Management Was darf es sein, Lukasz Gadowski?

Durch das T-Shirt-Portal Spreadshirt wurde er der Star der Startup-Szene. Jetzt gründet er mit seiner eigenen Investmentfirma Unternehmen in Serie.

Mehr Berlin-Mitte geht nicht. Im Chipps in der Friedrichstraße gibt es keine Bilder an den Wänden, dafür dunkles Holz, gerade Linien, eine offene Küche und sogar einen Slogan: „Serious Eating“. Das mag der hippe Hauptstädter. Der weiß auch: Ein bisschen Show gehört dazu. Völlig in Ordnung, dass sich hinter den namensgebenden Chipps schlicht?Kartoffelpuffer verbergen. Es passt zum Ambiente, dass Lukasz Gadowski als Erstes Red Bull bestellt. Und es passt zu ihm selbst. Denn Gadowski vereint viele Merkmale in sich, die mit Energiedrinks verbunden werden: sehr wach, ziemlich effektiv, eine leichte Unruhe verbreitend – und ein bisschen stillos.

Hallo, hinsetzen, Handy checken. Nachricht tippen, Nachricht lesen. Kurzer Blick zum Gegenüber. „In einer halben Stunde kommt noch jemand dazu.“ Ach ja? „Und später noch ein Gründer aus San Francisco, der ist gerade in Berlin.“ Na dann.

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Wäre die deutsche Gründerszene die Bundesliga, säße jetzt hier Franz Beckenbauer. So wie dieser gilt Gadowski als einer, der nur Erfolgsstorys schreibt. 2002 gründete er Spreadshirt. Eine Plattform, auf der jeder Nutzer seinen eigenen T-Shirt-Shop eröffnen kann. Fünf Jahre nach Gründung macht das Unternehmen bereits 12 Mio. Euro Umsatz. Spreadshirt wird das Paradebeispiel für Mass Customization – der Möglichkeit, im Internet Massenproduktion mit Maßanfertigung zu kombinieren. Nach diesem Coup wird Gadowski Mitgründer von zehn weiteren Firmen – und oft Mitverkäufer. Etwa beim Facebook-Pendant StudiVZ, das der Verlag Holtzbrinck 2007 für geschätzte 100 Mio. Euro übernommen hat. Und an Brands 4 Friends, einer Art Internet-Outlet für Markenwaren – 2010 verkaufte Gadowski seine Anteile an den Handelskonzern Tengelmann.

Gadowski spricht leise. Und in knappen Sätzen. Sind wir im Chipps, weil er Vegetarier ist? „Nö.“ Aber hier gibt es fast nur Vegetarisches? „Man muss ja nicht immer Fleisch essen.“ Blick aufs Handy. Ein Zusatzgast hat abgesagt. Genug Small Talk. Wir bestellen.

Gadowski wählt zwei Gerichte: einen Chipp mit Avocado und grünen Bohnen und einen Käseknödel mit Parmesan. „Ich kann mich hier immer schwer entscheiden.“ Welcher Wein dazu passt, soll der Kellner sagen. „Riesling“, sagt der, „der ist fruchtig-frisch.“ Gadowski grinst: „Klingt total überzeugend.“ Leidenschaft entwickelt er offenbar nur für eines: Gründungen.

Manufaktur für Unternehmen

Reden wir über Team Europe, das Gadowski 2008 gründete. Jetzt wird er gesprächig. Team Europe ist ein Wagnisfinanzier, ein Venture-Capital-Unternehmen (VC). Aber doch ganz anders als die üblichen VCs. „Wir sind eine Manufaktur, die Unternehmen herstellt.“ Es gehe nicht nur darum, Anteile zu kaufen. Team Europe sucht für Leute mit Ideen die passenden Finanzgeber. Oder die passenden Manager. Oder für fähige Manager mit Geld die Leute mit guten Ideen. Und: Team Europe gründet selbst zwei bis drei Unternehmen im Jahr. „Das sind immer Internetunternehmen. Und immer hochskalierbar.“

Heißt konkret: „Zwei Jahre nach Gründung mindestens 100 Mitarbeiter und ein Unternehmenswert von rund 100 Mio. Euro. „Das ist ’ne Ansage, oder?“ Er lächelt. „Das haben wir schon mehrfach geschafft.“ Das Essen kommt. Gadowskis doppelte Bestellung erweist sich als klug: Klein sind sie, die Kartoffelpuffer. Allerdings auch sehr lecker. Oder? Gadowski nickt, während er den Chipp mit der Gabel zerteilt.

Woher kommt die Faszination fürs Gründen? Geld? „Auch. Aber es geht auch um Macht.“ Er wiegt den Kopf hin und her. „Das klingt jetzt so negativ – Machtgier.“ Aber doch nicht wegen der Macht, sondern wegen der Gier? „Das wird aber immer vermischt. Dabei bedeutet Macht doch nichts anderes als Gestaltungswillen.“

Vielleicht hängt der Drang zum Unternehmertum mit der Familiengeschichte zusammen. Die Gadowskis kamen in den 80er-Jahren aus dem kommunistischen Polen. „Eigentlich waren wir Wirtschaftsflüchtlinge. Keiner wusste, wie es weitergehen würde im Ostblock.“ Eine deutsche Familie kümmerte sich um die Einwanderer, brachte sie dazu, in einen Stadtteil zu ziehen, in dem keine anderen Polen wohnten. „Ich war der Einzige in der Klasse, der aus einer Einwandererfamilie stammte.“ Eine gute Form von Druck, sagt er: „Nach einem halben Jahr sprach ich fließend Deutsch.“ Ja, solche Hilfe würde er auch gern leisten. Vielleicht mit einer Organisation. „Aber das muss skalierbar sein.“

„Hi, Lukasz.“ Der Freund aus San Francisco. „Hi! Oh that’s a journalist, he’s interviewing me about Team Europe“ – „Great.“ Dann unterhalten sie sich. Die Bedienung kommt. Kaffee? Nachtisch? Och, nö. Gadowski blickt zum Freund aus den USA. „Wir gehen noch was trinken.“ Der Abend lässt sich sicher noch skalieren.

Für Szenegänger
Chipps gibt es zweimal in Berlin-Mitte: in der Friedrich- und in der Jägerstraße. Die Restaurants gehören Heinz Gindullis, der als Betreiber des Berliner Szeneklubs Cookies bekannt wurde. Im Chipps fühlt man sich cool, ohne zu frösteln. Dass das funktioniert, liegt auch am netten Personal. Auf der Karte stehen fast nur vegetarische Gerichte, die nach Saison variieren. Als Beilage gibt es aber auch Perlhuhnbrust, Zander und Roastbeef.
Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 08/2011.

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