Management Was darf es sein, Sophia von Rundstedt?

Früher gab sie Konzerte, heute singt sie als Chefin der gleichnamigen Personalberatung Geburtstagslieder für ihre Mitarbeiter. Weil es Spaß macht und weil sie findet, ein Familienunternehmen sollte Familie sein, nicht nur in Familienbesitz.

Sophia von Rundstedt zählt zu jenen Menschen, die sofort auffallen, wenn sie den Raum betreten. Zielstrebig steuert sie den Tisch in der Ecke des Restaurants Settimo Cielo an, vermisst ihre Umgebung dabei mit geradem, offenem Blick. Eine gut aussehende Frau, die gern im Scheinwerferlicht steht. So weit, so üblich für eine Führungskraft. Ungewöhnlich ist dagegen, wie bereitwillig sie die Bühne räumt.

„Setz dich! Erzähl alles über euer Restaurant“, lädt sie den Juniorchef Gianluca Amoroso ein. Erst auf Deutsch, dann auf Italienisch – das spricht sie ziemlich gut, seitdem sie als Jurastudentin ein halbes Jahr in Rom lebte. Er stellt Bruschetta, Artischocken, Gemüsestrudel mit Aubergine und einen Teller ihres geliebten Parmaschinkens auf den Tisch – ohne dass sie ihn extra bestellen müsste. Dann erzählt er: von seiner Heimat, einem Ort namens Diamante. „Wo liegt das genau?“, fragt Rundstedt. In Kalabrien. Das weiß sie schon lange. Auch dass er sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat und den Betrieb vom Vater übernehmen will. Trotzdem erkundigt sie sich genau danach.

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Menschen in Szene zu setzen ist ihr Job. Mehr als das. Spricht die 38-Jährige über andere, webt sie nebenbei Lob und Anerkennung in ihre Sätze ein, streicht das Besondere heraus. Ihr fällt das schon gar nicht mehr auf. „Aber stimmt schon, ich sehe eigentlich immer das Positive“, sagt sie. „Ich bin Optimistin, genau wie mein Vater.“

Anfang des Jahres hat sie von ihm die Geschäftsführung der Personalberatung von Rundstedt & Partner übernommen, die sie gemeinsam mit Fremdmanagerin Heike Cohausz leitet. Das Familienunternehmen ist Marktführer im Bereich Outplacement, die Berater helfen entlassenen Angestellten, die Trennung zu verarbeiten und einen neuen Job zu finden.

Eberhard von Rundstedt gründete das Unternehmen, als er selbst seinen Job verlor. Damals war Sophia 13. „Von ihm habe ich gelernt: nicht liegen bleiben. Nicht jammern. Aufstehen.“ Diese Papa-Regeln halfen auch beim ersten Liebeskummer. Damals litt sie heftig an gebrochenem Herzen, fühlte sich miserabel. Und ging trotzdem vor die Tür, Freunde treffen, gegen den Schmerz anlachen. „Das rät mein Vater auch seinen Klienten.“

Sie spricht viel von ihm, dem großen, dem wichtigen Vater. Einem Entscheider, der klare Ansagen macht, aber die Seinen auch gern mal feste drückt. Eine Beraterin erzählte ihr, sie sei in der Probezeit schwanger geworden, hätte bibbernd vorm Chef gestanden. Eberhard von Rundstedt warf sie nicht raus, wie befürchtet, sondern gratulierte überschwänglich. „Das ist schon Jahre her, aber diese Mitarbeiterin weiß noch immer, was sie in diesem Moment fühlte“, erzählt Sophia von Rundstedt. Nämlich: „Für diesen Mann werde ich weit gehen.“

Diese Anekdote hat sie im Kopf behalten, denn genau so, findet sie, müsse ein Unternehmen ticken, um die besten Mitarbeiter zu halten. Familie sein, nicht nur ein Unternehmen in Familienbesitz. An Geburtstagen singen sie für jeden „Viel Glück und viel Segen“, dreistimmig im Kanon. Auch das hat ihr Vater eingeführt. Und seine Tochter singt mit Leidenschaft, so wie er, früher sogar bei Konzerten auf der Bühne. Da rockte sie Police-Songs in einer Kellerkneipe, genoss den Auftritt. „Ich stehe gern auf der Bühne“, sagt sie. „Allerdings nur, wenn ich vorbereitet bin.“ Das gilt auch für jede Rede, die sie hält.

Sie hütet die Kinder, er Freundschaften

Eine angenehme Unterbrechung naht, der Hauptgang: Dorade mit frischem Gemüse. Einfach und gut, ohne Schnickschnack. „Deshalb liebe ich die italienische Küche, weil die aus wenigen, frischen Zutaten viel macht.“ Wenn sie selbst kocht, schnappt sie sich am liebsten, was sie im Kühlschrank findet, und improvisiert ein Risotto oder eine Pasta.

Seit Januar kommt sie nur noch selten zum Kochen. Im Unternehmen stehen strategische Aufgaben an. Der Markt für Outplacement schrumpft, einige ehemalige Konkurrenten sind schon pleite. Angesichts der demografischen Entwicklung wird sich das Geschäft wohl auch nicht mehr erholen. Die Personalberater müssen sich neu aufstellen. Sophia von Rundstedt plant, den Coachingbereich auszubauen und Schwerpunkte zu verlagern. „Ich will, dass wir künftig Unternehmen langfristig bei ihrer Personalentwicklung begleiten.“ Ältere Mitarbeiter oder Mütter als Fachkräfte zu verlieren könne sich bald keiner mehr leisten.

Bei von Rundstedt & Partner sind 70 Prozent der Mitarbeiter weiblich. Teilzeit, Home-Office oder eine Weile kürzer zu treten, wenn das Privatleben es fordert, all das ist schon seit Langem möglich. „Mein Vater war Unternehmer, aber auch Familienmensch“, sagt Sophia von Rundstedt. „Jeden zweiten Abend hat er uns Kindern ein neues Buch aus der Stadtbücherei mitgebracht und vorgelesen.“ Heute eilt sie selbst mehrmals die Woche um 19 Uhr aus dem Büro, um ihrer fünfjährigen Tochter und ihrem fast zweijährigen Sohn vorzulesen. Tagsüber hilft ein Au-pair. Die Familie lebt in Frankfurt, obwohl der Firmensitz in Düsseldorf liegt. Ein Kompromiss, da ihr Mann – ebenfalls Familienunternehmer – die Fabrik seiner Eltern ja nicht einfach abbauen und verlegen könne. Zweimal die Woche pendelt sie nach Düsseldorf. „Ich lebe vor, dass wir als Unternehmen flexibel sind.“

Private Aufgaben hat sich das Ehepaar aufgeteilt. Sophia von Rundstedt sorgt fürs „Kinderprogramm“, bastelt Lebkuchenhäuser und liest vor. Ihr Mann hält den Freundeskreis beisammen. Dazu gehören auch ihre zwei jüngeren Brüder. Die haben akzeptiert, dass ihre Schwester in der Firma vorn steht. Der eine ist Arzt, der andere hat eine leitende Position im Düsseldorfer Büro. „Constantin war schon immer der Diplomat im Hintergrund“, sagt Sophia von Rundstedt. Er half ihr sogar, den Vater von ihren Qualitäten zu überzeugen. Der Senior scheute sich lange, ein Kind hervorzuheben. So wurde sie Anwältin, arbeitete in einer Unternehmensberatung und musste sich schließlich selbst ins Spiel bringen, um vom Vater gesehen zu werden.

Dabei waren ihre Führungsqualitäten doch eigentlich offensichtlich. Als Sophia für ein Jahr in Amerika zur Schule ging, notierten ihre Mitschüler im Jahrbuch: Die wird einmal Rockstar. Obwohl sie im Schülermusical bereitwillig einer anderen die Hauptrolle und die Bühne überließ.

Schön schlicht
Eine kulinarische Liebe auf den ersten Blick: Seit dem ersten Besuch kommen Sophia von Rundstedt und ihr Ehemann Wolff von Stutterheim immer wieder ins Ristorante Settimo Cielo in Frankfurt. Sie feierten dort die Taufe ihres Sohnes und auch schon ein Betriebsfest. Die Inhaberfamilie und der Koch stammen aus Kalabrien. Ihr Rezept: frische Zutaten, einfache Gerichte wie etwa gegrillten Loup de Mer. Dazu eine gute Weinauswahl. „Alles lecker und ohne Schnickischnacki“, sagt Juniorchef Gianluca Amoroso.
Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 04/2011.

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