Management Was darf es sein, Gerry Weber?

Es gilt, die Übersicht zu bewahren. Deshalb legt der Chef des Damenmodeunternehmens Gerry Weber fest, wie er es haben will - vom RFID-Chip bis zum Herrenklo.

Zwei Stangen Spargel, eine Scheibe Schinken, ein Portiönchen Rührei. ­Alles adrett arrangiert, die Sauce hollandaise in einem Extragläschen. Übersichtlich, aufgeräumt, so mag er’s gern. ­Gerhard Weber legt los, viel Zeit hat er nicht. Weber ist Gründer und Chef von Gerry Weber, dem Damenmodeunternehmen aus Halle in Westfalen. Er nimmt Dinge gern selbst in die Hand. Planen, vorantreiben, für Ordnung sorgen, das tut er gern. Zum Glück hat er es nicht weit von der Firmenzentrale bis zum Schlichte Hof. Nur ein paar Minuten mit dem Auto durch grüne Wiesen und Wälder.

So kommt Weber oft hierher, empfiehlt als Hauptgang kurzerhand: „Die Rindsroulade. Die nehme ich auch.“ Viele Zutaten stammen aus der Gegend, und auf die Gegend schwört er. Weber zeigt auf die Fachwerkmauern: „Ich ­habe mir auch so einen alten Bauernhof im Grünen gekauft“, erzählt er. „Da haben wir Schafe gehalten. Erst sechs, dann war der Bock zu fleißig, und am Ende hatten wir 28. Jetzt halten wir Schwäne.“

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Das Landleben gefällt ihm, das bietet auch Ruhe und Ordnung bei der Arbeit. „Im Grunde ist diese Beschaulichkeit ein Teil unseres ­Erfolgs“, sagt Weber. „Die Leute sind nicht so abgelenkt.“ Das Tempo der Großstadt, die aufgeregte Avantgarde, die will er hier nicht. In die Welt hinaus schickt er nur ein paar Trend­beobachter, auf dass sie neue Stoffe, Schnitte, Farben als Inspiration mit nach Halle bringen.

Den Kreativen daheim verordnet er Verzicht: weniger Teile, weniger Farben und am Ende auch weniger Kosten. Damit wuchs Gerry Weber selbst in der Krise weiter und steigerte seinen Gewinn. Im Grunde hat ihm die Konsum­angst sogar neue Kundinnen zugetrieben. Die ­mixen jetzt gern einmal ein günstiges Gerry-Weber-Teil unter ihre teureren Stücke. Zwei neue Geschäfte eröffnet er wöchentlich, die Kollektionen hängen in Modekaufhäusern und Franchisefilialen ebenso wie in den eigenen ­Läden, etwa am Hamburger Jungfernstieg. ­Weber, der sich mit fast 70 gerade für weitere zwei Jahre als Vorstandsvorsitzender verpflichtet hat, peilt 15 Prozent Wachstum jährlich an. Auf mehr als 700 Mio. Euro soll der Umsatz dieses Jahr steigen, und er will in den MDAX, aufschließen zu den Großen.

Mit den Großen aus Sport und Kunst ist er längst per Du. Wenn es um Unterhaltung geht, holt er die Welt nach Halle. Die kleine Stadt ist berühmt für die Gerry Weber Open, das Tennisturnier, das jetzt im Juni wieder stattfindet. In der Arena boxen Weltmeister, im Eventcenter der Gerry Weber World treten die Berliner Band Ich + Ich und das schwedische Duo Roxette auf seiner Comeback-Tour auf.

Weber erzählt gern ­Anekdoten, von den Berühmten und sich, von Tenören wie José Carreras, der mit einem Konzert das Sta­dion eröffnete. Von Luciano Pavarottis herzlichen Umarmungen. Oder von einem Bankett, bei dem er sich mit dem russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin über Sport unterhielt – und bald an dessen Tisch umzog. So unterhaltsam sind nicht alle Politiker und Wirtschaftsbosse, die nach Halle kommen. „Aber ich bin ja locker“, sagt Weber. „Und die anderen mach ich locker.“ Zum Beispiel, wenn sie gucken kommen, was es bei Weber Neues gibt.

Zuletzt war das das Kreativzentrum in der Firmenzentrale. Das zeigt Weber seinen Gästen gern. Dann läuft er stolz durchs helle Großraumbüro, erklärt, dass die Glaswände nicht nur Licht durchlassen, sondern zugleich Lärm abhalten. Er hat alles selbst geplant. Bis hin zur Besuchertoilette. „Dafür brauche ich keinen ­Innenarchitekten.“ Schick-puristisch sieht sie aus. Er mag es eben übersichtlich.

Hier im Restaurant kommt die Roulade, und Weber schaut auf die Uhr. Bald muss er zum nächsten Termin.

Sein Arbeitstag beginnt mit den Verkaufszahlen. Wenn er um 7.45 Uhr vom Golfen kommt, studiert er als Erstes die großen Tabellen. Sinkt der Umsatz, hakt er nach beim Vertrieb. Was ist da los? Ein Umbau? Schlechtes Personal? „In zehn Minuten weiß ich Bescheid“, sagt Weber.

Noch mehr Klarheit bringen die neuen Funk­etiketten. Zehn Jahre lang frickelte Gerry Weber gemeinsam mit anderen Firmen an der Technik, ohne Ergebnis. Weber stieg aus: „Wir machen es jetzt so, wie wir es wollen.“ Jede Textilie trägt nun einen funkenden RFID-­Anhänger mit zwei Funktionen. Die eine löst Alarm aus, wenn jemand ein Teil zu stehlen ­versucht. Die andere meldet den Artikel vor­rätig. Das hilft, den Verkauf auszuwerten und frühzeitig gewarnt zu sein, falls die Never-out-of-Stock-Artikel, die ständig lieferbaren, knapp werden.

Für Weber die perfekte Lösung. Fünf Minuten dauert es nur, mit einem Handscanner eine 300-Quadratmeter-Filiale zu erfassen. So viel Überblick war nie.

Geschmack pur
Die Fondor-Generation moniere öfter mal die Saucen, sagt Bernhard Kampmann, Chef und Küchenmeister des Schlichte Hofs. Der fehle eben der Geschmacksverstärker. Seine Küche lebt von regionalen Zutaten und überlieferten Rezepten. Die westfälische Rindsroulade bereitet Kampmann nach Art seiner Mutter. Das Restaurant vor den Toren Bielefelds hat gut zu tun: abends volles Haus und öfter mal ein Catering, auch für Gerry Weber.
Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 06/2011.

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