Management Marc Andreessen: Lieber schnell wachsen als profitabel sein

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Netscape-Gründer Marc Andreessen (rechts am Tisch) im Interview mit Christoph Keese (Axel Springer).

Netscape-Gründer Marc Andreessen (rechts am Tisch) im Interview mit Christoph Keese (Axel Springer).© Gunnar Berning

Silicon Valley Blog: Bei einem exklusiven Abendessen verrät Marc Andreessen, Mitgründer von Netscape und heutiger Co-Chef eines Top Venture Capitalists, das Rezept für den großen Durchbruch von Startups. Und was sie tunlichst vermeiden sollten: zu früh auf Profitabilität zu setzen. 

 

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Ein exklusives Abendessen mit Marc Andreessen, Mitgründer von Netscape, und Co-Chef vom Top-US-VC Andreessen Horowitz (u.a. investiert in Skype, Twitter, Facebook, usw.) gibt einen Einblick in die Denkweise des in den letzten Jahren erfolgreichsten VCs im Valley. Neben Wirtschaftsminister Rösler und den mitgereisten deutschen Startups folgten auch dutzende amerikanische VCs den Gedanken von Andreessen. Gefehlt haben nur Vertreter deutscher VCs, die hier einiges hätten lernen können…

Deutschland hat die Herausforderung, weder wirklich groß (wie die USA) noch wirklich klein (wie Israel oder Schweden) zu sein. Bedeutet: Der deutsche Markt ist gross genug um die Startups in eine Position zu bringen, nicht sofort über die Landesgrenzen hinauszuschauen. Genau das ist das Problem. Hier haben Gründer aus Israel einen Vorteil, deren heimischer Markt ist per definition nicht gross genug um eine grosse Firma zu unterhalten. Diese Firmen müssen vom Start weg die globale Brille aufsetzen.

„Create something really big, a big European market“ lautet die Empfehlung von Andreessen. Die Europäische Union zu einem vergleichbar grossen Markt und dabei ähnlich einfach zu bearbeitenden Markt wie den US-Markt zu machen, sollte das Ziel für die deutsche Politik sein, so der Netscape-Gründer weiter.

Was Gründer mitbringen sollten

Andreessen achtet bei der Auswahl von Gründer vor allem auf drei Punkte: 1.) einen Produkt-Freak, der ein außergewöhnliches Produkt erschaffen hat oder dies kann, 2.) einen Unternehmer und 3.) jemanden, der gleichzeitig auch die Freude und Fähigkeiten hat, CEO zu werden. „Das funktioniert bei Facebook, Pinterest oder früher bei Microsoft sehr gut und war einer der Erfolgsfaktoren“, erläutert Andreessen. Wichtig für einen guten CEO seien „Bandbreite und Skills“. Wenn ein Gründer das Potential zum CEO hat, ihm aber Bandbreite oder Skills fehlen, dann sieht es Andreessen als seine Aufgabe, ihn dazu zu machen. Potential immer vorausgesetzt.

Seine bevorzugten Gründer sind Talente, denen es nicht um Geld geht, sondern die das Ziel haben, die Welt zu verändern. „This is extremely powerful!“, weiß Andreessen aus eigener Erfahrung. Er empfiehlt jungen Gründern durchaus eine paar Jahre zu den Top-Playern wie Google zu gehen und dort von den Erfolgreichen zu lernen. Den deutschen Gründern empfiehlt er, den amerikanischen Markt von Beginn an im Auge zu halten und außergewöhnliche Talente für die eigene Firma zu suchen. Ein Büro im Silicon Valley ist für viele VCs sehr wichtig, für manche unabdingbar.

Investition in den „Late-Comer“

Andreesen investiert in zwei Arten von Ideen: Zum einen in Ideen, in die er sich „verliebt“ hat. Ideen, auf die er Jahre gewartet hat. Ideen, die „authentisch“ und richtig gut für die Nutzer sind. Oftmals sei der Gewinner ein Late-Comer, also nicht das Startup, was erstmals mit der Idee aufgekommen ist, sondern ein Startup, welches auf der originären Idee aufsetzt und diese nochmal deutlich besser macht.

Mit einem Lächeln erläutert Marc Andreessen die zweite Art von Ideen, in die er investiert: Das sind Gründer, die ihn regelrecht wütend oder böse machen, weil sie so produktiv, so extrem sind, so unglaubliche Ideen hervorbringen. Beispiel hier ist die Firma XSpace, die die Weltraumfahrt auf den Kopf stellt gegen die schier übermächtigen Wettbewerber NASA mit einem immensen Milliardenbudget und trotzdem schneller und (oder gerade deswegen) viel erfolgreicher ist. „In diese Firmen investiere ich gerne, weil die mich so wütend machen, etwas eigentlich Unmögliches zu schaffen“, erzählt Andreessen mit einem Lächeln.

Andreessen und seine Kollegen sind sich dabei bewusst, ein sehr hohes Risiko des Scheiterns auf sich zu nehmen. „Die beste Firmen sind die Firmen, die fortlaufend extrem innovativ sind und dabei noch schnell skalieren“, beschreibt der Netscape-Gründer seine Wunschpartner.

„Sehr schwer, Talente im Silicon Valley zu halten“

Aber auch die Schattenseite des Valley kennt Andreessen sehr genau. Wegen der großen Konkurrenz ist es sehr schwer, Talente in den Firmen zu halten. Die Kosten für Entwickler liegen häufig bei mehr als dem doppelten Gehalt im Vergleich zu Deutschland. Durch die häufigen Wechsel von Mitarbeitern ist es herausfordernd, eine gute Firmenkultur aufrecht zu erhalten. Auch ein Problem ist es in manchen Fällen, wenn die Firmen ein zu hohes Investment bekommen. „Dann werden manche Gründer satt und müde, das ist nicht gut für eine Firma“ erklärt Andreessen.

Auf den Erfolgsfaktor des Silicon Valley im Vergleich zu Deutschland kommt Andreessen letztlich auch zu sprechen. Das Muster für den großen Erfolg von VCs und Startups im Silicon Valley ist ein Investment in eine Idee mit dem Ziel so schnell wie eben möglich zu wachsen. Wohlbemerkt wachsen, nicht profitabel wachsen. Die Betonung liegt auf „so schnell wie möglich!“. Und dann sagt er den Satz des Abends: „Wenn Du zu früh auf Profitabilität setzt, verkaufst Du Deine Zukunft und endest als kleine, wenig bedeutende Firma“. Wohl wahr.

 

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Gunnar Berning

Über den Autor: Gunnar Berning (39) ist Entrepreneur und Gründer des Berliner IT-Startups twago. Er bloggt eine Woche von der Delegationsreise von Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) ins Silicon Valley. Bevor twago 2010 startete, arbeitete Berning als Top-Management-Berater für Siemens. Sein Studium finanzierte er sich als Sportfotograf für Bongarts (heute Getty Images) und coverte Olympische Spiele und Fussball-Grossturniere, unter anderem für den Spiegel und den Stern. Gunnar auf Twitter folgen.

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