Management Was darf es sein, Kemal Sahin?

Aus einem Tandladen zimmerte er ein Milliardenunternehmen, hat das Sagen über 10.000 Mitarbeiter weltweit. Und beim Essen zitiert er Nietzsche.

Er ist ein wenig zu früh gekommen. Nun steht er neben dem Tisch wie ein Gastgeber im eigenen Haus, mit breitem Lächeln und ausgebreiteten Armen. Sein Händedruck ist fest. Kemal Sahin, größter aller türkischen Unternehmer in Deutschland. Angefangen hat er mit einem Geschenkeladen und simplen T-Shirts, dann mit Textilien ein internationales Firmenimperium aufgebaut, die Sahinler Holding: 26 Firmen in zehn Ländern, 10.000 Mitarbeiter weltweit, knapp 700 davon in Deutschland.

„Darf ich ablegen?“, fragt Sahin, bevor er sein Sakko auszieht und Platz nimmt. Er hat geschliffene Manieren, die manchmal fast ein wenig altmodisch wirken. Der 56-Jährige trägt einen dunklen Nadelstreifenanzug mit lila Einstecktuch und ein fliederfarbenes Hemd. „Es sind nur ein paar Minuten von hier zur Firma“, erzählt er. Die Alte Feuerwache in Würselen bei Aachen, Fusion aus Alt und Neu: Backsteinwände, schwarze Ledersofas, weiße Tischdecken – ein Sternerestaurant. Das hat Sahin nicht nur ausgesucht, weil es direkt um die Ecke liegt. Kaviar vom Fliegenfisch statt Kebab vom Holzkohlegrill, der Unternehmer weiß viel zu gut, was die Deutschen von ihm erwarten, und er tut gern das Gegenteil. Das Bild von den Türken in Deutschland zu ändern, das ist so etwas wie die Mission des Kemal Sahin.

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In Würselen liegt die Zentrale der europäischen Sahinler Group. Die anderen Unternehmen steuert Sahin von Istanbul aus. Seit zwei Jahren, seitdem der Nahe Osten und Afrika wichtige Märkte für ihn geworden sind, verbringt der Unternehmer die meiste Zeit am Bosporus. Dort wohnen seine Frau und der jüngste, 14-jährige Sohn. Die beiden älteren Söhne, 25 und 23, leben hier. Sahin hat sie an diesem Abend mitgebracht. Sie sitzen einige Tische weiter, höfliche Jungs in Jeans und Sweatshirts. Sie sind in einer Welt der internationalen Schulen und Universitäten aufgewachsen, sprechen Deutsch, Türkisch und Englisch fließend. Seitdem sie zwölf Jahre alt sind, mussten sie jeden Sommer einen Monat im väterlichen oder einem anderen Unternehmen mitarbeiten. Es ist klar, dass sie die Nachfolge antreten sollen. „Meine Frau und ich waren der Meinung, dass sie sich in der Welt zu Hause fühlen sollen“, erzählt Sahin.

Die Welt, aus der er selbst stammt, ist eine völlig andere: In einem kleinen Bergdorf im Taurusgebirge kommt er als Bauernsohn zur Welt, er lernt lesen und schreiben, geht als Student mit einem Stipendium nach Aachen, bekommt in Deutschland als Ingenieur keine Arbeitserlaubnis und gründet daraufhin seinen florierenden T-Shirt-Handel in der Aachener Innenstadt. Heute ist Kemal Sahin ein Vorbild, einer wie Reiseunternehmer Vural Öger, Grünen-Chef Cem Özdemir oder Regisseur Fatih Akin. Ein lebender Beweis, dass man es in Deutschland als Migrant zu etwas bringen kann – ein Vorzeigetürke. Sahin weiß das, und er ist stolz darauf. „Ich komme aus ärmlichen Verhältnissen, wenn ich eine Chance sehe, ergreife ich sie“, sagt er.

„Was darf es denn sein?“ Die Kellnerin ist an den Tisch getreten, und auf einmal wirkt der Firmenboss seltsam verloren. Dabei ist er eigentlich jemand, bei dem man erwarten würde, dass er Speisen und Getränke für den ganzen Tisch bestellt, weil er das Bestimmen so sehr gewohnt ist. Aber Sahin will Hilfe: „Empfehlen Sie mir doch mal was!“ „Passt das zusammen?“ „Werde ich davon satt?“ Drei Gänge sind schon geordert. Sahin hat Hunger, doch er traut sich nicht so recht, noch einen Gang mehr zu bestellen. „Ich glaube, ich nehme noch eine Suppe. Wollen Sie nicht auch eine? Kommen Sie, das schaffen Sie doch!“ Der Mann bekommt seine Suppe, außerdem Lachs und Kaviar, Lammrücken als Hauptgericht und zum Schluss Schokoladenmousse mit Pfefferminz und Passionsfrucht.

Bei der zweiten Vorspeise ist Sahin bei seinem Lieblingsthema angekommen: der Integration. Es sind Sätze, die er schon oft gesagt hat und die er immer wieder sagen wird, bis sie vielleicht einmal gehört werden: „Wir müssen den Migrantenkindern das Gefühl geben, Deutsche zu sein und dazuzugehören.“ „Deutschland braucht die gut ausgebildeten Türken, um den Fachkräftemangel zu beheben.“ „Die politische Klasse muss aufhören, Vorurteile zu pflegen, nur weil es politisch opportun erscheint.“ Sahin spricht Deutsch mit leichtem Akzent. Er drückt sich gewählt aus, macht nur wenige Fehler.

Die Krise ist auch an Sahin nicht spurlos vorübergegangen. Seine Modekette Adessa mit rund 130 Filialen in Deutschland war insolvent, der Insolvenzverwalter hatte bereits mit der Sanierung begonnen; Sahin kaufte Adessa nach einem halben Jahr selbst zurück. „Heute sind meine Unternehmen drei- bis viermal so stark aufgestellt wie vor der Krise, aber ich habe auch ein Jahr lang sehr viel gearbeitet“, sagt er und nimmt noch einen Schluck von seinem Rotwein, einem 2008er Zweigelt aus dem Burgenland. Er habe gelernt, mit Krisen umzugehen. „Ich habe immer noch Probleme, aber schlafe dennoch tief, weil ich weiß, dass ich sie lösen werde. Wie Nietzsche gesagt hat: ‚Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.‘“

Nun schaut er wieder nach vorn. Sein aktuelles Projekt: Äthiopien. Dort lässt er ein neues Werk bauen. Die Baumwolle wächst quasi vor der Fabriktür, die Löhne sind niedrig, die Regierung in Addis Abeba wirbt eifrig um Investoren. „Ich will dem Land Textilindustrie beibringen, in der Türkei kann man nicht mehr wachsen“, sagt Sahin. Einige türkische Unternehmer seien schon in dem ostafrikanischen Staat, erzählt Sahin, die Chinesen sowieso. Und die Deutschen? „Die unterschätzen das.“

Langsam löffelt er sein Dessert, plaudert über die genetische Disposition für Phobien, die Aleviten in der Türkei und den Sufi-Philosophen Mevlana Dschelaleddin Rumi. Was verbindet Sie heute noch mit dem Dorf im Taurusgebirge, Herr Sahin? Einmal im Jahr, jeden Sommer, besucht der Unternehmer dort seine Mutter. Er liebe die Berge und die Quellen. „Damals war ich der erste Hochschulabsolvent in meinem Dorf, heute sehe ich viele.“ Kemal Sahin ist auch in der Türkei der Vorzeigetürke.

Essen & Trinken
Mit Stern Klassisch französische Küche serviert Kurt Podobnik in seiner Alten Feuerwache in Würselen bei Aachen. Damit hat er sich einen Michelin-Stern sowie Auszeichnungen von „Feinschmecker“, „Gault Millau“ und vielen anderen Gourmetführern erkocht. Podobnik und seine Frau Monika haben das Restaurant 2006 im frisch sanierten, historischen Backsteingebäude eröffnet. Im Bistro gibt es Sterneküche für den kleineren Geldbeutel mit freiem Blick auf die Schauküche
Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 05/2011.

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