. Ein Geschäftsmodell, das den Fitnessstudios Kunden abringen will, denn die Nachfrage nach Fitnessangeboten in der Natur steigt.

Die Wolken hängen grau und schwer über Leipzig. Hier auf dem Uni-Hochhaus kann man die Wolken fast greifen. Der Wind bläst unerbittlich unter die Jacken und Mützen. Es ist Herbst und es ist kalt. Trotzdem haben sich auf der Aussichtsplattform des Gebäudes zehn Menschen in Sportkleidung zusammengefunden. Ein scharfes Kommando durchschneidet die Szenerie und fordert die Teilnehmer auf sich an die Balustrade zu begeben und auf jede zugerufene Zahl einen Liegestütz zu machen. „Eins, Zwei, Zwei, Zwei, Drei…“ ruft der Trainer ihnen zu. Eine Stunde geht das so und alle machen mit. Verschwitzt und zufrieden schauen die Teilnehmer ihrem Trainer in die Augen als das Training beendet ist.

Zugegeben die Idee ist nicht neu. Im Gegenteil, sie gibt es schon so lange wie es Soldaten gibt. Körperliche Ertüchtigung oder Trimm dich nannte man es früher. Getreu dem Motto „Back to Basics“ rennen, springen und schwitzen Menschen heute freiwillig um sich fit zu halten. Das Ganze unter den Augen von Trainern die ähnlich einem Ausbilder Anweisungen geben und Kommandos rufen. Jedoch werden diese Kommandos nicht geschrien und das Training orientiert sich an den neuesten Erkenntnissen der Sportwissenschaft. „City Boot Camp“ nennt das der Gründer der gleichnamigen Firma Michael Haase. Der studierte Diplomsportler und Sportmanager hat vor einem Jahr allein den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und das City Boot Camp in Leipzig gegründet.

Anzeige

In kurzer Zeit zum Erfolg

Angefangen hat Haase im Juli letzten Jahres. Heute ist er in sieben Städten mit 20 freien Mitarbeitern vertreten. Dank kreativer Marketing-Ideen und einer guten Organisation konnte er seine Firma in kurzer Zeit zu einer Marke etablieren. Die Kreativität des „City Boot Camps“ hat auch andere überzeugt. So zum Beispiel die Jury des Glenfiddich-Pioneer-Awards, den Haase und sein Team im diesjährigen Finale für sich entscheiden konnten. Der Gründerpreis wird an innovative Ideen in Verbindung mit der besten Präsentation vergeben. „Der Gewinn dieses Awards war sicher der größte Erfolg bisher und durch das Preisgeld konnten wir früher als geplant in andere Städte expandieren.“ Das Geld eine entscheidende Rolle bei Neugründungen spielt, weiß auch Haase. „Der größte Fehler, den ich gemacht habe, war es mit nur 3000 Euro zu starten, was quasi nichts ist. Heute würde ich mir etwas mehr Zeit lassen, aber bereut habe ich die Entscheidung nie.“

Das Prinzip ist simpel und effektiv. Sport gemacht wird draußen und in der Gruppe, bei Wind und Wetter. Genutzt wird alles was die Natur, die Parks oder die urbane Architektur hergeben. Treppen, Geländer, Steine, Hügel oder das Dach eines Hochhauses. Die Trainingsfläche ist überall. Genau das ist der große Vorteil gegenüber Fitnessstudios, die beengt und anonym die Massen abspeisen. „Im Vordergrund steht für uns das Miteinander und die fordernde Motivation der Trainer aber auch die Mitstreiter, die zu Höchstleistungen anspornen,“ sagt Haase. Das Angebot richtet sich speziell an Berufstätige, die vor oder nach der Arbeit gerne noch eine Stunde Sport machen wollen. Der erste Kurs beginnt daher bereits 6.30 Uhr, die anderen in den Abendstunden nach 18.00 Uhr.

Der Name Boot Camp stammt aus dem Englischen. Boot bedeutet in erster Linie Stiefel oder Tritt. Es ist aber auch eine alte Bezeichnung für Rekruten. An deren Ausbildung – Boot Camps genannt – orientiert sich diese Form des Sports. In den USA gibt es die Angebote zum Beispiel in Fitnessstudios, wo Ex-Soldaten die Kursteilnehmer nach militärischem Ausbildungsmuster trainieren. In Deutschland ist die Idee noch sehr jung aber das Angebot ist im letzten Jahren stetig gewachsen. Neben dem City Boot Camp gibt es auch weitere Firmen, die dieses spezielle Training anbieten. Das „Original Boot Camp“ aus Köln, dass deutschlandweit aktiv ist oder das „Fitness Boot Camp“ in Stuttgart, das von einem ehemaligen Bundeswehrsoldaten geleitet wird.

Gemeinschaftliche Bewegung in der freien Natur hatte zuletzt in den 1980er Jahren Hochkonjunktur. „Trimm dich“ nannte man es damals. Mit dem Aufkommen des Joggings als Freizeitsport ebbte diese Bewegung schnell wieder ab. Heute 25 Jahre später scheint dieser Trend jedoch neu aufzuleben. Die Enge des Büroalltags lässt viele Menschen wieder in die Natur entfliehen, um sich sportlich zu betätigen. Jedoch finden die meisten nur Angebote in Fitnessstudios, die ähnlich beengt sein können, wie ein Büro.

Studie belegt Wachstumschance auf dem Fitnessmarkt

Laut einer Studie der Unternehmensberatung Deloitte gab es 2011 sieben Millionen registrierte Fitnessstudiomitglieder, von denen drei Millionen regelmäßig die Studios besuchten. Dabei erwirtschafteten die mehr als 6000 Fitnessstudios zusammen mehr als vier Mrd. Euro Umsatz. Die Studie zeigt auch deutlich, dass der Wunsch nach gesundheitsbewussten Sportangeboten steigt. Gerade in Großstädten und Ballungsgebieten herrscht eine große Nachfrage nach diesen Angeboten. Die Prognosen im Fitnessbereich sind durchweg positiv und gerade in den neuen Bundesländern wird eine starke Umsatzzunahme erwartet, da es hier verhältnismäßig wenig Fitnessstudios und Freizeitangebote gibt.

Ein Umstand, der auch Michael Haase zu Gute kommt, denn das City Boot Camp ist unter anderem in Städten wie Berlin, Leipzig, Dresden, Jena oder Chemnitz vertreten. Weitere Expansionspläne gibt es noch nicht. Zuerst solle sich die Idee und die Marke in den Städten etablieren. Zu diesem Zweck arbeitet Haase an einem standardisierten Trainingsbuch, das der Verbesserung und der Transparenz dienen soll.

Neben dem Ausbau des Trainingsbetriebes steht das Marketing im Vordergrund der Aktivitäten. Werbung macht das City Boot Camp auf verschiedensten Wegen. Von Kursen auf dem Leipziger Uni-Hochhaus, über Flyer verteilen in knallgrünen Ganzkörperanzügen, sogenannten Morphsuits oder einem sieben Meter hohen aufblasbaren Torso mit dem Firmenlogo ist alles dabei. Social Media und virales Marketing nehmen aber in Sachen Werbung den wichtigsten Stellenwert ein.

Ein neues Gesundheitsbewusstsein, der demografische Wandel und die Lust an der Bewegung begünstigen die Entwicklungen im Fitnessbereich. Ideen wie das „City Boot Camp“ unterstützen diesen Trend. Glaubt man den Studien und Prognosen, wird es gerade in diesem Bereich in den kommenden Jahren ein stetiges Wachstum geben. Trotz steigender Boot Camp Angebote scheint der Markt noch lange nicht erschöpft zu sein. Für die Zukunft überlegt Haase daher mit einer der großen Fitnessketten zusammen zu arbeiten, denn das Angebot könnte auch für etablierte Studios interessant sein. Eine Zusammenarbeit mit einem Investor schließt Haase ebenfalls nicht aus. „Sollte ein Investor oder eine Fitnesskette an einer Kooperation interessiert sein, würde ich sicher darüber nachdenken.“

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...