Management Unternehmen fehlen die richtigen IT-Experten

Die Zukunft der meisten Unternehmen hängt ganz wesentlich von IT-Strategien ab. Entscheidungen über digitale Geschäftsmodelle bis hin zur Cybersicherheit sind relevante Risiko- und Überlebensfaktoren. Doch es mangelt an geeigneten IT-Managern, die wirklich etwas bewirken können, zeigt eine Studie. Ein alarmierender Befund für die deutsche Wirtschaft.

In vielen Firmen ist die IT-Abteilung schlicht als „Flying Circus“, als eine Art Wanderzirkus, verhöhnt. Da sitzen die Nerds, die Fachidioten, die erst einmal eine elektronische Wartenummer vergeben, um dann irgendwann das Computerproblem des Mitarbeiters zu lösen. Die Aufgabenverteilung ist klar: Die einen machen das wichtige Tagesgeschäft, die andern werkeln irgendwo im Hintergrund. Hier das Business, da die IT.

Die meisten Unternehmen halten sich zwar recht große IT-Abteilungen oder wenden hohe Kosten für technische Dienstleistungen auf, selbst wenn sie an externe Abwickler ausgelagert sind. Dennoch fehlen die entsprechenden Kompetenzen an den entscheidenden Stellen. Die Anforderungen an IT-Wissen für sämtliche Geschäftsprozesse bis hin zu maßgeblichen strategischen Entscheidungen haben sich fundamental gewandelt.

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„Die IT-Abteilungen vieler Unternehmen in Deutschland sind für die künftigen Herausforderungen schlecht gerüstet. Sie haben es bislang nicht geschafft, Ihre IT-Personalstruktur auf die künftig benötigten Kompetenzen auszurichten.“ Zu diesem Ergebnis kommt die Unternehmensberatung Kienbaum in ihrer aktuellen Studie „IT Organisation 2016: Faktor Mensch!“, die sie zusammen mit dem Branchenverband Bitkom erstellt hat.

Derzeit beschäftigen die meisten Firmen laut Studie vor allem Anwendungsentwickler. Diese machen mit durchschnittlich 30 Prozent die größte Gruppe der IT-Mitarbeiter aus, gefolgt von Fachkräften für den IT-Betrieb. Das ergab die Befragung in 220 Unternehmen verschiedener Größenklassen und Branchen. Die Aussagen decken sich mit dem Trend, der zumindest in Fachkreisen durch weitere Studien und Experten ausgemacht wird.

Strategisches Denken ist gefragt

Dabei ist der Bedarf schon seit Jahren an anderen Stellen sehr viel eklatanter. Gefragt sind Profis, die verstehen, was das Unternehmen an technischer Infrastruktur braucht – sei es für die Neuausrichtung eines digitalen Geschäftsmodells oder die Aufrüstung gegen Cyberangriffe. Gebraucht werden zudem auch die IT-Experten, die entsprechende Strategien entwickeln und zwischen Entscheidungsträgern und Fachabteilungen vermitteln und umsetzen können.

Im Fachjargon heißen solche Schnittstellen IT Governance und IT Demand Management. Gefragt seien solche „Mitarbeiter in den steuernden und koordinierenden Funktionen mit ausgeprägter Business-Kompetenz, denn sie sind IT-Profis, die verstehen, wie die IT das Gesamtunternehmen am besten unterstützen kann“, sagt Thomas Heinevetter, Leiter der Kienbaum-Studie. Solche Positionen seien bislang nur in durchschnittlich 10 beziehungsweise 13 Prozent der Fälle eingerichtet.

Roland Schütz, IT-Chef bei Lufthansa Cargo räumte jüngst im Interview mit dem Fachmagazin CIO ein, dass die IT-Landschaft im Unternehmen nicht mehr so recht zu den Anforderungen an agile und flexible Unternehmen passe: „Wenig innovativ, wenig effizient, enorm komplex und doch lückenhaft und außerdem schwer zu bedienen.“ Dabei sei die IT längst „ein wichtiges Mittel, um das Unternehmensziel zu erreichen“, so Martin Hölscher, IT-Chef beim Wäschehersteller Triumph.

Großer Arbeitsmarkt

Der Bedarf an IT-Experten ist ohnehin schon sehr hoch: Auf 40.000 fehlende Fachkräfte taxiert Bitkom-Präsident Dieter Kempf die Vakanz. Die Ausbildung ist jedoch bislang offenbar sehr einseitig, so dass die identifizierten Kompetenzlücken auf einflussreicheren Positionen bislang kaum gestopft werden können. Zumindest ist das Urteil der IT-Chefs über das Know-how ihrer Kollegen in den Fachabteilungen laut Kienbaum-Studie verheerend: Für funktionsübergreifendes Denken, fachliche Spezifikation, Priorisierung von Anforderungen und für ein ganzheitliches Managen von Projekten vergeben sie lediglich Schulnoten von „befriedigend“ bis „ausreichend“.

Die mangelnde Wertschätzung und Förderung in den Unternehmen ist auch ganz klar in den Hierarchien abzulesen. Ein Aufstieg in Führungspositionen ist für IT-Experten bislang kaum vorgesehen. Zwar gibt es den Titel Chief Information Officer (CIO), doch wenn überhaupt, dann sind diese Verantwortlichen kaum in den obersten Entscheidungsgremien großer Unternehmen zu finden: Nur 17 Prozent haben diesen Schritt bislang geschafft, ermittelte die Beratungsgesellschaft Ernst & Young in einer Studie.

Daran seien viele der Experten auch selbst schuld, die sich zumeist unter Wert verkauften und kaum aktiv an ihrer Karriere arbeiteten, so Olaf Riedel von Ernst & Young: „Der CIO der Zukunft muss sich aus der Komfortzone eines auf Kostenminimierung ausgerichteten IT-Dienstleisters herauswagen, Beziehungen aufbauen, aktiver werden und sich mit Blick auf künftige Unternehmensentwicklungen besser positionieren.“ Denn Vorstandschefs bräuchten Kollegen auf Augenhöhe, die technologische Expertise mit profunden Managementfähigkeiten verbinden.

Viele Entscheidungen gehen an den CIOs vorbei

Bislang seien CIOs jedoch häufig nicht in strategische Entscheidungen eingebunden: Nur 43 Prozent der für die Ernst & Young-Studie befragten IT-Verantwortlichen werden hier maßgeblich involviert, so die Selbsteinschätzung der CIOs. Ursache ist aus Sicht von 38 Prozent der IT-Verantwortlichen, dass das Topmanagement sie nicht ausreichend unterstützt und einbindet.

IT-Experten müssten in erster Linie ihr Business-Know-how und ihre Kommunikations- und Netzwerk-Fähigkeiten verbessern, so Riedel. Und auch hier in tun sich wieder insbesondere Chancen für Frauen auf: Weibliche IT-Mitarbeiter seien nach Ansicht von Kienbaum-Direktor Heinevetter ideal, um die Kompetenzlücke zu schließen. „Sie vereinen ausgeprägte kommunikative und koordinative Fähigkeiten mit fachlichen Qualifikationen.“ Frauen stellen inzwischen einen Anteil von 17 Prozent der Belegschaft in IT-Abteilungen. In Führungspositionen sind sie allerdings erst zu acht Prozent vertreten.

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