Arbeiten an Heiligabend „Heiligabend will keiner gerne machen“

Schöne Beschwerung - Einige Unternehmer in Deutschland müssen die bittere Pille schlucken und an Heiligabend arbeiten. Zu ihnen zählt auch der Apotheker Thomas Rochell.

Schöne Beschwerung - Einige Unternehmer in Deutschland müssen die bittere Pille schlucken und an Heiligabend arbeiten. Zu ihnen zählt auch der Apotheker Thomas Rochell.© jutaphoto - Fotolia.com

An Heiligabend arbeiten? Keine schöne Vorstellung für viele. Doch manche Unternehmer müssen die Stellung halten - so wie der Apotheker Thomas Rochell. Hier erzählt er, wie er die Heilige Nacht erlebt.

„Arbeiten an Heiligabend, das gehört zu meinem Beruf dazu. Egal ob Ostern, Pfingsten, Silvester, Neujahr oder die Weihnachtsfeiertage. Früher habe ich 90 Notdienste im Jahr gemacht, jetzt sind es noch 30. Notdienst bedeutet 24 Stunden Bereitschaft – von 9 Uhr morgens bis zum nächsten Tag um 9 Uhr. Ich bin dann allein in der Apotheke, die ich seit 1995 in Beverungen im Weserbergland führe.

Meine Frau bleibt zu Hause mit unseren drei Kindern, alle jünger als zehn Jahre. Dass wir Heiligabend nicht alle zusammen in Ruhe feiern können, ist sehr schade. Aber wir sind mittlerweile geübt darin, umzuplanen. Den Christbaum habe ich schon diese Woche Montag aufgestellt und die Bescherung verschieben wir zum Beispiel auf den 25. Dezember – denn die leuchtenden Kinderaugen möchte ich mir um nichts auf der Welt entgehen lassen.

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Ich nehme mir ein Butterbrot von zu Hause mit

Da ich nur zwei Kilometer von der Apotheke entfernt wohne und Telefon wie Türglocke auf mein Handy umleiten kann, wäre es auch möglich, zu Hause zu essen oder dort zu schlafen. Aber die Praxis hat gezeigt, dass die Umsetzung dieser schönen Idee doch recht schwierig ist. Letztes Jahr sollte es abends zu Hause ein großes Festessen geben, seit Tagen hatte ich als Suppenkasper mich auf die Rinderbrühe als Vorspeise gefreut – aber ich hatte Dienst. Der Versuch, kurz zu meiner Familie zu fahren und mit ihnen die Suppe zu essen, scheiterte kläglich: Zweimal bin ich hingefahren und jedes Mal kam ein Notfallanruf, als ich gerade am Herd stand. Die Konsequenz: Ich nehme mir ein Butterbrot von zu Hause mit und esse es in der Apotheke.

Dass meine Familie mit mir in der Apotheke Weihnachten feiert, ist auch keine Alternative. Sie würden dann in der kleinen Küche auf dem Sofa sitzen, hören, wie ich mit Kunden spreche oder telefoniere, und darauf warten, dass ich wieder Zeit für sie habe. Das ist einfach nicht so gemütlich wie zu Hause unterm Weihnachtsbaum.

Heiligabend will keiner der Kollegen gerne Notdienst machen, alle anderen Feiertage sind erträglicher. Einen mache ich sogar richtig gerne: Silvester. An diesem Tag gibt es viel zu tun, Listen zu führen, die Menschen sind in Feierlaune am Nachmittag, der frühe Abend ist etwas ruhiger und nachts kommen viele Kunden.

Über Weihnachten ist es weniger vorhersehbar, wie viel los ist und wann. Meist wird es ab mittags weniger hektisch, weil die Ärzte ihre Praxen schließen. Es kommen noch einzelne Kunden für Gutscheine oder Geschenke: Kosmetik oder ein Blutdruckgerät. Immer wieder gibt es auch Geschenke als Dank für Hilfe und Beratung – das kann ein Obolus für die Kaffeekasse sein oder auch kleine Pakete mit Socken oder Süßigkeiten. Nachmittags wird es noch ruhiger.

Sie sagen, sie haben Schnupfen – aber eigentlich sind sie einsam

Abends an Heiligabend fällt mir vor allem eines auf: Es kommen viele alleinstehende Menschen vorbei und bleiben dann auch länger. Sie sagen dann vielleicht, sie kommen wegen eines Schnupfens, aber eigentlich sind sie einsam, erzählen mir ihre Lebensgeschichte. Ich höre zu. Der Dienst ist ein Spagat zwischen der familiären beschaulichen Stimmung der einen und der Einsamkeit vieler anderer, denen es an diesem Festtag sehr schlecht geht. Das wird mir jedes Jahr bewusst. Da lernt man, die eigene Situation und auch die eigene Gesundheit sehr zu schätzen.

Vor einigen Jahren war ich selbst krank und habe trotzdem Notdienst über Weihnachten gemacht. Daran habe ich sehr schlechte Erinnerungen: Wann immer es ging, habe ich mich aufs Sofa geschleppt. In einem anderen Jahr gab es Weihnachten eine massive Grippewelle. Bei über 130 Patienten während dieser Schicht kam ich nicht eine Minute zur Ruhe. Überhaupt werden viele Menschen gerade über die Feiertage krank, weil sie in der Vorweihnachtszeit nur unter Dampf sind und gar nicht den Infekt bemerken, den sie sich eingefangen haben. Kaum wird es ruhiger, bricht er aus.

Früher musste meine Familie an Weihnachten die Milchkühe versorgen

Trotz Notdienst ist Heiligabend für mich ein besonderer Tag. Ich versuche etwas runterzukommen, esse Kekse und Mandarinen, höre klassische Musik und Weihnachtslieder im Radio. Oft denke ich daran, was ich zu dieser oder jener Uhrzeit früher gemacht habe oder was ich jetzt zu Hause machen würde. Ja, man wird ein bisschen wehmütig und nostalgisch.

Ich bin auf dem Bauernhof aufgewachsen, die Milchkühe mussten auch über Weihnachten versorgt und gemolken werden. Meine Eltern, meine beiden Geschwister und ich haben an Weihnachten zwar versucht, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren, aber trotzdem gut sieben Stunden gearbeitet. Abends haben wir alle zusammen die Tiere gefüttert, einer ist im Stall zum Melken geblieben, die anderen gingen in die Kirche. Danach haben wir zusammen gegessen – stundenlang – ein sehr schönes Weihnachtsritual, das ich heute auch mit meiner Familie pflege.

Seit über 20 Jahren arbeite ich nun schon an Feiertagen und immer wieder auch an Heiligabend – seitdem wertschätze ich die Arbeit von anderen in dieser Zeit besonders. Wenn ich am ersten oder zweiten Weihnachtstag in einem Restaurant essen gehe, sehe ich, was für ein Druck auf den Gastronomen lastet, wie viel Arbeit sie haben. Im Vergleich dazu sind meine 24 Stunden ein Klacks.“

thomas rochell apothekerThomas Rochell, 50, ist Familienvater und führt seit 1995 die Vital Apotheke im nordrhein-westfälischen Beverungen.

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