Management Tun, was getan werden muss

Berthold Beitz hat drei Jahrzehnte lang den Krupp-Konzern geführt und gestaltet. Jetzt hat er erstmals einem Biografen Rede und Antwort gestanden.

Boryslaw, 6. August 1942. SS-Einheiten treiben alle jüdischen Bewohner des polnischen Dorfes zum Bahnhof. Dort warten Viehwaggons für den Transport in den Tod. Auf dem Bahnsteig herrscht Chaos – Schreie, Schüsse, Weinen. Plötzlich drängt sich ein junger Mann in Hut und Mantel durch die Menge, der Chef des örtlichen Ölfelds. Er brauche die wichtigen Facharbeiter in den Waggons, erklärt er den SS-Männern und zieht Dutzende von Menschen aus dem Zug – nicht nur seine Leute, sondern auch Gärtner und Friseure. Die SS lässt ihn gewähren. Es war, „als ob ein Engel in die Hölle kam“, erinnert sich ein Überlebender später. Der Name des Mannes: Berthold Beitz.

Mit dieser Episode startet die neue Biografie des langjährigen Krupp-Chefs. Der Unterschied zu früheren Versuchen: Biograf Joachim Käppner konnte ausführlich mit Beitz sprechen. So ist ein beeindruckendes Stück Wirtschafts- und Zeitgeschichte entstanden.

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Die Kernfrage, die Käppner umtreibt, ist: warum? Warum hat Beitz in Polen sein Leben aufs Spiel gesetzt? Ein 28-jähriger Jungspund, eher vom Typ Sonnyboy. In Boryslaw erlebt Beitz den Terror der Nazis – und reagiert: Er baut den Betrieb zu einer Art Trutzburg aus. Wer drinnen ist, arbeitet für einen kriegswichtigen Betrieb. Vielen Menschen retten Beitz und seine Frau Else dadurch das Leben. „Ich habe nur als Mensch gehandelt“, sagt Beitz.

Sein Schicksal nimmt eine entscheidende Wende, als er 1952 Alfried Krupp trifft – ganz zufällig, im Essener Atelier des Bildhauers Jean Sprenger. Der Erbe des Stahlimperiums sucht einen Mann, um die Waffenschmiede Krupp zu einem zivilen Konzern umzubauen. Beitz ist dieser Mann und führt Krupp die nächsten Jahrzehnte als Generalbevollmächtigter. Erst 1970 wechselt er in den Aufsichtsrat.

In der Zeit zuvor sorgt Berthold Beitz dafür, dass das Wirtschaftswunder Gestalt gewinnen kann. Biograf Käppner verwandelt dabei gekonnt die große Geschichte in kleine Geschichten, die in eine simple, gleichwohl stimmige Bilanz münden: „Einzelne Menschen können die Welt verändern.“

Berthold Beitz
Die Biographie
Joachim Käppner
Berlin Verlag, 622 S., 36 Euro

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