Nachfolge bei Werkzeug Weber Adieu, Industriegebiet!

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Tschüss, bis bald! Vor einigen Wochen hieß es für impulse-Bloggerin Vanessa Weber Abschied nehmen: Ihre Eltern, die Seniorchefs von Werkzeug Weber, zogen aus der Firmenwohnung aus - raus in die Natur. Was der Auszug der Eltern bedeutet, wird der Nachfolgerin erst langsam klar.

Tschüss, bis bald! Vor einigen Wochen hieß es für impulse-Bloggerin Vanessa Weber Abschied nehmen: Ihre Eltern, die Seniorchefs von Werkzeug Weber, zogen aus der Firmenwohnung aus - raus in die Natur. Was der Auszug der Eltern bedeutet, wird der Nachfolgerin erst langsam klar. © Francesca Schellhaase / Photocase

Vor kurzem sind die Eltern von impulse-Bloggerin Vanessa Weber aus ihrer Firmenwohnung ausgezogen. Raus aus dem Industriegebiet, rein ins Grüne. Die Seniorchefs treten peu à peu kürzer. Warum der Abschied beiden Seiten schwer fällt.

Nach 34 Jahren im Industriegebiet packten meine Eltern vor kurzem die Umzugskisten. 1983 hatten sie im Gewerbegebiet Strietwald in Aschaffenburg einen neuen Firmensitz gebaut – und waren, weil es so praktisch war, gleich selbst dort eingezogen. Benzstraße 4, neben einer Kerzenfabrik und einem Transportunternehmen. Aus meinem Kinderzimmerfenster habe ich nicht die Vögel im Garten beobachtet, sondern die an- und abfahrenden Lkws.

Zum Ausgleich sind wir dafür jedes Wochenende auf unseren Campingplatz nach Gemünden gefahren, das war Natur pur und ein großer Spaß als Kind. Und trotzdem fand ich die Idee gut, dass für meine Eltern jetzt mal Schluss sein könnte mit Lastwagen-Geratter und ewig langen Wegen bis zum nächsten Supermarkt. Wenn ich es mir genau überlege: Dass sie doch woanders hinziehen könnten, ins Grüne, war sogar mein Einfall. Doch nun trauere ich dem Gewohnten nach.

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Um ehrlich zu sein: Sie fehlen

Denn: Jetzt sind sie weg. Ihr schönes Sofa haben sie dagelassen, ansonsten ist die Wohnung leer. Kein morgendlicher Kaffee mehr in ihrer Küche. Kein Mittagessen von Mama. Und das Schlimmste: Kein Austausch mehr über die Firma, über das, was ansteht. Ich freue mich sehr für meine Eltern. Sie haben es sich hart verdient, ihre Nachmittage in einem schönen Häuschen im Grünen zu genießen. Doch um ganz ehrlich zu sein: Sie fehlen.

Das finden auch meine Mitarbeiter. Meine Mutter ist – und das meine ich in keiner Weise despektierlich – als Seniorchefin die gute Seele der Firma. Sie kommt zwar noch ins Büro, aber eben nicht mehr so oft wie früher. Und mein Vater war viele Jahre mein bester Berater, auch wenn er mir schon vor 14 Jahren die Geschäftsführung übergeben hat. Er saß noch lange mit dem Rest des Teams im Großraumbüro, während ich als Geschäftsführerin mein eigenes Büro hatte.

Die Wohnung meiner Eltern kannten die Mitarbeiter jedoch nicht. Die waren natürlich schon neugierig, was wir jetzt daraus machen. Die ehemalige Küche meiner Eltern ist jetzt unser neuer Pausenraum. Statt mit meinen Eltern esse ich nun mittags mit meinen Mitarbeitern. Ich dachte erst, die finden das vielleicht blöd, wenn ich dabei bin. Aber jetzt ist es schön. Man lernt sich nochmal ganz anders kennen.

Die Einschätzung meiner Eltern gab mir Sicherheit

Was mir am meisten fehlt, ist die tägliche morgendliche Rückkopplung von meinen Eltern. Mein Vater hat mir nie reingeredet, seit ich die Geschäftsführung übernommen habe. Dabei war ich damals erst 22 Jahre alt. Aber wenn ich ihn gefragt habe, hat er mir einen Rat gegeben. Und oft hat es auch geholfen, wenn ich einfach erzählt habe, was ansteht. Denn wenn man seine Gedanken formuliert, wird vieles klarer. Wir haben uns täglich ausgetauscht, morgens beim Kaffee, mittags beim Essen. Er hat mir seine Einschätzung gegeben, aber immer betont, dass ich selbst entscheiden müsse.

Das habe ich auch getan – und doch ändert sich nun etwas. Andere Nachfolger kennen das vielleicht: Eine ehrliche Rückmeldung von jemandem, der sich auskennt, stärkt einem einfach den Rücken. Meine Eltern kennen die Firma wie niemand sonst. Ihre Einschätzung gab mir Sicherheit.

Ich bin oft ein Entscheidungsmuffel

Denn eigentlich bin ich ein Entscheidungsmuffel. Ich mache mir bei großen Entscheidungen durchaus Gedanken, was passiert, wenn ich daneben liege. Meine Eltern haben für mich bislang wie ein Alarmsystem funktioniert: Da ist jemand, der mitdenkt, der Risiken und Chancen sieht. Mein Vater ist ja ein Bauchmensch – wie ich. Er hat öfter gesagt: „Ich kann es zwar nicht begründen könne, aber ich habe da ein blödes Gefühl.“

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So war das etwa, als wir einen neuen Außendienstler eingestellt haben. Ich habe mich dann trotzdem für den Mann entschieden, um den es ging. Es war leider ein Fehler, das Bauchgefühl meines Vaters und blöderweise auch mein Bauchgefühl waren richtig.

Dass ich das nun in der Vergangenheit schreibe, fühlt sich merkwürdig an. Auch ganz praktisch ist nun vieles komplizierter. Wenn etwa die Reinigungsfirma am Wochenende reingelassen werden muss, müssen wir das organisieren. Früher haben das meine Eltern gemacht. Die wohnten ja in der Firma.

Auch meinen Eltern fällt es schwer, sich zu verabschieden

Im Büro sehen wir uns nun nicht mehr oft – auch durch die räumliche Trennung der Büros. Wenn ich nun eine Rückmeldung von meinen Eltern will, muss ich anrufen oder hinfahren. Wir treffen uns jeden Mittwoch zum Essen. Ich bin es schon lange gewohnt, die Verantwortung allein zu tragen. Aber dass meine Eltern nun nicht mehr im Unternehmen wohnen, macht das noch einmal sichtbarer.

Den beiden fällt es wohl auch schwer, sich zu verabschieden. Manchmal schicken sie mir morgens ihre Kaffeetasse. Per WhatsApp. Als ein Zeichen, dass sie an mich denken.

Haben auch Sie ein Unternehmen übernommen? Was haben Sie erlebt? Ich freue mich über einen Erfahrungsaustausch, hinterlassen Sie einfach einen Kommentar!

4 Kommentare
  • Stephanie 26. April 2017 13:18

    Liebe Frau Weber,

    Ihre Worte haben mich tief bewegt. Auch ich habe die Firma meiner Eltern zusammen mit meinem Cousin übernommen. Der Abschied von meinem Vater aus der Geschäftsleitung war sehr schwer für ihn und auch für mich. Leider konnte er mir nicht so einen schleichenden Übergang ermöglichen wie Ihnen. Ich habe zwar zuvor 10 Jahre lang als Assistentin für ihn gearbeitet, aber in dieser Zeit hat er mir leider nicht sehr viel Verantwortung abgegeben. Er war lange gewohnt als Einzelkämpfer zu arbeiten und hing zusehr an seiner Arbeit. Hinzu kommt noch eine veränderte Welt durch das Internet, an die er sich nicht mehr anpassen konnte. Dies hat er mir zwar überlassen, aber mir fehlte das Gespräch und der Austausch. Das hat mich oft sehr verunsichert. Und wir hatten sehr viele Konflikte, da er meine Probleme und Sichtweisen nicht mehr verstehen konnte. (Letztendlich hat er aber immer hinter mir gestanden ;-)). Als es dann zur Firmenübergabe kam, war für ihn und auch für mich der einzige Weg, dass er sich radikal aus dem Geschäft zurückgezogen hatte. Er brauchte den Abstand, um sich ein neues Leben nach der Firma aufzubauen. Selbst bei Familienfeiern haben wir kaum noch über die Firma gesprochen. Ich bin dann buchstäblich ins kalte Wasser gesprungen. Zwar war ich nicht allein, da ich die Firma mit meinem Cousin übernommen hatte, aber die Wellen waren doch recht hoch und ich musste sehr schnell sehr viel lernen. Wir haben auch sehr viele Hochs und Tiefs erlebt und auch einige Fehlentscheidungen getroffen. Nach ca. 3 Jahren konnte ich plötzlich wieder mit meinem Vater sprechen. Auf einmal war er wieder da und konnte mir zuhören und mich unterstützen. Er hatte mir keinerlei Vorwürfe gemacht über Entscheidungen die wir getroffen hatten, sondern kam uns zu Hilfe als wir Schwierigkeiten hatten. Jetzt arbeitet er wieder ein paar Stunden die Woche in der Firma und wir können uns regelmäßig unterhalten, dabei wird er dieses Jahr 79!
    Letztendlich war er nie weg und dieses Gefühl gibt mir enorm viel Kraft!
    Ich glaub dies kann man nur nachvollziehen, wenn man in einem Familienunternehmen arbeitet ;-).
    Liebe Grüße Steffi Q.

    • Vanessa Weber 10. August 2017 15:40

      Liebe Steffi Q!

      Danke für Ihre Zeilen und das Teilen Ihrer Nachfolgegeschichte!
      Schön zu lesen! Ich hoffe, Ihr Vater bleibt noch lange Fit – wie ich feststellen durfte bei meinem Vater – die Arbeit hält Jung!

      Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg!

      Herzliche Familienunternehmerinnengrüße zurück!

  • Sylvia Krenzer 26. April 2017 09:08

    Liebe Frau Weber,
    danke für diese mutigen und ehrlichen Zeilen. Wertvoll, wenn man in der Familie so tolle Partner hat, Gratulation! Vielleicht wartet schon jemand darauf, Ihnen mit seinem Bauchgefühl auszuhelfen! Ich wünschen Ihnen Alles Gute auf diesem neuen Teil Ihres Weges. Hut ab!
    Herzlichst Ihre Sylvia Anna Krenzer

    • Vanessa Weber 10. August 2017 15:36

      Vielen Dank!

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