Management Weil hier das Leben tobt

Berlin gilt als europäische Hauptstadt der Startups. Und zwar völlig zu Recht. Der wichtigste Grund dafür: Hier wird selbst gedacht, anstatt nach Silicon Valley zu schielen.

Kann und wird Berlin dem Hype gerecht werden? Meine klare Antwort: selbstverständlich.

Die Zahl der Startups nimmt zu. Allein 2011 habe ich über 20 Berliner Firmen gezählt, die mindestens 1 Mio. Euro an Finanzmitteln erhalten haben. Aberdutzende weitere werden geringere Beträge eingesammelt haben. Und Balderton Capital ist nicht der einzige europäische Investor, der auf Berlin setzt. Regelmäßig treffe ich Kollegen, die hier ebenfalls mehr und mehr Zeit verbringen, beflügelt von den jüngsten Erfolgsgeschichten Berlins wie die von Wooga, Soundcloud und Amen.

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Offenbar ist Berlin reif für größere Mengen an Startups. Jeden Sommer strömen scharenweise Talente aus den Business-Schools und Universitäten auf den Berliner Arbeitsmarkt. Büroräume sind günstig, die Arbeitskosten liegen 20 Prozent unter denen aller anderen deutschen Regionen.

Was macht die dortige Szene so lebendig? Wenn ich vom Prenzlauer Berg nach Mitte gehe, könnte ich leicht das Gefühl bekommen, in die 90er-Jahre nach South of Market in San Francisco zurückversetzt worden zu sein. Beide haben eine unübertroffene Energie und Leidenschaft für technologische Neuerung gemein, die ich so nirgendwo sonst erlebt habe.

Berlins Leidenschaft ist einzigartig, weil sie echt und ortsspezifisch ist. Startup-Pioniere versuchen nicht, die Erfolge ihrer Vorgänger zu kopieren. Das wollen sie auch gar nicht. Berlin ist vielmehr extrem sensibel, was sein Umfeld anbelangt. Firmengründer erkunden berlinweit die angeborenen künstlerischen Eigenheiten ihrer Stadt, um daraus mehr Kreativität für ihre kommerziellen Neuerungen zu ziehen.

Ein Beispiel: elektronische Musik. Es gibt weltweit nur wenige Städte, wo ein Musikgenre die professionellen Neuerungen seiner Anhänger so stark beeinflusst wie in Berlin. Wieder und wieder treffe ich hier Firmengründer, deren Begeisterung für diese Musik zu außergewöhnlichen Neuerungen und technologischen Ideen in ihrem Geschäft führte.

Auch Galerien, Museen und Theater haben in den vergangenen Jahren Künstler, Designer und Schauspieler in Scharen angelockt. Die resultierende kreative Gemeinde tut dem Innovationsklima gut.

In keiner anderen europäischen Stadt wird in Bildungseinrichtungen das Unternehmertum so wichtig genommen. Selbst in den Oberstufen und den Grundkursen im Studium steht Innovation im Mittelpunkt. Berlin beherbergt darüber hinaus so viele Technologieparks wie kaum eine andere Stadt in Europa. Dazu kommen Startup-Fabriken, denen es mitunter an Originalität mangeln mag, die man dennoch für die pädagogische Dimension loben muss, die sie Berlins Firmengründern bieten. In risikoarmen Umfeldern können junge Teams unter Anleitung erfahrener Firmengründer etwas aufbauen. Sie lernen in der Praxis, Risiken der Frühphase zu umgehen, Finanzierungsmöglichkeiten im Blick zu behalten und ihre Businesspläne anzupassen.

Vom Großteil der ersten Unternehmungen dieser Fabriken erwarten wir in Wirklichkeit gar nicht, dass sie über die Inkubationsphase hinauskommen. Aber wenn Jungunternehmer ihr zweites, drittes oder viertes Projekt anpacken, haben sie die klassische Mischung verinnerlicht, die es braucht, um ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 01/2012.

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