Tabuwörter in Unternehmen „Das sagen wir hier so aber nicht“

"Pssst! Das sagt man doch so nicht!" Stephanie Borgert erlebt immer wieder, dass es in Unternehmen Tabuwörter gibt, die man nicht nutzen soll. Doch wenn man nicht Klartext reden darf, kommt man nur selten zu einem Ergebnis.

"Pssst! Das sagt man doch so nicht!" Stephanie Borgert erlebt immer wieder, dass es in Unternehmen Tabuwörter gibt, die man nicht nutzen soll. Doch wenn man nicht Klartext reden darf, kommt man nur selten zu einem Ergebnis. © fotolia / mangostar_studio

Betritt Management-Beraterin Stephanie Borgert ein Unternehmen, erhält sie oft direkt einen Maulkorb: Statt von „Problemen“ solle sie von „Herausforderungen“ sprechen, statt zu kritisieren positiv bestärken. Borgerts Top 3 der verbotenen Begriffe – und warum man sie wieder nutzen sollte.

Komme ich als Beraterin in eine Organisation, dann beginnt es üblicherweise schon während der Auftragsklärung, spätestens jedoch im ersten Workshop: das Einnorden auf die systemtaugliche Sprache. Witzig, werde ich doch engagiert, um konstruktiv zu irritieren – und gleichzeitig hoffen alle, dass ich es nicht wirklich tue. Zumindest nicht sofort, oder wenigstens nicht so offensiv, oder höchstens in homöopathischen Dosen.

Wie dem auch sei: Wenn ich die Menge der aufgebrachten Energie betrachte, mit der man versucht, mich zum Gebrauch der „richtigen“ Worte zu erziehen, lassen sich durchaus ein paar brauchbare Hypothesen bilden. Zum Stellenwert von echtem Diskurs in einem System beispielsweise. Oder zum Umgang mit anderen Meinungen, Sichtweisen, Begrifflichkeiten. Mir fällt auf, dass sich viele Organisationen gleichen im Hinblick auf die Dos und Don’ts. Deshalb kommen hier meine …

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Top 3 der verbotenen Ausdrücke:

„Problem“
War ich doch der Meinung, dass das weichgespülte Ersetzen von „Problem“ mittlerweile nur noch zum Running Gag taugt. Weit gefehlt. „Wir reden nicht gerne von Problemen. Bei uns gibt es Herausforderungen. Das klingt auch viel positiver.“ Ja, ja, der Klang mag lieblicher sein, aber der Weg zum Nicht-Sehen-Wollen wird auch definitiv kürzer.

Feedback
„Wir geben hier lieber positives Lob, Kritik hilft doch auch nicht immer.“ Der Begriff Feedback ist für viele Menschen mit Kritik gleichgesetzt. Und zwar mit negativer Kritik, die be- und abwertet. Das allein wäre ja nicht schlimm, da könnte Begriffsklärung Abhilfe schaffen. Das passiert aber nicht, stattdessen findet gar keine Rückmeldung statt. Schade, Chance vertan.

Gruppendresche
Ja, ich gebe es zu, dieser Begriff assoziiert körperliche Auseinandersetzung mit Verlierer. Gleichzeitig ist er hervorragend geeignet, um die dauernde Frage nach „Wenn ein Team selbstorganisiert arbeitet und einer nicht mitmachen will, was kann man da tun?“ zu beantworten: „Nix, das regelt das System selber. Zur Not gibt’s Gruppendresche.“ Ob man diesen oder einen anderen Begriff verwendet, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Die Idee, dass Menschen in echte Auseinandersetzung gehen, um das Wie, Was, Wer, Warum ihrer Zusammenarbeit auszuhandeln, gehört zu den häufigsten Tabus.

Sprachverschwurbelungen schaffen Tabus

Alles eine Frage der Definition? Man kann schnell auf die Idee kommen, dass Sinngebung und damit Begriffsklärung die Lösung sei. In Teilen ist sie das natürlich, in genau dem Kontext mit genau den Personen. Auf der anderen Seite haben Sprachverschwurbeln und Weglassen einen nachhaltigen Effekt – sie schaffen Tabus. Bestimmte Themen werden gar nicht mehr angesprochen oder (was noch häufiger der Fall ist) die Beteiligten weichen auf  Nebenschauplätze aus. Fällt das richtige Stichwort, wird über „Dürfen wir nicht sagen“, „So ist das bei uns nicht“ debattiert und der eigentliche Punkt fällt hinten runter. Diskurs findet nicht statt. So kann dann auch „alles beim Alten“ bleiben.

Sehr oft erlebe ich, wie diplomatisch geschickt agiert und taktiert wird. Die Regeln der „systemeigenen Rhetorik“ dabei immer im Blick. Es geht fast so zu wie in der Politik. Sprache wird größtenteils nachlässig bis schlampig verwendet und gleichzeitig jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Das schafft eine Ambivalenz, mit der sich leicht Meetings, Workshops und Gespräche füllen lassen. Leider führt das nur selten zu irgendeinem Ergebnis. Was ist die Lösung? Echten Diskurs zulassen, in die Auseinandersetzung miteinander (nicht gegeneinander) gehen. Und das mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

In diesem Sinne … bleiben Sie erfolgreich!

3 Kommentare
  • Claudia Ersfeld 20. März 2017 08:49

    Danke für diesen klaren Text. Vor lauter verbaler Weichzeichnerei schaffen Probleme – Verzeihung, Herausforderungen – es, still und heimlich, auf nicht mehr handhabbare Größe anzuwachsen. Ähnlich, wie Kinder sich die Augen zuhalten, um unsichtbar zu werden. Wer Klartext spricht, wird häufig der Systemkritik verdächtigt. Lieber von vornherein offen sprechen (dürfen), als nachher auf der Suche nach Schuldigen das Betriebsklima zu verwüsten.

  • Sandra Gärtner 15. März 2017 20:25

    Ach, dass Feedback zu den bösen Wörtern gehört, war mir gar nicht bewusst!
    Wir stehen nämlich für „nachhaltig besseres Kundenfeedback“ – meinen Sie, die Tabuisierung des Themas hat uns bisher signifikante Umsatzeinbußen (noch so ein böses Wort!) beschert?
    Ich werde es gleich mal ausprobieren und ab heute nur noch von „Optimierung der Customer Experience“ (das wollen ja alle) und schauen, ob ich mit der Buzzword-Feinspülerei mehr Erfolg haben werde ;o)

    Danke für den schönen Artikel! Und herzliche Grüße,
    Sandra Gärtner von GreenAdz – für nachhaltig bessere Customer Experience ;o)

    • Stephanie Borgert 16. März 2017 08:52

      Danke, Frau Gärtner, für Ihr Feedback zum Artikel… (-:

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