Hilfe für die Ukraine „Indem ich mich engagiere, fühle ich mich weniger ohnmächtig“

Was tun, wenn man machtlos scheint? Diese Frage stellte sich Unternehmerin Anabel Ternès angesichts des Ukraine-Kriegs – durch ihre Familie fühlt sie sich dem Land besonders verbunden. Wie sie ins Handeln kam.

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Hilfe für die Ukraine

© mikroman6 - Moment

Als Unternehmerin bin ich es gewohnt, zu handeln. Wenn ich Probleme sehe, betrachte ich sie als Herausforderung und suche Lösungen. Aber die aktuelle Situation, der Ukraine-Krieg, ließ mich erst einmal mit einem Gefühl kompletter Ohnmacht zurück. Es war mir wichtig, zu helfen. Ganz besonders deshalb, weil ich über meine Familiengeschichte mit der Ukraine verbunden bin.

Als klar wurde, dass Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt, tauchten Teile meiner Familie geradezu ab. Sie wollten mit niemandem über das Thema sprechen. Zu viele Erinnerungen kamen hoch: Die Familie floh zu Beginn des Zweiten Weltkriegs aus Osteuropa, dem heutigen Grenzgebiet der Ukraine und Rumänien. Großvater und Onkel kamen in russische Kriegsgefangenschaft. Ein Teil der Familie kam nach Deutschland, andere zog es nach Österreich und Kanada.

20 Jahre Einzelhaft

Die Familiengeschichte beschäftigt auch mich aktuell viel. Leider wurde über die damaligen Erlebnisse kaum gesprochen – zu schwer wog das Thema.

Nur einer meiner Onkel, vor dem zweiten Weltkrieg Bischof, erzählte mehr. Er saß 20 Jahre lang in Russland in Einzelhaft. Er sagte, die Bibel habe ihm in seiner Zelle geholfen, bei Verstand zu bleiben. Er hätte die Texte für sich aufgesagt, habe sie mit sich diskutiert. Und er behielt vom Brot immer etwas über und formte aus den Resten Schachfiguren. Wenn die Gitter Schatten auf den Boden warfen, war das wie eine Art Schachbrett, sagte er. Dann hat er Schach gegen sich selber gespielt.

Was mich besonders beeindruckte: Trotz der Gefangenschaft hat er nie negativ über Russland oder Menschen in Russland allgemein gesprochen. Im Gegenteil: Er wusste viel zu erzählen von deren Geschichten und Traditionen. Ich habe ihn früher mal gefragt, wie er bei allem, was er erlebt hat, so gütig sein konnte. „Was hilft es, wenn man auf Hass und Krieg noch mehr Hass und Krieg setzt?“, sagte er. „Die größte Stärke ist die Liebe.“

Wir können nicht erwarten, dass Menschen in Russland demonstrieren gehen

Seine Worte sind mir jetzt wieder sehr im Kopf: Viele Russen in Deutschland werden angefeindet, obwohl die meisten von ihnen wohl kaum hinter Putins Politik stehen. Und in Russland leiden die Menschen unter den Sanktionen. Ich habe einige Freunde in der Ukraine, die mir sagen: „Unsere russischen Freunde tun uns leid.“

Wir können nicht verlangen, dass Menschen in Russland auf die Straße gehen – und damit einige Jahre an Haft, Folter, möglicherweise lebenslanges Verschwinden riskieren, außerdem Schikanen für ihre Familie. Ich bewundere aber all die Menschen, die das tun. Die ihr Leben riskieren, gegen das Unrecht und für die Wahrheit aufstehen, für viele andere.

Was gerade in der Ukraine passiert, finde ich schwer zu begreifen. Aber: Es ist nah genug für jeden, um betroffen zu sein. Und weit genug weg, um sich noch sicher zu fühlen. Dabei bekomme ich durch meine Freunde und Bekannte in der Ukraine relativ viel mit. Und was ich höre, ist unvorstellbar: Die Tapferkeit und der Mut der Menschen, die in der Ukraine geblieben sind, für ihre Familie, für ihre Stadt, für ihr Land.

Ich hatte das Gefühl, etwas tun zu müssen

Was ich in vielen Gesprächen mit Ukrainerinnen und Ukrainern festgestellt habe: Viele brauchen einfach schnell Hilfe, andere sehnen sich aktuell nach Gesprächen. Nach Kontakt, der ihnen Mut zuspricht, der andere Themen anschneidet. Ein paar Minuten Zuhören, um Ruhe zu vermitteln und Normalität.

Einige wollen reden, andere sich austauschen, gegen das Unrecht, gegen das Leid. Um das zu bündeln, was ich in persönlichen Gesprächen hörte und weitergab und möglichst vielen zur Verfügung zu stellen, kam mir die Idee, eine Plattform zu schaffen. Auf die jeder Zugriff mit seinem Handy hat: Most Together, denn zusammen sind wir am stärksten. Oder wie man in den sozialen Medien schreibt: #strongertogether.

Ich habe mich dafür mit einer guten ukrainischen Bekannten zusammengetan. Uns haben befreundete Programmierer unterstützt. Und nach ein paar Tagen stand die Website, auf Englisch und Ukrainisch. Hier können Ukrainerinnen und Ukrainer Hilfe finden.

Die Idee ist, dass sich jeder dort registrieren und angeben kann, was er anbietet: Unterkunft, Job oder Kleidung, aber auch Gespräche und psychologische Unterstützung. Wir verlinken auf Hilfsangebote, geben Tipps. Und was wir in den letzten Wochen über verschiedene Kommunikationskanäle gemacht haben, bringen wir hier zusammen: mentale Hilfe. Unsere Plattform macht den Krieg nicht besser, Krieg ist Krieg. Aber sie hilft ein klein wenig den Menschen, die unter ihm leiden. Macht sie stärker und lässt sie Hoffnung schöpfen – auf ein friedliches Morgen.

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