Management „Was darf es sein, Herr Soldan?“

Für die vierte Generation hat sich der Em-eukal-Hersteller große Ziele gesetzt. Das Image von der ollen Hustenkaramelle abzustreifen ist nur eines davon.

Eine ehemalige Lebkuchenfabrik auf der Stadtgrenze zwischen Nürnberg und Fürth ist der Ort, an dem Perry Soldan die Seele des Bonbons prüft. Hier steht er in seinem mit viel Holz und Historie eingerichteten Büro, hält mit schwarzem Marker beschriftete Bonbondosen hoch, schmeckt und bewertet. Schmeckt erneut – nach einer Woche, einem Monat, einem Jahr, als handele es sich um edlen Wein, der im Laufe der Zeit seine Note verändert. Soldan sagt: „Die Seele des Bonbons ist die Rezeptur.“ Und fügt hinzu: „Da steht schließlich mein Name drauf.“

Dr. C. Soldan. Seit mittlerweile sieben Jahren führt der 43-Jährige das gleichnamige Familienunternehmen. C., das war Carl, der Urgroßvater, Erfinder von Deutschlands bekanntestem Hustenbonbon: Em-eukal. „Nur echt mit der Fahne“, dieser Spruch machte die Eukalyptuskaramelle berühmt. In den 50er-Jahren verschrieben Ärzte den Kohlekumpels im Ruhrgebiet die Hustenbonbons für die Bronchien. Das weiß-rote Fähnchen sorgte dafür, dass sich die Arbeiter ihre Bonbons ohne Kohlenstaub oder sonstigen Fingerdreck in den Mund stecken konnten. Inzwischen dient die weiß-rote Fahne nur noch als Markenzeichen, und auf Rezept gibt es den Eukalyptuszucker längst nicht mehr. Trotzdem verkaufen die Franken heute jede Woche fast 40 Tonnen Em-eukal.

Anzeige

Schlechtes Wetter macht Umsatz

Es nieselt, als Soldan vom Büro zum Wagen läuft. Ein schwarzer Audi, quietschgrüne Hustenbonbons auf Heckscheibe und Nummernschild. „Oh, Regen!“ Soldan klingt zufrieden. Schlechtes Wetter ist gut fürs Geschäft. 60 Prozent des Umsatzes macht die Firma in den nasskalten Wintermonaten. Aber das werde sich bald ändern, sagt Soldan, während er am Nussbaumgarten des Landgasthauses Rottner vorfährt. Längst spricht er nicht mehr von Husten-, sondern von „Rundumwohlfühlbonbons“. Rundum wohlfühlen kann man sich nämlich auch im Sommer – Em-eukal soll zum Ganzjahresbonbon werden. Weg vom öden Eukalyptusgeschmack, hin zu Ingwer-Orange oder Hibiskus-Limone. In der Gaststube zieht Soldan sofort eine der neuen Kreationen aus der Tasche, kann sich eine kleine Werbeeinlage nicht verkneifen („Mit Limonenöl, das klingt doch gut!“) und resümiert: „Wir wollen die Marke moderner machen.“

Beim Essen dagegen zählt Tradition. Auf der Karte steht Spargel in vielen feinen Varianten. Soldan bestellt klassisch – mit Butter – und hätte am liebsten ein stinknormales Schnitzel dazu. Nur weil das aus ist, lässt er sich auf uruguayisches Steak ein. Zwei Wochen abgehangen, im neuen Spezialkühlschrank, sagt der Wirt.

Dass es ein Stück Rind aus Südamerika nach Franken schafft, aber kaum ein Em-eukal-Bonbon außerhalb Deutschlands gelutscht wird, stimmt Soldan nachdenklich. Hergestellt wird am Standort im fränkischen Adelsdorf, den Soldans abergläubische Oma vor mehr als 50 Jahren mit der Wünschelrute aussuchte. Vier Prozent der Produktion liefert das Unternehmen ins Ausland. Soldan will den Exportanteil verzehnfachen: 30 bis 40 Prozent des Umsatzes sollen langfristig im Ausland gemacht werden. Sehr langfristig. Soldan denkt gern groß. Schließlich will er – „das mag jetzt vielleicht überheblich klingen“ – das Apple der Bonbonbranche werden: Der Name Soldan soll neue Standards setzen. Das ist die Vision.

Und die ist ehrgeizig. Seit Jahren kämpfen die Süßwarenhersteller gegen ihr schlechtes Image. Hustenbonbons schneiden noch vergleichsweise gut ab. In diesem Rechnungsjahr stagniert der Umsatz der Firma bei rund 57 Mio. Euro – die Schlecker-Pleite hat auch Soldan getroffen. Zudem wartet der mehr als viermal so große Bonbonfabrikant Ricola ebenfalls mit zeitgemäßen Varianten seines Kräuterzuckers auf. „Die gelbe Gefahr“ nennt Soldan den Konkurrenten aus der Schweiz und schiebt seinen mittlerweile leeren Teller beiseite.

Dann fällt ihm der Zettel in seiner Jacketttasche ein. Er solle noch erwähnen, steht darauf, Kinder Em-eukal hat 40. Geburtstag. Sei’s drum. Lieber noch den letzten Schluck Spätburgunder und ein paar Visionen. Schließlich hat Soldan auch für seinen Nachfolger (derzeit zwölf Jahre alt) schon eine Aufgabe: Em-eukal soll zum Gattungsbegriff werden. Nicht: Haste mal ’n Bonbon? Sondern: Haste mal ’n Em-eukal?! Aber das, sagt Soldan, werde wohl noch eine Generation dauern.

Gasthaus Rottner
Franken & Südamerika Das Landgasthaus, romantisch in einem Fachwerkhaus am Rande von Nürnberg untergebracht, befindet sich seit 200 Jahren in Familienbesitz. Geboten werden fränkische Spezialitäten, aber auch mal Steak aus Uruguay – das von zufriedenen Rindern stammt und zu den weltbesten zählt. Stefan Rottner gibt außerdem Kochkurse zu verschiedenen Themen. Im Sommer sitzen die Gäste im Hof unter Linden und Nussbäumen.
Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus impulse-Ausgabe 06/2012.

Abonnenten erhalten die neueste Ausgabe des Unternehmermagazins impulse jeden Monat frisch nach Hause geliefert. impulse gibt es auch zum Download als PDF sowie in einer mobilen Version für Tablets und Smartphones als impulse-App für Android und iOS.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...