Wachstumskurs Muss es immer „höher, schneller, weiter“ sein?
  • INSIDER
Wachstumskurs

© Utamaru Kido / Moment / Getty Images

Mehr Umsatz, mehr Projekte, mehr Mitarbeiter – das ist das Ziel. Oder? Sven Franzen fragt sich, ob Unternehmer auf permanentem Wachstumskurs nicht etwas Entscheidendes aus den Augen verlieren.

Du musst wachsen – dieses Mantra begegnet einem als Unternehmer ständig. Sei es in der Bilanzbesprechung mit dem Steuerberater, der ganz selbstverständlich fragt: „Ihre Umsatzplanung sieht sicherlich höhere Volumen vor?“ Oder beim Blick in die Wirtschaftspresse, wo diejenigen bejubelt werden, die die irrste Rendite erwirtschaftet haben.

Von allen Seiten werden wir darauf gepolt, dass wir wachsen müssen – um jeden Preis.

Ist ein permanenter Wachstumskurs wirklich gesund?

Ich frage mich schon seit Längerem: Geht das? Und: Ist so ein permanenter Wachstumskurs wirklich gesund? Wenn alle schon ein Auto haben – sollte man dann wirklich noch versuchen, immer mehr Autos zu verkaufen?

Ich glaube: Wenn wir uns darauf versteifen, immer weiter wachsen zu wollen, passieren manchmal Dinge, die nicht gut für uns, die Gesellschaft oder unsere Unternehmen sind. Höher, schneller, weiter ist nicht immer der beste Ratgeber.

Wer ständig wachsen will, kann sich verkalkulieren

Ein Beispiel: Ich kannte einen erfolgreichen Co-Working-Space. Es war optimal organisiert, es lief gut. Bis sich die Betreiber entschlossen, an dem damaligen Standort die Fläche zu verdoppeln und einen weiteren Standort zu eröffnen – in einer Top-Lage mit sehr hoher Miete. Sie wollten wachsen. Und haben sich verkalkuliert. Mit dem Ergebnis, dass sie Insolvenz anmelden mussten.

„Es ist okay so, wie es ist“ – das ist ein Satz, der wohl den wenigsten Unternehmern leicht über die Lippen geht.

Ich will mein Unternehmen weiterentwickeln – aber anders

Auch ich tue mich schwer damit. Er klingt nach Stillstand. Natürlich will auch ich mein Unternehmen weiterentwickeln. Aber das bedeutet für mich nicht immer, dass ich weiter wachsen muss. Es geht auch anders:

Stellen Sie sich vor, Sie backen jedes Jahr einen Geburtstagskuchen für jemanden, der Ihnen wirklich wichtig ist. Jahr für Jahr wollen Sie sich selbst übertreffen, der Kuchen soll noch größer, noch pompöser werden. Vor lauter Eifer verlieren Sie dabei das Wesentliche aus den Augen. Und am Ende schmeckt der Teig gar nicht mehr, der Kuchen ist ungenießbar.

Wäre es nicht viel klüger, den Kuchen nicht künstlich aufzublasen, sondern ihn zu verfeinern und bessere Zutaten zu verwenden? Statt immer größer werden zu wollen – wäre es nicht sinnvoller, mein Produkt zu optimieren oder meine Kunden noch besser zu verstehen?

Wie viel Freiheit müsste ich für ein größeres Unternehmen aufgeben?

Dieser Gedanke lässt sich für mich gut auf die Größe meines Unternehmens übertragen. Was hätte ich gewonnen, wenn ich statt einer Handvoll fester Mitarbeiter ein Team von 60 Mitarbeitern führen würde? Was würde es bedeuten, wenn ich so einen großen Apparat am Laufen halten müsste? Könnte ich mir dann das Zehnfache an Gehalt auszahlen? Oder wären es vielleicht nur 30 Prozent mehr?

Und: Wäre es mir das wert? Wie viel Freiheit würde ich dafür aufgeben? Wie gut wäre unsere Leistung dann? Würden wir unsere Kunden massiv besser nach vorne bringen können?

Es gehört Mut dazu, authentisch zu bleiben

Aktuell habe ich ein festes Kernteam, wie eine Familie. Dazu kommt ein Team aus Freelancern und ein virtuelles Team, das uns ergänzt. Die Vorstellung, ein Unternehmen mit 60 oder 100 Mitarbeitern zu führen, finde ich derzeit beklemmend. Inzwischen kann ich ehrlich zu mir selbst sein und sagen: Es wäre für mich derzeit nicht das Richtige, ein großes Unternehmen aufzubauen – alles kann sich ändern und ist von Persönlichkeit zu Persönlichkeit verschieden.

Es gehört viel Mut dazu zu sagen: Ich bleibe so, wie ich bin. Ich will mich nicht verbiegen und den Erwartungen anderer entsprechen. Mich leiten dabei diese Fragen:

  • Was passt zu mir?
  • Wo will ich eigentlich hin?
  • Was brauche ich, um glücklich zu sein?
  • Wie viel Freiheit will ich haben?

Viele wünschen sich, aus ihrem Korsett auszubrechen

Wenn ich mit anderen Unternehmern spreche, fallen die Reaktionen ganz unterschiedlich aus. Einige aus der älteren Generation können meine Überlegungen nicht nachvollziehen. Sie sind auf Wachstumskurs geeicht. Doch bei den meisten spüre ich eine große Sehnsucht. Sie wollen raus aus ihrem Korsett, aus den finanziellen Zwängen, die eine lange Payroll mit sich bringt, raus aus der Verantwortung für große Teams. Sie wünschen sich mehr persönlichen Freiraum.

Vor einiger Zeit habe ich einen Unternehmer kennengelernt, der den Betrieb seines Vaters übernommen hat. Er muss mehrere Kredite abbezahlen, hat viele Mitarbeiter, muss in neue Maschinen investieren. „Ich schlafe nicht gut“, meinte er. „Was heißt denn nicht gut?“, fragte ich. Seine Antwort: „Eigentlich schlafe ich fast gar nicht, seitdem ich das Unternehmen mit so viel Verantwortung führe.“

Geht es Ihnen ähnlich?

Ich fand das erschreckend. Gesund zu sein, zu lachen, gut schlafen zu können – das kriegen wir mit der Geburt geschenkt! Dann soll ich auf einmal wegen „vermeintlichem Erfolg“ Geld investieren, um nur noch mithilfe einer Therapie oder Medikamenten diese elementaren Lebensteile leben zu können? Dann sollte ich etwas ändern. Und mir die Frage stellen: Ist dieser Weg wirklich der richtige für mich?

Wie geht es Ihnen damit? Beschäftigen Sie sich mit ähnlichen Fragen? Was sind Ihre Erfahrungen? Ich bin gespannt auf Ihre Kommentare! Danke für das Teilen.

100 Ideen, die Ihr Unternehmen voranbringen

Sie wünschen sich motivierte Mitarbeiter, mehr Produktivität oder zufriedene Kunden? Unsere 100 Ideen bringen Sie diesem Ziel näher. Jetzt kostenlos herunterladen! impulse premium
16 Kommentare
  • J. Weber 20. April 2021 13:17

    Tut mir leid Herr Franzen, aber ich teile Ihre Meinung da nicht ganz. Wenn wir doch mal ganz ehrlich sind, gibt es doch gar keinen Bedarf mehr. Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Mittels Marketing wird ein Bedarf bzw. ein Problem beim Verbraucher suggeriert, das er ursprünglich gar nicht hatte, nur damit das Produkt zur Deckung dieses künstlich erzeugten Bedarfs verkauft werden kann. Brauche ich denn wirklich jedes Jahr ein neues Handy oder alle 3 Jahre ein neues Auto? Und warum brauche ich zur Auswahl 15 verschiedene Colorshampoos im Regal oder 20 verschiedene Schnittkäsesorten in der Kühltheke? Wenn man sich die Verbraucherwerbung anschaut, geht es ja meist gar nicht mehr um das Produkt selbst und seine Vorteile bzw. die eigentliche Bedarfsdeckung. Bei manch einer Werbung weiß man hinterher gar nicht, welches Produkt eigentlich beworben wurde. Es wird eine Emotion verkauft, nach der sich die Menschen sehnen und die sie dann hoffen, mit dem Erwerb dieses Produktes zu bekommen, was jedoch nicht der Fall ist. Weshalb sie dann weiter auf der Suche nach dieser Emotion sind. Von Bedürfnisbefriedigung oder Bedarfsdeckung durch Marketing kann somit nicht die Rede sein.

    Marketing trägt vielleicht nicht dazu bei, dass noch eine Marke mehr auf den Markt kommt, aber es trägt meiner Meinung nach dazu bei, dass der Überfluss bestehen bleibt und die natürliche Auslese nicht greift. Ich bin persönlich der Meinung, dass eine Marktbereinigung in den ein oder anderen Bereich nicht das schlechteste wäre. Auch wenn es im ersten Moment sehr hart wäre, aber vielleicht hätten wir dann eine Chance zu einer echten gesellschaftlichen Weiterentwicklung. Die Menschen haben aufgrund des Überflusses den Überblick verloren und sind nicht mehr in der Lage sich zu entscheiden, langfristig festlegen und vor allem zufrieden zu sein. Meiner Ansicht nach ist das „höher, schneller, weiter“, das die Wirtschaft oder auch andere Bereiche, wie z.B. der Sport, seit Jahren erleben, einfach nur unatürlich.

  • Sven L. Franzen 19. April 2021 10:30

    Guten Morgen Frau / Herr Weber,
    danke für Ihren Kommentar, den ich sehr spannend finde.
    Ihre Ansicht, dass es immer „mehr und höher, schneller, weiter“ sein muss und dadurch ein „Überfluss“ entsteht, der uns weder glücklicher macht; noch nach Vorne bringt, teile ich.

    Dennoch bin ich fest davon überzeugt, dass Marketing nicht dazu beiträgt, dass noch eine Marke mehr auf den Markt kommt, sondern eher, dass Produkte zu konkreten Zielgruppen finden. Das heißt: Kunden finden schnell, einfach genau die Lösung für ihre Bedürfnisse und Herausforderungen, um ihr Problem zu lösen. Darin sehe zumindest ich die Aufgabe von Marketing, strategischen unternehmerischen Gedanken und den damit verbundenen Maßnahmen wie Kampagnen oder Markenentwicklung. Massenangebot, Komplizierte Angebote und nur Verkaufen ohne Nutzen, steht dem meist entgegen – zumindest aus meiner Philosophie.

    Kurz und knapp: ich stimme Ihnen zu und Marketing ist aus meiner Sicht genau das Werkzeug, um in dieser Wertehaltung zu handeln, die Sie beschreiben. Heißt: Kunden, Purpose, Werte und Haltung zu kommunizieren und die Richtigen miteinander einfach und klar zusammen zu bringen – mit der richtigen Kommunikation.

    Ich hoffe, das sich diese Meinung mehrheitlich etabliert und wir damit die Welt ein Stückchen besser machen können. Ihnen alles Gute und viel Erfolg.

    Beste Grüße,
    Sven L. Franzen

  • J. Weber 14. April 2021 23:48

    Sehr geehrter Herr Franzen,

    Ihre Gedanken zum Wachstum sind für einen Unternehmer beeindruckend, aber bei allem Respekt, Sie betreiben ein Marketing-Unternehmen sorgen Sie damit nicht schon für das „immer mehr“ in der Unternehmenslandschaft? Ich habe neulich in einem Buch einen Satz gelesen „Zuviel von allem.“ den fand ich so aussagekräftig für unsere heutige Gesellschaft. Allein schon wenn man versucht sich ein neues Shampoo zu kaufen, steht man vollkommen überfordert vor dem Regal, weil es zig Firmen gibt, die alle Sorten anbieten. Es ist nicht so, dass sich eine Firma auf eine Sorte spezialisiert. Das gleiche Prinzip herrscht in der Automobilindustrie. Da gibt es innerhalb eines Konzern allein schon mehr als 10 Automarken und innerhalb jeder Marke wird vom Kleinwagen über Mittelklassewagen bis hin zum SUV alles angeboten. Wozu? Wozu braucht die Welt dieses Massenangebot? Weil das Unternehmen Angst hat Umsatz an die Konkurrenz zu verlieren. Und wie kann man heutzutage diese Massen an Produkten verkaufen? Durch agressives Marketing. Das fängt bei der Produktgestaltung an, geht über die PR bis hin zu direkten Bewerben des Produkten und der Marktforschung. Es geht nur um Verkaufen, Verkaufen, Verkaufen. Da zählt weder der zufriedene Kunde (siehe Abgasskandal), noch zählt die Nachhaltigkeit für zukünftige Generationen und Natur, noch zählt der zufriedene Mitarbeiter. Wer nicht ins das marktwirtschaftliche System passt, geht unter. Und leider ist das in allen Branchen der Fall, vom Einzelhandel angefangen bis hin zum Gesundheitswesen. Der Aktionär zählt mehr als der zufriedene Mitarbeiter.

    Nichtsdestotrotz finde ich es toll, dass Sie sich als Unternehmer überhaupt mit solchen Gedanken beschäftigen. Respekt.

  • Sven L. Franzen 19. Januar 2021 12:37

    Sehr geehrter Herr Schürer,

    danke für Ihren schönen Kommentar.
    Ich stimme Ihnen in vielen Punkten zu. Daher drücke ich Ihnen die Daumen für Ihre weiteren Schritte und dass Sie Ihre Leidenschaft leben können.

    Beste Grüße,
    Sven L. Franzen

  • Marcus Schürer 19. Januar 2021 08:37

    Guten Tag Herr Franzen,
    Ihr Beitrag ist ja nun schon ein paar Tage alt, aber in dieser Zeit durchaus noch aktueller geworden. Über Ihren neuesten Beitrag zu der gegenwärtigen Situation, wie damit umgehen, bin ich auf diesen Blogbeitrag gestoßen und finde, die beiden gehören zusammen. Jetzt ist die Chance, zu reflektieren und sich zu sortieren. Wir ebenfalls in den Kommentaren geschrieben wurde, haben es kleine Unternehmen häufig leichter, die Eisberge zu umschiffen, schneller auf den Markt zu reagieren. Das setzt natürlich voraus, daß die Strukturen nicht zu starr sind.
    Ich betreibe einen Betrieb, in dem Qualität von höchster Bedeutung ist, in einer Kleinstadt, wo man stolz ist auf das, was ich mache und es durch Deutschland getragen wird. Auch ich war über Jahre getrieben von immer ein Stückchen weiter zu kommen. Mehr Mitarbeiter bedeuteten meistens mehr Aufträge, mehr Aufträge meistens mehr Mitarbeiter. Das Eine bedingt das Andere. Dann habe ich 2018 die „Notbremse“ gezogen und einem Großkunden (25% meines Gesamtumsatzes) die Belieferung aufgekündigt. Das bedeutete große finanzielle Einschnitte, aber vieles hat sich seitdem gebessert. Die Mitarbeiter waren zufriedener und ich habe Ruhe in die Belegschaft gebracht, was sich durchaus auch auf mich ausgewirkt hat. Die Qualität der Preise ist besser geworden, da wir mehr Umsätze im Manufakturverkauf erzeugen, was deutlich bessere Margen mit sich bringt, somit auch die Gewinne erhöht. Abläufe konnten geschliffen werden, mehr Klarheit ins Unternehmen gebracht werden… Ich habe vor einiger Zeit mal in der einem der Blogs gelesen, daß der Unternehmer sich einmal im Jahr hinsetzt und sortiert – Kunden, die ich weiter beliefern will und jene, die ich nicht mehr beliefere, da sie unbequem sind und mich mehr Aufwand kosten, als sie mir bringen. Auch das ist ein Ansatz, daß man eine gewisse Kapazität aufrecht erhält, damit auch einen Mangelmarkt erzeugt und es vielleicht sogar „schick“ ist, in diesen Kundenstamm aufgenommen zu werden. Das widerrum erzeugt auch einen Wert und somit besser Preise/Margen.
    Ich habe vor Jahre mein Thema mit Leidenschaft begonnen, als Einmann-Show in der heimischen Küche. Diese Leidenschaft ist leider Zwängen gewichen, aber so Stück für Stück erkämpfe ich mir diese Leidenschaft zurück. Dafür ist Raum notwendig, Besinnung auf das, warum man mal damit angefangen hat und kein zu großer Druck. Bei mir drücken noch finanzielle Verpflichtungen, aber auch die sind hoffentlich bald Geschichte und dann bin ich an der Stelle, wo meiner Leidenschaft nichts mehr im Wege steht.

  • Sven L. Franzen 24. Februar 2020 09:28

    @ACHIM BEYER: Danke für Ihre offenen Worte und den Zuspruch. Ich sehe das genau so, Qualität führt unerlässlich zu Folgeaufträgen und damit gewissermaßen zu Wachstum. Dennoch müssen wir den Mut aufbringen zu reflektieren und uns diese Fragen immer wieder neu zu stellen, um daraus Rückschlüssen zu ziehen neue Wege zu gehen.

    @OHNE NAMEN: Danke auch Ihnen für Ihre offenen Worte und dass Sie hier so aktiv mit kommentiert haben. Wir sollten dafür sorgen, dass wir das Unternehmerbild in der Gesellschaft und in Schulen bei Schülern stärken, damit sie ein besseres Bild vom Unternehmer bekommen und möglicherweise selbst Unternehmer werden wollen.

    Danke für Ihre Kommentare.

  • Achim Beyer 22. Februar 2020 15:44

    Sehr geehrter Herr Franzen,

    vielen Dank für den Artikel, der, wie ich inzwischen die Erfahrung gemacht habe, mich vermutlich „nicht zufällig“ erreicht hat. Tatsächlich beschäftigt mich das Thema schon länger und die daran anschließende Frage, wo soll die Reise hingehen. Ich mache die Erfahrung, dass Qualität in der Leistung sich rumspricht, was zu Folgeaufträgen führt und im Idealfall auch zu neuen Kunden. Wachstum ist fast schon vorprogrammiert. Getreu dem Motto „Kunde droht mit Auftrag“.
    Mir ist dabei wichtig, dass die Qualität aber weiterhin stimmt, denn das ist eines meiner besonderen Merkmale für mein Unternehmen. Aber irgendwann muss Schluss sein mit Wachstum, Kundenanfragen können dann nicht mehr berücksichtigt werden. An der Antwort zu dieser Frage arbeite ich gerade und versuche darüber hinaus für mich klarzustellen, bis wohin die Reise (personell) gehen soll, damit ich nicht nur noch im selbst und ständig leben muss. Selbstreflexion und Ehrlichkeit mit sich selbst ist dabei sehr wichtig.

  • Ohne Namen 13. Februar 2020 18:27

    Ich bin Geschäftsführer eines kleinen Familienunternehmens in der Baubranche und ich durfte – nachdem ich das Unternehmen ca. beim 75-jährigen Jubiläum übernommen habe – im letzten Jahr gemeinsam mit unseren Mitarbeitern und Geschäftspartnern unser 100-jähriges bestehen Feiern. Ich habe gemeinsam mit meinem Team in einem „kleinen Boot“ riesige Eisberge umschifft. Ein kleines Boot reagiert nämlich äußerst schnell auf das Ruder. Was mit der Titanik passierte ist ja bekannt ;-).
    Unsere Mitarbeiterzahl von – zu jederzeit – so um die 25 bis 30 hat uns nicht davon abgehalten uns als Fachunternehmen sowie nach der Qualitätsmanagementnorm DIN EN 9001:2015 zertifizieren zu lassen. Einige Mitarbeiter sind bereits seit über 25, 30 und sogar 40 Jahren bei uns beschäftigt und unsere Mitarbeiter werden allesamt mindestens nach Tarif bezahlt. Ich habe weder eine Villa mit vergoldeten Wasserhähnen noch beute ich meine Mitarbeiter aus – so wie Bauunternehmer gerne im „Tatort“ dargestellt werden. Aber ich habe auch ohne Wachstum und immer mit dem Blick auf zukünftige Entwicklungen eine – wenn auch regionale – äußerst stabile Marktposition sowie eine ausgeglichene, wie heißt es auf neudeutsch – Work-Life-Balance. Das wäre mit dem vielbeschworenen Wachstum auf diese Weise sicherlich nicht eingetroffen.

    Freundliche Grüße an alle, die sich nicht durch die Mediengesellschaft und durch die vermeintlichen Erfolgsmanager beirren lassen und Ihren Weg wie wir gehen!

  • Sven L. Franzen 13. Februar 2020 12:59

    Vielen Dank für alle Ihre Kommentare, die ich gerne in einem Kommentar auf einmal beantworten und replizieren möchte. Es freut mich, dass mein Blog Sie so angeregt hat mit zu diskutieren. Weiter so! So bringen wir diese Debatte voran und können gestalten.

    @ANONYMOUS: Guten Tag, Unbekannter, ich wünsche Ihnen für die Übernahme viel Erfolg. Mögen alle Ihre Wünsche und Visionen wahr werden, damit die Nachfolge bei uns jüngeren Generationen wieder beliebter wird. Ihre Überlegungen sind klug und führen Sie sicher zu Erfolg! – Bei vielen Übergaben, die ich bereits begleitet habe, war immer spannend zu sehen, was Senior aufgebaut hat und wie der Junior das fortführt. Auch hierbei wird häufig nicht über alles transparent gesprochen. Wir brauchen Unternehmensnachfolger, wie Sie, schon heute sterben zu viele bestehende Firmen oder werden aufgekauft, wodurch doch immer ein Teil des Herzen des Unternehmens verloren geht.

    @ANNE KIETZMANN: freut mich, dass Sie auch die menschliche Seite stark beleuchten. Sie haben völlig Recht, die Angelegenheit ist komplex und könnte freilich noch um weitere Punkte erweitert werden.

    @ARNDT WEICK: Sie haben völlig Recht, dass es hier noch komplexere Sachverhalte gibt. Es ging mir darum, einen zentralen Punkt, die Gier, die meist mit Wachstum und mehr Volumen verbunden wird, zu hinterfragen und diese reflexiv zu betrachten. Gerade bei den neuen Generationen zieht das nicht mehr. Ihre Ansicht über menschliche Reife, Persönlichkeitswachstum, etc. ist die Gegenseite. Dies ist das positive Wachstum; das wir alle brauchen und – insofern wir dafür offen sind und uns nicht dagegen sperren, selbständig mitnehmen – mit jeder Sekunde, jedem Jahr in unserer Rolle im Leben.

    @TINA MAIER: Es freut mich, dass Sie diese Ansicht mit mir teilen. Dass wir uns alle als Menschen – statt Maschinen („ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut“) betrachten sollten, und dann andere Fragen gestellt werden, bzw. völlig andere Antworten darauf folgen. Gesundes Wachstum in allen Facetten und vor allem eine klare Strategie. Auch hierzu gehört Mut, Mut mit sich selbst ehrlich zu sprechen und daraus Taten folgen zu lassen (zu machen). Unternehmer sind Macher. Und das sinnvoll, sinnhaft und gesund.

    @JUERGEN H.: Danke für Ihre Ansicht, die Sie mit uns teilen und es freut mich, dass Sie meiner Blogaussage zustimmen. Ihnen alles Gute!

    @ANONYMOUS2: Sie haben Recht, es ist ein gesellschaftspolitisches Thema und ich freue mich, wenn wir es offen ansprechen, diskutieren und als Unternehmer und Macher voran gehen, um hier etwas zu ändern. Was sind Ihre Ideen hierzu? Wie kann das gelingen?

    @VOLKER S.: Danke für Ihr Kommentar und schön, dass Sie mein Artikel so anspricht.
    Es ist nicht immer einfach über eigene Gedanken und Überlegungen zu schreiben, da freut es umso mehr, wenn diese bei anderen positiv ankommen oder sich gleichartige Fragen stellen.

  • Volker S. 13. Februar 2020 10:56

    Sehr schöner Artikel.
    In der Medizin bedeutet permanentes Wachstum Krebs. Die Frage, ob das gut ist, beantwortet sich von selbst.

  • Anonymous 13. Februar 2020 09:54

    Sehr guter Gedanke. Wachstum ist gut, wenn das Unternehmen und das aktuelle Umfeld es hergeben. Aber dieses Streben nach Wachstum um jeden Preis macht uns blind für die wirklich wichtigen Dinge z.B. auch für die Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern deren Arbeitsplatz zu sichern und nicht unkalkulierbare Risiken einzugehen. Leider sind wir aber als Handelsunternehmen von unterschiedlichen Stakeholdern (wie Lieferanten und Banken) auf stetigen Wachstumskurs getrimmt. Aus meiner Sicht auch ein gesellschaftspolitisches Thema: Höher, schneller, weiter….

  • Juergen H. 13. Februar 2020 09:37

    Hallo Guten Tag,ich kann dem vorhergesagtem nur zustimmen;
    man kann nur erfolgreich sein , wenn die Lebensqualitaet stimmt.Ein ausgeglichener Chef
    kann richtige Endscheidungen treffen,ein mueder,gestresster Chef wird irgendwann falsche Endscheidungen treffen.
    Die jetzige Situation mit dem Virus zeigt wie schnell alles zusammenbrechen kann,
    Qualitaet schlaegt gepuschtes Wachstum,so wie es im vorigen Kommentar schon treffend beschrieben ist.Hoeher,schneller,weiter,das kann kein Mensch durchhalten,
    langsamer,schoener,gesuender wohl
    schoenen Tag
    Juergen H

  • Tina Maier 13. Februar 2020 09:22

    Sie werfen hier eine Fragestellung auf, die sich jeder Unternehmer stellen sollte. Denn wie in Ihrem Beispiel kenne auch ich Firmen, die sich vor allem mit einem zu schnellem Wachstum selbst überfordert haben.
    Ich würde jedoch auch den Gedanken beleuchtet sehen wollen, dass nicht immer ein Wachstum um seiner Selbstwillen betrieben wird, sondern es Schwellen gibt, in denen Wachstum notwendig ist um den Kundenwünschen gerecht werden zu können und man sich dem auch als Unternehmer mutig stellen muss.
    Wenn wir zu einem bestimmtem Zeitpunkt nicht gewachsen wären, hätten wir unsere Spezialisierung im Markt, die Besetzung einer Nische zur langfristigen Abgrenzung gegenüber dem Wettbewerb und damit einen dauerhaften Nutzen für unseren Kunden nicht gewährleisten können.
    Daher denke ich, dass es darum geht gesund zu wachsen und seine Grenzen zu erkennen.

  • Arndt Weick 13. Februar 2020 09:02

    Sehr geehrter Herr Franzen,

    vielen Dank für Ihren anregenden Artikel.

    Die Frage, ob ein permanentes Wachstum sinnvoll, gesund ist, lässt sich wohl eher nur spezifisch betrachten.
    Wachstum um !jeden! Preis schließt dies als Antwort aus, da in Kauf genommen würde, dass man auch einen viel zu hohen Preis gewillt sein müsste, zu zahlen.
    Vielleicht lässt sich Unternehmens-Wachstum auch anders betrachten, einschätzen – vor Allem in Bezug auf den Unternehmer in Korrelation zu seinem Unternehmen.
    Der Mensch wächst von Kindheit an bis zu einem gewissen Alter in der Größe, danach eher die geistige Entwicklung >> er reift.
    In der Natur herrscht ständiger Wachstum, allerdings mit Ruhepausen und auch mit Begrenzungen natürlicher Art >> alles wächst im Zusammenspiel, organisch verträglich
    >> Zuviel Futter, mehr Fresser – Zu viele Fresser, weniger Futter – weniger Futter wieder weniger Fresser, bis die Balance stimmt…
    Also ist wichtig: Wo steht das Unternehmen in seiner Lebenszyklusphase in Bezug auf das Marktvolumen, Marktpotential u n d Wo steht der Unternehmer in seiner persönlichen Lebenszyklusphase? Ist es noch deckungsgleich? Ist er selbst noch durstig, hungrig auf Wachstum (geistlich) oder bereits ausgepowert, weil er seine Ruhephasen ignoriert hat? Kommt dann vielleicht eher auch eine Macht-Teilung, Partnerschaft in Frage oder sollte ein Nachfolger gesucht werden?
    Je nach Unternehmensfeld ist Wachstum nicht nur in die Breite sinnvoll, sondern sicherlich auch in die Tiefe > Spezialisierung > Zielgruppenschärfung /-Anpassung bezüglich sich ändernder Umstände am Markt, Umwelt, Politik etc.
    Ich denke, Wachstum und vor allem die Geschwindigkeit ebendieses müssen organisch, in der Balance gehalten werden – wie Innen so Außen … Hier ist eine ehrliche Reflektion des Unternehmers unabdingbar- ist die Bereitschaft gegeben, sich von seinen Mitarbeitern ob der bestehenden Situation, zu „spiegeln“ und dann die jeweils notwendigen, für das Unternehmen sinnvollen Entscheidungen zu treffen —

    Die Verantwortung zum Wachstum beinhaltet auch das Erkennen, wann man als „Vater sein Kind“ alleine laufen lassen muss … also wahrzunehmen, dass Wachstum nur ein Teil des gesamten persönlichen Prozess ist – ebenso wie Stagnation vor der Schrumpfung.

    Manchmal hilft es auch, zu überprüfen, ob man noch mit seiner ursprünglichen Unternehmensphilosophie, der Vision und den Werten auf Kurs ist … oder diese sich heute auch etwas am sich ändernden Markt anpassen dürfen.

    Lassen Sie uns Wachstum also weniger isoliert nur als solches betrachten und hinterfragen…
    und viel mehr als einen Teil der stetigen Entwicklung, des Lebens annehmen.

  • Anne Kietzmann 13. Februar 2020 08:48

    Danke, Herr Franzen, dass Sie dieses Thema aus Unternehmerperspektive so treffend auf den Punkt gebracht haben. Wofür wachsen, wenn man dadurch die Lebensqualität verliert? Die Faktoren Nachhaltigkeit und Umweltschutz sind nicht erwähnt worden, gehören aber zur Work-Life-Balance-Kalkulation dazu.
    Als Arbeitnehmerin und Mutter beschäftige ich mich schon seit Jahren mit der Problematik. Gut, dass auch immer mehr Arbeitgeber inzwischen die Wachstumsmanie hinterfragen.

  • Anonymous 13. Februar 2020 08:27

    Vielen Dank für diese ehrlichen Worte. Sie sprechen mir aus der Seele. Ich werde in Kürze die Nachfolge meines Vater antreten und unseren Betrieb mit 30 Mitarbeitern führen. Wir sind regional tätig und ein Wachstum ist allein dadurch nur schwer zu realisieren. Wir sind in unserer Region ein bekannter Betrieb, haben einen guten Kundenstamm und leben nicht schlecht davon. Ein Wachstum würde bedeuten, sich in regional fremde Gebiete zu begeben und Mitbewerber anzugreifen, ja regelrecht Krieg zu führen!
    Unser Marktvolumen ist durch die Art unserer Produkte begrenzt. Es würde durch einen Angriff maximal eine Umschichtung erfolgen. Die Branche an sich kann nicht wachsen. Sinnvoll ist es daher für alle Marktteilnehmer, sich innerhalb seines Bereiches permanent zu verbessern. Das bringt bessere Renditen, bessere Kundenbeziehungen und jedem letztendlich jedem einen besseren Schlaf.
    Vielleicht liegt es in Natur des Menschen, sein Territorium zu erweitern zu wollen. Unverständlich für mich ist es aber, warum dies so oft nur auf das Volumen – sprich Umsatz – reduziert wird.
    Ich werde für meinen Teil unseren Betrieb weiterhin auf Einzigartigkeit und Qualität ausrichten. Das macht uns wenig angreifbar und stabilisiert unsere Position von Jahr zu Jahr. Kunden suchen uns genau deswegen auf und empfehlen uns weiter! DAS ist für mich Erfolg!

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Die Redaktion schaltet Kommentare montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr frei. Die Angabe von Name und E-Mail-Adresse ist freiwillig. IP-Adressen werden nicht gespeichert. Mit der Abgabe eines Kommentars stimmen Sie unseren Datenschutzbestimmungen zu.)