Management Was darf es sein, Dirk Kollmar?

Der 48-jährige Dirk Kollmar kann Lokale nicht leiden - außer, wenn sie ihm selbst gehören. Dort kocht der Chef ja auch mit seinem Lieblingsgetränk: Oettinger Bier.

Dirk Kollmar mag keine Gastronomen. Er nennt sie Gastronoven. Das klingt wie Ganoven. Nur das Stutzhäuser Gasthaus mag er, denn das gehört zur Oettinger Brauerei, und die wiederum gehört mehrheitlich ihm. Außerdem liegt es nur einen Steinwurf entfernt von seinem Haus im thüringischen Luisenthal. „Drei mal umfallen, dann bin ich daheim.“ Dabei ist das Umfallen doch so gar nicht Sache der Kollmars.

Seit Dirk Kollmars Großvater 1956 die bayerische Oettinger Brauerei übernahm, hat die Familie die winzige Lokalbrauerei mit unbeirrbarer Sturheit zur größten Biermarke Deutschlands aufgebaut. Würde man die sechs Millionen Hektoliter Oettinger, die Kollmar heute pro Jahr an fünf Standorten braut, komplett in die blauen Kästen füllen und stapeln, der Turm wäre 18.000 Kilometer hoch.

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In dieser Erfolgsgeschichte spielt Kollmars gastronomische Aversion eine bedeutende Rolle. Sie ist Teil einer Firmenphilosophie des Verzichts. Verdichten lässt sie sich auf das Kürzel W-G-Kt: keine Werbung, keine Gastronomie, keine Kostentreiber! Während Beck’s, Warsteiner oder Bitburger Millionen dafür ausgeben, dass das Bier in den richtigen Bars, Restaurants und Clubs ausgeschenkt und im Fernsehen beworben wird, konzentriert sich Oettinger auf zweierlei: den Inhalt der Flasche – und wie der möglichst günstig, aber trotzdem gut gebraut werden kann.

Weil dabei mitunter Kistenpreise von 3,99 Euro herauskommen, haben die Kollmars kaum Freunde in der Branche. „Billigheimer“ gehört da noch zu den freundlicheren Schimpfwörtern aus der Ecke der Premiumbrauer. „Sogenannte Premiumbrauer“ korrigiert Kollmar sofort. „Bei all den Aktionspreisen liegen die im Durchschnitt deutlich unter der selbst festgelegten Grenze von 11 Euro.“ Man ahnt, warum Kollmar als Paria der Brauszene gilt.

Dabei liegt ihm das Getränk doch offensichtlich am Herzen. „Etwas bierlastig sei die Karte“, sagt er frei von Bedauern und empfiehlt die Stutzhäuser Biersuppe als Vorspeise, bleibt jedoch selbst bei einem Oettinger Hefeweizen. Er vergisst nicht, auf das Bierfleisch vom Schwein im Treberbrotlaib hinzuweisen, wählt dann aber ein Filetsteak nach Art des Hauses. Die Steaks seien hier nun wirklich ein Gedicht, schwärmt er – und spült im Anschluss mit einem Bierbrand nach.

Kollmar ist ein bodenständiger Mann. Floskeln und Hierarchien sind ihm zuwider. „Exakt 35 Leute arbeiten in der Verwaltung der Unternehmensgruppe“, sagt er – bei einem Gruppenumsatz von zuletzt knapp 450 Mio. Euro eine extrem schlanke Organisation.

Bitte mit Bier
Stutzhäuser Gasthaus Schweinshaxe, Duett von Kräuterschmand und Apfelgriebenschmalz, Krustenbrotsalat, Biersuppe, Roulade – in Kollmars Lokal kommt deftige Küche auf den Tisch. Nicht ganz so billig wie ein Kasten Oettinger-Bier, aber Hauptgerichte gibt es ab 8,50 Euro. Das Stutzhäuser Gasthaus neben dem Brauereimuseum liegt in der Ortsmitte von Luisenthal in Thüringen. Ortsfremde können hier auch ein Zimmer mieten.

Seit 20 Jahren lebt Kollmar in Thüringen. 1991 führte ihn der väterliche Auftrag her, der Familienbrauerei ein Pendant im Osten zu suchen. Der Sohn guckte sich einen Großbetrieb aus: den VEB Gothaer Brauerei. Der war zwar so runtergewirtschaftet wie vieles im Treuhand-Angebot, bot aber mit einer Kapazität von 400?000 Hektolitern Platz für Expansionsfantasien. Nur wegen dieser Chance habe er damals den Vertrag für einen Job beim Branchenriesen Anheuser-Busch doch nicht unterschrieben, sagt Kollmar. Die väterliche Brauerei in Oetting wäre ihm zu klein gewesen. Heute lässt er in Gotha gut zwei Millionen Hektoliter Bier brauen – auf einem Gelände, das angewachsen ist auf die Fläche von 25 Fußballplätzen. In den Aus- und Umbau der Brauerei habe die Familie gut 80 Mio. Euro gesteckt, sagt Kollmar.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Dass sich der Bayer heute offensichtlich wohlfühlt in Thüringen, hat weniger mit den Steaks als mit ihm selbst zu tun. Kollmar ist Vollblutunternehmer. Wenn ihm etwas nicht passt, dann macht er es passend. Er und seine Frau spielen zum Beispiel gern Basketball. Da der Sport in Gotha 1991 aber quasi unbekannt war, trommelte er ein paar Leute zusammen und gründete einen Verein. Der hat heute 19 Basketballteams, 500 Mitglieder und ist mit einem Zweitligateam zum sportlichen Herz der Stadt geworden.

Und als der damalige Umweltminister Jürgen Trittin 2001 mit dem Dosenpfand ein gutes Drittel des Oettinger Absatzes abschoss, ging Kollmar mit den Dosen eben ins Ausland. Heute macht er dort gut ein Drittel seiner Umsätze.

„Gelebtes Unternehmertum“ nennt Kollmar diese Haltung und zählt darauf, dass diese auch seine Nachfolge sichern wird. Er könne seinen beiden Söhnen ja nicht vorschreiben, was sie tun sollen, sagt der 48-Jährige, „nur vorleben, dass Unternehmer zu sein etwas Großartiges ist“. Der Ältere hat schon Feuer gefangen. Für Vater Kollmars zweites, demnächst erscheinendes Kinderbuch führt der 17-jährige Sohn allein die Druckereiverhandlungen.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 02/2012.

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