Management Unternehmer misstrauen Cloud Computing

Mit großem Werbegeklingel schwärmen IT-Dienstleister von der rosigen Zukunft des Cloud Computing. Dabei nutzt bisher kaum jemand die Dienste, unter anderem aus Angst vor Datenklau und Systemabstürzen. Die ersten Anwender allerdings sind vom Nutzen der Technik überzeugt.

Stefan Truthän steht auf Technik. „IT ist kein notwendiges Übel, sondern ein Produktionsfaktor“, sagt der Wirtschaftsinformatiker. „Deshalb will ich meinen Mitarbeitern stets das Beste bereitstellen, was auf dem Markt verfügbar ist.“ Bei der Brandschutzfirma HHP Berlin, die Truthän seit 2008 als einer von drei Gesellschaftern führt, heißt das: Die 110 Mitarbeiter können von überall aus, jederzeit und auch gemeinsam auf so ziemlich jedes Firmendokument zugreifen, sind stets per Telefon und E-Mail erreichbar. „60 Prozent unserer Arbeit besteht aus Kommunikation“, sagt Truthän, dessen Ingenieure Brandschutzpläne für Stadien, Flughäfen, Schulen und Theater in aller Welt entwickeln. „Da ist es eigentlich logisch, die Kommunikationsinfrastruktur nicht nur an unseren Standorten vorzuhalten, sondern überall da, wo die Mitarbeiter gerade sind.“

Vor gut einem Jahr ist Truthän dazu als ein Pilotkunde von Microsoft mit großen Teilen der Firmen-IT „in die Cloud gegangen“. Das heißt: E-Mails, Kontaktdaten, Kalender und alltägliche Arbeitsunterlagen lagern nicht mehr auf Speichern im Serverraum der Firma, sondern auf Festplatten irgendwo in den Rechenzentren des Softwareriesen Microsoft.

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E-Mail-Dienste, Bürosoftware und Internettelefonie

Auch seine Telefonanlage lässt Truthän von dort aus arbeiten, ganz ohne Kabelsalat und Anschlussdosen, rein virtuell. Und statt für jeden neuen Mitarbeiter teure Rechner und Software zu kaufen und Techniker die nötigen Strippen ziehen zu lassen, tut es eine Grundausstattung aus Laptop und Smartphone – und ein Service-Abonnement für 5 bis 22 Euro pro Mitarbeiter und Monat. Das beinhaltet E-Mail-Dienste, Bürosoftware und Internettelefonie, was immer der Kollege eben braucht.

Mit dem Ergebnis ist Truthän hochzufrieden: Nicht nur, weil die Technik bisher völlig reibungslos funktioniert. Sie ist auch billiger als alles, was er vorher mit Bordmitteln installiert hatte. Mehr als ein Drittel Technikkosten, hat der IT-Chef ausgerechnet, spart er dank Cloud.

Was Truthän so begeistert, findet kaum Nachahmer. Die Berliner Brandschutzingenieure zählen zu einer winzigen Avantgarde in Sachen Cloud-IT.

Umstellung zur virtuellen Mietlösung läuft schleppend

Der Markt soll zwar zwei- bis dreistellig wachsen, die IT-Beratung Experton rechnet allein für Deutschland für nächstes Jahr mit 1,7 Mrd. Euro Cloud-Umsatz. Gemessen am gesamten IT-Umsatz von 69 Mrd. Euro ist das fast vernachlässigenswert. Zwar vertreiben – und bewerben! – viele Soft- und Hardwareanbieter Anwendungen in der Wolke, doch der Umstieg vom traditionellen Softwarekauf zur virtuellen Mietlösung „Software as a Service“ läuft schleppend.

Seit Juni 2011 könnten deutsche Mittelständler die Office-365-Dienste von Microsoft aus der Cloud nutzen; doch wie viele das tun, dazu äußert sich der Konzern nicht. SAP, weltgrößter Anbieter von Firmenplanungssoftware, macht nach Analysteneinschätzungen bisher nicht mal fünf Prozent seines Umsatzes mit Cloud-Anwendungen. Der Rest läuft nach wie vor „on premise“, auf Deutsch: fest installiert auf Rechnern im Haus der Kunden.

Die größte Sorge: Datensicherheit

Zwischen dem Werbeschein und dem Erfolg der Anbieter klafft also eine gewaltige Lücke. Und das hat handfeste Gründe: „Wer in Cloud-Dienste einsteigt, speichert seine Daten ja nicht mehr im Unternehmen, sondern anderswo“, sagt Thomas Loczewski, Cloud-Experte bei der Beratungsgesellschaft Ernst & Young. „Dazu müssen viele Unternehmer ihre Grundeinstellung ändern, und sie brauchen ein gehöriges Maß Grundvertrauen in den Dienstleister.“ An beidem mangelt es offenbar.

Die größte Sorge der Cloud-Kritiker gilt der Datensicherheit. Aus diesem Grund ist René Klepsch, IT-Leiter von Meibes System-Technik, ein Gegner jedweder Datenhaltung außerhalb des Betriebs. Meibes stellt Anschlusstechnik für Heizungen, Wasserrohre und Solaranlagen her. „Drei Viertel unserer Leute arbeiten mit unserem ERP-System“, sagt Klepsch, nutzen also die Firmenplanungssoftware. „Diese Daten jage ich doch nicht durch irgendeine Internetleitung, bei der ich nicht weiß, was passiert, wenn sie mal zusammenbricht.“

Er könne alles, was die Cloud verspreche, auch über Servertechnik bei Meibes aufbauen. Da seien die Daten bislang noch immer verfügbar gewesen. Außerdem könne so niemand Firmengeheimnisse ausspionieren. Auftragsdaten, 3-D-Zeichnungen, Preislisten – niemals würde Klepsch so etwas an Orten speichern, die er nicht kennt.

„Ich würde Kundendaten auch nicht rausgeben“, sagt Rüdiger Spies vom IT-Marktforscher und -Berater IDC. „Da bin ich vielleicht konservativ, aber es gibt eben keine hundertprozentige Sicherheit für den Schutz der Daten.“ Wenn überhaupt, würde er sensible Daten nur verschlüsselt übertragen.

Dass es trotzdem lohnt, sich mit dem Thema zu befassen, ist für Spies klar: „Gerade dort, wo es um neue Systeme oder Module zur Unternehmenssteuerung geht, stellt sich die Frage, ob es nicht günstiger ist, auf eigene Software zu verzichten.“ Datenspeicherung ist schließlich längst nicht alles, was die Anbieter leisten können. Wer den reichlich wolkigen Begriff vom Cloud-Service enger fasst, findet darunter vor allem Dienstleistungen zur Kommunikation und zur gemeinsamen Arbeit an Dokumenten. „In diesem Feld scheitere ich momentan mit einer rein internen Lösung“, gibt Meibes‘ IT-Chef Klepsch zu.

Suchmaschinenbetreiber Google etwa bietet mit Google Apps einen rein internetbasierten Mailservice an, mit diversen Plattformen zur Terminabsprache sowie zur parallelen Arbeit an Texten, Tabellen und Präsentationsfolien. Florian Otte, IT-Leiter von Keller Sports, Onlinehändler für Tennis- und Laufequipment in München, nutzt diese Dienste nicht nur als Alternative zum firmeneigenen Mailserver. Inzwischen tippen die Kollegen auch regelmäßig parallel in Tagesordnungen und Protokollen rum, die die Chefs von internen Teamtreffen erstellen lassen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Der eine Kollege trägt Zugriffszahlen ein, der zweite Verkaufserlöse, der dritte ungewöhnliche Vorkommnisse. „Früher haben wir dazu Dateien hin- und hergemailt und jeder hatte seine eigenen Notizen dabei“, sagt Otte. „Jetzt können wir zeitgleich dran arbeiten, das geht wesentlich schneller und effizienter.“ Zusätzlicher Vorteil: Jeder Mitarbeiter kann den Dienst in seiner eigenen Sprache bedienen. Für die Firma, die gerade nach Spanien und Frankreich expandiert, ein echter Mehrwert, sagt Otte: „Und ich muss dazu nicht eine einzige Zeile selbst programmieren oder übersetzen.“

Was führende IT-Anbieter in der Cloud bereitstellen

Anbieter Die Strategie Cloud-Software (Auswahl)
Amazon Amazon Web Serivces ist ein reiner Plattformanbieter, der Firmen Speicherplatz und eine Infrastruktur bereitstellt, auf der eigene Cloud-Dienste entwickeln können. Relevant ist der Anbieter also vorwiegend für Softwarefirmen, die virtuelle Amazon-Maschinen für ihre eigenen Anwendungen nutzen.
Apple Apples iCloud ist ein Datenspeicher (fünf Gigabyte sind kostenlos), der Daten und Dokumente zentral online speichert. So können Nutzer von verschiedenen Geräten auf aktuelle Daten zugreifen, allerdings nur von solchen, die mit Apples Betriebssystem iOS?5 laufen, also iPhone, iPad und Apple-Computer. Der Datenaustausch wird über iWork Apps ­(Pages, Keynote und Numbers) organisiert, die zum Beispiel Termindaten, Office-Dokumente und PDFs in der Cloud bereitstellen.
Datev Datev hat als größter deutscher Dienstleister der Steuerberater seit 40 Jahren Erfahrung mit der Datenhaltung im eigenen Rechenzentrum. Als Cloud-Dienste bezeichnet man hier kaufmännische Software, die Mittelständler nicht mehr kaufen und auf ihren Rechnern installieren müssen (on pre­mise), sondern einfach per Browser (on demand) nutzen können. DATEVasp, diverse Anwendungen rund um Buchführung, Lohnbuchhaltung, Auftrags­management, Kassenbuch und Zahlungsverkehr
Dropbox Reiner Cloud-Speicherdienst, um Daten online zu sichern und für andere Anwender verfügbar zu machen. Dropbox synchronisiert automatisch lokale Daten von mehreren Endgeräten, wenn diese denselben Zugang installiert haben. Ein Einzelzugang mit zwei Gigabyte ist kostenlos. Mit dem Programm Dropbox für Teams ist auch ein Dienst für Arbeitsgruppen verfügbar.
Google Bietet mit Google Apps eine Plattform mit Mail und verschiedenen Anwendungen, unter anderem Google Docs und Google Cloud ­Connect, mit denen Mitarbeiter via Internet gleichzeitig an Texten und Tabellen arbeiten können. Entwickler können, ähnlich wie bei Amazon, den Dienst Google Cloud Storage nutzen. Mit Google Drive ist zudem ein Dropbox-artiger Speicher für jedermann geplant. Googles Apps for Business enthält Mailsoftware, Kalender, Google Docs und Google Cloud ­Connect zur gemeinsamen Nutzung von Word-, Powerpoint- und Excel-Dateien.
IBM Die IBM Smart Cloud ist eine Mischung aus Hardware und Software, die Unternehmen in drei Versionen als Private-, Public- und Hybrid-Cloud nutzen können. Private-Clouds umfassen nur die interne IT, auf die Mitarbeiter zugreifen können, Public-Cloud bedient sich aus dem öffentlichen IBM-Cloud-Angebot, und die Hybridversion verbindet beide Systeme. Lotus Live enthält ein E-Mail-System (Notes/ iNotes), eine Terminverwaltung (Events), ein Programm für Webkonferenzen (Meetings) und eine Plattform zu Projektmanagement und ­gemeinsamer Dokumentennutzung (Engage).
Microsoft Microsoft bietet fast alles rund um die Cloud: eine eigene Infrastruktur ­(Azure) mit Entwicklerplattform, Speicher und Softwaredienste. Live Sky Drive dient als Dateienspeicher (25?GB frei), Live Mesh als Synchronisationsplattform. Microsoft will nach und nach weitere Programme in die Cloud ­stellen, unter anderem auch eine ERP-Software. Per Office Web Apps lassen sich Dokumente austauschen und gemeinsam bearbeiten, Office 365 ist ein Cloud-Dienst für E-Mails, Kontakte und Kalender (Exchange), Bürosoftware (Office), Kommunikation (Lync) und Onlineservices zur Zusammenarbeit (Sharepoint).
Oracle Oracle ist der größte SAP-Konkurrent weltweit in Sachen Unternehmens­planungssoftware (ERP), außerdem einer der weltgrößten Anbieter von Datenbanksoftware. Die meisten Oracle-Produkte laufen inzwischen als Cloud-Services auf der Oracle-eigenen Cloud Exalogic. Verfügbar sind unter anderem Oracles E-Business Suite, Siebel CRM, die ERP-Systeme People­Soft und JD Edwards die Oracle Database 11g. und künftig Personalmanagement-Software.
Salesforce Der US-Anbieter vertreibt den inzwischen weltweit führenden Software­service für Kundenmanagement (CRM) und betreibt zudem die Cloud-­Plattform Force.com für Anwendungsentwickler. Sales Cloud heißt die CRM-Vertriebsanwendung, Service Cloud ein Produkt für Kundenservice.
SAP SAP ist Weltmarktführer für Software zur Verwaltung und Steuerung von Unternehmen (ERP). Die wichtigsten ERP-Anwendungen sind inzwischen Cloud-fähig programmiert. SAP vertreibt die Dienste allerdings nicht selbst, sondern über diverse SAP-Partner sowie auf Cloud-Infrastruktur-Plattformen etwa von Cirrus, Dell oder Microsoft. Per Cloud verfügbar sind unter anderem SAP Business One, SAP Business By Design und SAP Business All-in-One.
Telekom Die Telekom Cloud bietet eine Cloud-Infrastruktur und vertreibt unterschiedliche Softwareservices an, viele davon auf Basis von Microsoft-Produkten. Cloud-Speicher verkauft die Telekom unter der Marke Hidrive Pro ihrer ­Tochterfirma Strato, die auch Hostings, virtuelle Server und andere Infrastrukturleistungen anbietet. Secure Dataroom zur gemeinsamen Dokumentenverwaltung, Business Mail Exchange (basiert auf Microsoft Exchange/Outlook), eServices for CRM (Microsoft Dynamics CRM 4.0), Shared Business UC als Plattform u.a. mit IP-Telefonie, Videokonferenzen und Dokumentenaustausch

Quelle: Angaben der Anbieter; ohne Gewähr

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Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 03/2012.

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1 Kommentar
  • Michael 2. Dezember 2014 11:28

    Stehe Cloud-Computing – auch heute (2 Jahre Später) – recht kritisch gegenüber. Hier fehlen auch heute noch Erfahrungswerte, bezüglich der Datensicherheit, Vertrauenswürdigkeit und Stabilität der Systeme. Gerade cloudbasierte ERP-Systeme, die hochsensible Firmendaten speichern und systematisieren sind meiner Meinung nach noch ein zu großer Gefahrenherd. Also in meinem Alltag nutze ich bereits beschränkt Cloud-Systeme, in unserem Unternehmen jedoch noch nicht!

    Viele Grüße!

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