Management „Was darf es sein, Stefan Vilsmeier?“

Der Gründer des Medizintechnikunternehmens Brainlab ist ein notorischer Optimierer. Deshalb erfand er eine Software, die Tumoroperationen revolutionierte.

Ein wenig zu spät rauscht Stefan Vilsmeier in die Gaststube. Flotter Schritt, forscher Händedruck. Binnen Sekunden prüft er die Lage, das Licht, die Sicht, den reservierten Tisch unter dem Wildgeweih: „Hier?“, fragt Vilsmeier höflich. Das geht ja wohl noch besser, steht in seinem Gesicht geschrieben. Könne man nicht am Fenster sitzen? Ja, dort vorn rechts. „Da kommt jetzt schön die Sonne rein.“ Schon schwingt Vilsmeier sich auf die alte Holzbank. Der Kellner trägt ergeben das Gedeck hinterher.

Stefan Vilsmeier ist ein Mann, der mag, wenn die Dinge genau so sind, wie er sie sich vorstellt. Sind sie es nicht, sorgt er dafür, dass sie so werden. Vilsmeier optimiert – ständig. Diesem Drang muss man es wohl zuschreiben, dass Vilsmeier im Alter von 21 Jahren ein Unternehmen gründete und dass dieses winzige Startup namens Brainlab heute, Vilsmeier ist 44, zu den Weltmarktführern bei Software für Chirurgie und Strahlentherapie zählt.

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„Das Reh ist hier sehr gut“, sagt Vilsmeier – und weiß sofort, wie es noch besser wäre. Figurfreundlicher. „Nur eine kleine Portion und bitte Gemüse statt Spätzle.“ Zweimal. „Wenn mein Gegenüber etwas anderes bekommt, denke ich immer, das ist vielleicht besser. Wenn alle das Gleiche essen, kann ich relaxen.“

Wunderknabe aus Bayern

Mit 15 bekam Vilsmeier seinen ersten Computer. „Da ist man eigentlich schon zu alt dafür.“ Umso ehrgeiziger begann er zu programmieren, veröffentlichte zwei Jahre später ein Buch: „3-D-Konstruktion mit GIGA-CAD Plus auf dem C64/C128“. Der Titel lässt keinen Bestseller vermuten, trotzdem verkaufte sich das Werk 50.000-mal.

So seien auch Chirurgen der Uniklinik Wien auf ihn aufmerksam geworden, erzählt Vilsmeier. (Der Rehbraten kommt. „Etwas mehr rosa hätte er sein können.“) Die Mediziner suchten nach einer Möglichkeit, ihre Röntgenbilder und Tomografien für Operationen dreidimensional darzustellen. Sie luden den Wunderknaben aus Bayern ein, er nahm an – und war schockiert. „Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass die erst all diese Bilder machen, sie in die Ecke legen, den ganzen Schädel aufsägen und einfach drauflos operieren“, sagt Vilsmeier. „Da musste doch was zu machen sein!“

Es war was zu machen: Brainlab. Vilsmeier entwickelte ein Computerprogramm, das aus Röntgen- und Tomografiebildern eine Art Navigationssystem für den Körper erstellt. So können Chirurgen millimetergenau beobachten, wo sich ihre Instrumente gerade befinden. Auch die Krebstherapie hat die Software revolutioniert. Dank der „Navi-Bilder“ wissen die Ärzte exakt, wo der Tumor sitzt, können ihn zielgenau bestrahlen und gesundes Gewebe schonen.

Heute hat Brainlab weltweit mehr als 1000 Mitarbeiter. Am nächsten Morgen fliegt Vilsmeier zu Kunden nach Kopenhagen, übermorgen nach Mailand, dann Helsinki, Stockholm und wieder Kopenhagen. Weiter nach Tokio. Duschen und Umziehen am Flughafen. Peking. Hongkong. Irgendwann am Ende des Monats wird er in seine Wohnung am Münchner Viktualienmarkt zurückkehren.

Vilsmeier ist Bayer von ganzem Herzen. Nie hat er weiter als 50 Kilometer entfernt von München gelebt. Er besitzt eine Lederhose, an seinem Jackettkragen steckt der Bayerische Verdienstorden, den trage er jeden Tag, sagt Vilsmeier. Verliehen wurde er ihm im Jahr 2000. Es folgten fast alle wichtigen Unternehmerpreise. Doch dann platzte in letzter Minute ein fertig vorbereiteter Börsengang, und es wurde still um die Firma aus Feldkirchen.

Ab jetzt will Vilsmeier wieder mehr Aufmerksamkeit erregen: Dieses Jahr verdoppelt Brainlab sein Produktangebot. Neben der Software stellt das Unternehmen inzwischen auch die dazugehörige Technik her. „Ich will doch nicht, dass unser Zeug auf irgendwelchen hässlichen Geräten läuft.“ Vilsmeier ist Ästhet. Dass seine Krawatte farblich genau auf die violetten Stoffservietten im Stanglhof abgestimmt ist, sei aber wirklich Zufall, beteuert er.

Beim Kaiserschmarren sinniert Vilsmeier, ob es ein Leben ohne Brainlab hätte geben können. Vielleicht. Aber ein Unternehmen hätte er in jedem Fall gegründet: „Jeden Tag denke ich mir: Warum machen die das nicht anders? Und: Warum gibt es dafür noch keine Firma?“ Vilsmeier findet immer etwas, das zu optimieren sich lohnt. Seien es Leihwagen, Fensterrahmen oder Quarkknödel. Letztere habe er mittlerweile mit 14 Teigrezepten, neun Füllungen, sieben Sudmischungen und sechs Bröselvarianten getestet, erzählt Vilsmeier. „Bis ich sie genau so hatte, wie ich es wollte.“

Zünftig & Fein
Gutsgasthof Stangl Das traditionsbewusste Restaurant liegt in Neufarn bei München – genau zwischen Vilsmeiers Heimatdorf Poing und dem Brainlab-Hauptsitz in Feldkirchen. Das seit 1538 von Familienhand geführte Gasthaus bietet bayerisches Essen der feinen Art. Küchenchef Meinhard Tschurtschenthaler kommt aus Südtirol und kocht gern deftig. Gäste können ab 65 Euro im Stangl übernachten.
Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 05/2012.

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