Management Was darf es sein, Ernst Greten?

Das Fagus-Werk in Alfeld ist als erste Fabrik zum Weltkulturerbe erklärt worden. Um diesen Status zu erreichen, hat Greten zwei Jahrzehnte gekämpft - und investiert.

Ernst Greten atmet durch, hat das hellblaue Sommersakko abgelegt, der Hemdkragen steht offen. Gerade ist er aus seinem Audi A8 gestiegen. Die kurze Fahrt führte aus Alfeld, aus dem Leinetal heraus über einen bewaldeten Hügel. Im Rückspiegel tauchte kurz, gelb leuchtend in der Abendsonne, seine Fabrik auf.

Es ist nicht allein seine Fabrik: Das Fagus-Werk, von seinem Urgroßvater vor 100 Jahren gegründet, zählt seit Juni zum Weltkulturerbe der Unesco. Es gehört jetzt der Öffentlichkeit. Und die fragt: Was macht der Greten eigentlich da, in dieser Weltkulturerbe-Fabrik?

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Greten sitzt im Gastraum vom Grünen Wald, einem Hotelgasthof, der einzig mit der schönen Umgebung werben kann: Mobiliar in Cremetönen, Neobarockes dominiert, im Festsaal nebenan feiert eine Geburtstagsgesellschaft zu Schlagermusik. Wer den Nachmittag im Fagus-Werk war, diesem „Meisterwerk der menschlichen Schöpferkraft“, wie es im Aufnahmeantrag für die Weltkulturerbe-Liste heißt, dem stellt sich die Frage, warum es diese Kraft nicht bis zum Grünen Wald geschafft hat.

Der 66-jährige Greten nippt am Glas, Grauburgunder, ein solider Schoppenwein. Er stört sich nicht am braven Ambiente. Hier steigen oft Kunden ab, also sitzt der Fagus-Chef häufiger hier. Schon damals, vor 35 Jahren, mit Freund und Hausarchitekt Wilfried Köhnemann. „Wilfried machte meinem Bruder Gerd und mir klar, wie bedeutend unsere Fabrik ist.“

Die stellte damals Schuhleisten her, und die Bausubstanz war so marode wie das Geschäftsmodell. Ernst und Gerd Greten überlegten damals, die Fabrikanlage abzureißen. „Heute kann ich das kaum noch glauben“, sagt er. Das Erstlingswerk des weltberühmten Architekten und Bauhaus-Gründers Walter Gropius. Dessen Glasfassade mit den durchsichtigen Gebäudeecken das sachliche, internationale Bauen vorwegnahm. Ein Schlüsselbau der Moderne.

Auf ein Abendessen verzichtet Greten, obwohl die Küche im Grünen Wald einen guten Ruf genießt rund um die 20?000-Einwohner-Stadt Alfeld. Er hat bereits gespeist. In der ehemaligen Maschinenhalle seiner Fabrik gab es zwei Stunden vorher ein üppiges Büfett mit Antipasti, Rucola, Garnelen, Steak und Lachs vom Grill, Pfifferlingen und Bohnen mit Speck – alles aus Biel’s Backhaus aus dem benachbarten Delligsen, alles tadellos vom Koch Frank Thöne zubereitet und drapiert.

Die Maschinenhalle – einfacher Tresen, lang gezogene Tische, schwarz-weißer Steinzeugfußboden – ist Kantine für die 360 Beschäftigten und Café für die Kulturtouristen, die aus aller Welt hier nach Alfeld reisen, um sich das Fagus-Werk anzuschauen. Heute saß Greten dort mit rund 20 Gästen, um sich zu bedanken: weil Fagus Weltkulturerbe ist, weil damit weltweit zum ersten Mal eine Fabrik in die Liste der Unesco aufgenommen wurde, die seit ihrer Gründung ununterbrochen und bis heute produziert. „Allein hätte das unsere Familie nicht geschafft“, sagt er. Denkmalpfleger waren da, sein Freund Köhnemann und Thomas Oppermann. Der hatte Fagus als SPD-Kultusminister gefördert und sitzt heute noch dem Kuratorium vor, das sich um das Gebäudeensemble kümmert. Der Familienunternehmer in vierter Generation ist gut verdrahtet.

Greten genießt das zweite Glas Grauburgunder. „Das war doch ein schöner Nachmittag“, sagt er. Und meint: Das Fabrikensemble stand im Mittelpunkt, nicht er. Das ist ihm lieber. Wichtig ist, Ziele zu erreichen.

Das wurde Greten spätestens bewusst, als er mit seinem Bruder im März 1974 in die Firma einstieg. „Uns war klar, dass wir alles ändern mussten.“ Das Schuhleistengeschäft war seit Jahren rückläufig, die Holzmaschinen dafür veraltet. Elektrotechniker Ernst Greten brachte seine Firma ein, mit der er sich auf Messgeräte für Spanplattenfabriken spezialisiert hatte. Sein Bruder Gerd baute Sondermaschinen für Möbelfabriken, deren Produktion er in die Firma des Vaters integrierte. „Das war der Schlüssel für die Rettung, heute liefern wir etwa für Holzwerkstoffplattenfabriken alles aus einer Hand.“ Nahezu jeder Zulieferer von Ikea arbeitet heute mit Keilzinkanlagen aus dem Hause Fagus, die Exportquote liegt bei gut 70 Prozent.

Das Geschäft läuft global, der Konkurrenzdruck ist groß, trotzdem hat Greten sich neben seiner Geschäftsführerarbeit nicht davor gescheut, sich in das langwierige Unesco-Verfahren reinzuwühlen. Für den Unternehmer eine andere Welt: Denkmalschutzbehörden, Architekturhistoriker, die Kultusministerkonferenz, der Bund – jeder redete mit. „Ich wollte wissen, ob wir das packen.“ Sein sportlicher Ehrgeiz war angestachelt. Greten ist leidenschaftlicher Segler, ein Dutzend Wochenenden im Jahr sitzt er in seiner Flying-Dutch-man-Sportjolle, etwa bei der Kieler-Woche-Regatta.

Auch dort gilt: Vor dem Erfolg steht der Einsatz. Für das Werk heißt das: Restaurierung statt Abriss. Knapp 7 Mio. Euro sind dafür in den vergangenen zwei Jahrzehnten geflossen, „die Hälfte kam von uns“. Nicht ganz uneigennützig, räumt Greten ein und zitiert seinen Urgroßvater: „Ein mustergültiger Bau kann auch zugleich eine gute Reklame sein.“

Gretens Motive haben auch dynastische Züge: „Ich möchte das Ensemble auf Dauer bewahren.“ Sein Kalkül: Worüber die Unesco wacht, das muss auch von der nachfolgenden fünften Generation gepflegt, gehütet und erhalten werden. Er lacht: „Familienunternehmer denken eben so.“

Ausflugsziele
Grüner Wald Von der denkmalgeschützten Fagus-Kantine, die von 12 bis 13 Uhr auch Besuchern offensteht (für angemeldete Gruppen auch zu anderen Zeiten), führt der Weg zum Hotelgasthof Grüner Wald im Ortsteil Warzen. So gewöhnungsbedürftig das Ambiente, so gut die Küche. Die Eheleute Gabi und Jens Ruhland führen das Haus in dritter Generation und bieten deutsche Küche mit mediterranem Einschlag. Besonders zu empfehlen: Steakgerichte, das Fleisch kommt aus der Region.
Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 10/2011.

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