Management Wanderlehrlinge

Aufwendig, bürokratisch, teuer: Viele Unternehmen scheuen sich, Lehrlinge auszubilden - obwohl sie eigentlich welche brauchen. Einfacher wird es, wenn sie sich zusammentun.

Abgewetzte Schraubstöcke an 96 Werk­bänken, der Geruch von Maschinenöl hängt in der Luft, das Surren der Feilen mischt sich mit den schrillen Fräsmaschinen zum Sound der Betriebsamkeit. Doch etwas passt nicht: Die Menschen, die hier in einer ABB-Fabrikhalle werkeln, gehören gar nicht zu ABB. Die computergesteuerten CNC-Präzisionsmaschinen bedienen gerade sechs Mitarbeiter von Bombardier, auf den Blaumännern der Zerspanungs­mechaniker prangt das ­Logo der Firma Alstom. Und in Schweißkabine vier streift sich eine junge Frau schwere Rindslederstiefel über ihre Turnschuhe. Auf ihrer Latzhose ist das Logo der Korsch AG zu lesen.

Die 22-jährige Ricarda Baberschke lässt sich hier im Training Center von ABB zur Industriemechanikerin ausbilden, obwohl sie Lehrling bei Korsch ist, dem weltweit führenden Hersteller von Tablettenpressen. „Schweißen hätte ich sonst nie gelernt“, sagt sie. Ein entscheidender Ausbildungsinhalt hätte ihr gefehlt, auch wenn sie auf die verbrannten Finger am Anfang gern verzichtet hätte.

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Baberschke lernt bei Korsch, und sie lernt bei ABB, sie absolviert in beiden Betrieben eine ­sogenannte Verbundausbildung. Korsch hat sie eingestellt, und Korsch zahlt ihr Lehrlings­gehalt. Korsch bezahlt aber auch ABB für den Teil der Ausbildung, den die junge Frau in der Fabrikhalle im Pankowpark im Berliner Norden absolviert. So haben es beide Unternehmen vertraglich vereinbart. Beide haben einen Vorteil davon: Die Korsch AG, mit ihren 80 Mitarbeitern ein klassischer Mittelständler, muss für die Azubis keine eigenen Mitarbeiter abstellen, und für den Mischkonzern ABB sind die Einnahmen durch die Verbundausbildung im eigenen Training Center eine nette Zusatzeinnahme.

Gemeinsam mit anderen auszubilden, wenn man allein nicht kann oder will, hat sich in vielen Branchen ­etabliert. Es gibt Berater, Musterverträge und staatliche Förderung. Nicht jeder Mittelständler nutzt aber die Chancen, die ­dieses Modell birgt. Vor sechs Jahren hat das Bildungsministerium den „Nationalen Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs“ geschlossen, nachdem die Zahl der Ausbildungsplätze in Deutschland allein zwischen 1999 und 2003 um 53 000 zurückgegangen war.

Ein Schwerpunkt lag auf der Ausbildung im Verbund. Trotzdem hat sie sich bislang nicht flächendeckend durchgesetzt. Dabei ist die gemeinsame Ausbildung gerade für kleine ­Unternehmen eine riesige Chance: Sie können begehrte und loyale Facharbeiter heranzüchten, auch wenn sie nicht alle Ausbildungs­inhalte selbst vermitteln können.

Laut Datenreport des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) bilden mehr als drei von vier Betrieben überhaupt nicht aus. Die Gründe sind vielfältig: weil sie ohne Ausbildungseignung nicht ausbilden dürfen, weil sie der bürokratische Aufwand abschreckt, weil jeder Lehrling alles in allem rund 3600 Euro pro Jahr kostet oder weil sie, wie im Fall Korsch, dafür kein eigenes Personal abstellen wollen. Die Verbundausbildung bietet maßgeschneiderte Lösungen für all diese Situationen.

Das Angebot ist breit gefächert und gerade für kleine Betriebe eine bequeme Alternative. Sie können sich einen Partner wie ABB suchen oder einen der zahlreichen freien Bildungs­träger mit einzelnen Ausbildungsabschnitten beauftragen.

Eigentlich wollte Baberschke nicht zu Korsch. Eigentlich hatte sie sich vor zwei Jahren bei ABB beworben. Doch nach dem Vorstellungs­gespräch empfahl Bernhard Antmann, der die ABB Training Center leitet, die junge Frau an Korsch weiter und versprach ihr gleich: Wir sehen uns wieder. „Damals wusste ich gar nicht, was Verbundausbildung ist, heute kann ich das nur empfehlen“, sagt Baberschke. Sie hat bei ABB viel gelernt, etwa dass ein Messschieber auf den Zehntelmillimeter genau misst und eine Bügelmessscheibe bis auf den Hunderts­telmillimeter. Sie weiß jetzt auch, wie sie die CNC-Maschine programmieren muss.

Dass ABB für Korsch sogar das Bewerbungsverfahren übernommen hat, ist keine Ausnahme, sondern gehört zur Arbeitsteilung. Das erste Ausbildungsjahr verbringt Baberschke fast ausschließlich im Training Center. Am Ende der dreieinhalbjährigen Lehre bereitet ABB die ­angehende Industriemechanikerin auch noch auf die Abschlussprüfung vor. Korsch zahlt für den Service 775 Euro im Monat.

Die Verbundausbildung taugt aber nicht nur für technische Berufe, sondern für fast alle Branchen, denn das Modell lässt sich flexibel anpassen. So verbringen angehende Hotelkaufleute aus dem Wendland die Wintermonate in den Skigebieten Österreichs, weil die Gasthöfe und Hotels zu Hause dann kaum Gäste haben. In Ostwestfalen bilden sechs Logistik- und ­Speditionsunternehmen seit 2007 gemeinsam Berufskraftfahrer aus, obwohl keines davor eigene Azubis hatte. Und weil die Stadt Detmold nur einen Teil der Ausbildung zum Immobilienkaufmann übernehmen kann, hat sich die Kommune mit der örtlichen Volksbank verbündet.

Weil die Verbundausbildung dazu geeignet ist, zuvor skeptische Unternehmer zum Ausbilden zu bewegen, fördert die Politik finanziell, zumindest in den meisten Bundesländern. „Die Verbundausbildung führt zu einer deutlichen Steigerung der Qualität“, erläutert Margrit Zauner von der zuständigen Senatsverwaltung in Berlin. Das Land unterstützt solche Ausbildungs­plätze mit 37,50 Euro pro Azubi und nach­gewiesenem Ausbildungstag, das sind bis zu 7500 Euro pro Ausbildungsplatz, mehr als in jedem anderen Bundesland. Lediglich Nordrhein-Westfalen fördert mit maximal 4500 Euro pro Azubi in einer ähnlichen Größenordnung.

In Sachsen bekommen Unternehmen kein Geld dafür, dass sie im Verbund ausbilden. Von hier, aus einem Dorf bei Bautzen, kommt Ricarda Baberschke. Sie ist eine von den 500 Verbund-Azubis, die 120 Unternehmen aus dem Großraum Berlin zu ABB schicken. Die monatlichen 775 Euro, die Korsch an ABB zahlt, reduzieren sich durch den staatlichen Zuschuss auf etwa 400 Euro.

„Ohne diese Förderung würden vielleicht 30 Prozent weniger Betriebe bei uns ausbilden“, sagt Training-Center-Leiter Antmann. Im Gegensatz zu vielen freien Bildungsdienstleistern, die von der Arbeitsagentur abhängig sind, könne sein Center auch ohne staatliche För­derung überleben. „Eine eigene Bildungseinrichtung lohnt sich doch erst ab 60 Azubis“, sagt Antmann. Das spreche dafür, sich wie bei ABB die freien Kapazitäten durch Lehrlinge aus anderen Betrieben aufzufüllen und diese professioneller auszubilden, als ein kleinerer Betrieb es jemals könnte.

Beide Seiten gewinnen, die Azubis sowieso. Die passenden Zahlen hat der 62-jährige Antmann parat: „Abbruchquote gleich null, Berlin-weit sind es rund 20 Prozent. Bei uns erwirtschaften die Azubis schon im zweiten Lehrjahr ihre Personalkosten. Und alle werden nach der Ausbildung übernommen oder beginnen ein Studium.“ Das liegt zwar vor allem daran, dass ABB nur in technischen Berufen ausbildet, vielleicht aber auch an seinen Prinzipien: So hat Antmann etwa verfügt, dass jeder, der auch nur eine Minute zu spät kommt, den Grund dafür in eine Kladde eintragen muss.

Korsch-Azubi Baberschke musste sich noch nie eintragen. Sie hat sich mal aus Versehen die Finger mit Industriekleber zusammengeklebt und musste so lange Metallstücke feilen, bis sie es auf eine Werkstoffgüte von über 90 Prozent brachte. Doch die Ausbildung macht ihr großen Spaß. Heute sagt sie: „Feilen ist wie Fahrradfahren, das verlernt man nicht.“ In der Berufsschule heißt sie nur noch „Metallhexe“.

Seit ein paar Tagen arbeitet sie in der Endmontage von Korsch, angeleitet von Harry Franke, seit 28 Jahren im Unternehmen. Hier, bei ihrem eigentlichen Arbeitgeber, baut sie nun mannshohe Maschinen, die alles pressen, was pressbar ist – nicht nur Tabletten, auch Hundefutter, Geschirrspülertabs oder Tic Tacs. „Sondermaschinen, jede anders“, sagt sie. Gerade werkelt sie an einer Tablettenpresse, die demnächst in Indien 500 000 Tabletten pro Stunde ausspucken wird. Exakt nach Modellzeichnung baut sie den Füllschuh zusammen, in den später das Tablettenpulver hineinkommt. Eine anspruchsvolle Arbeit. Das Handwerkszeug dazu hat sie bei ABB gelernt.

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