Management Wie bringt man öffentliche Einrichtungen zu Reformen?

Arndt Kwiatkowski ist Mitbegründer der Onlineplattform Bettermarks, die Mathe-Nachhilfe anbietet, und fragt: "Unter welchen Voraussetzungen setzen sich Innovationen in staat­lichen Systemen durch?"

Schulen werden durch Teamarbeit innovativer!

Prof. Dr. Heinz Günter Holtappels ist Professor für Erziehungswissenschaft und lehrt am Institut für Schulentwicklungsforschung der TU Dortmund

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Grundvoraussetzung für Innovationen im Schulsystem ist, dass sich einzelne Schulen als lernende Organisationen entwickeln. Drei Säulen sind dabei entscheidend. Eine Schule muss Visionen und Motivationen ­haben, die bestenfalls von allen geteilt werden. Zweitens braucht sie eine Infrastruktur für Innovationen, vor allem Steuergruppen, die den Entwicklungsprozess ­koordinieren, und eine Leitung, die zielorientiert führt. Innovationen gelingen besonders gut über Teamarbeit. Lehrer treten viel zu häufig im Unterricht und in der Elternarbeit als Einzelkämpfer auf. Professionelle Lerngemeinschaften können Keimzellen für Innovationen sein, etwa für eine effektivere Unterrichtsgestaltung. Die dritte Säule betrifft Kenntnisse von Innovationsstrategien, vor allem Organisations- und Unterrichtsentwicklung sowie Schulprogrammarbeit. Jede ­Schule erarbeitet ein individuelles Schulkonzept und Entwicklungspläne. Untersuchungen zeigen, dass Entwicklungen auf Ebene der einzelnen Institution geschehen müssen. Top-down-Modelle tragen im Schulsystem nicht. Innovationen sind nicht effektiv, wenn sie von oben verordnet werden, nötig sind jedoch Rahmen­vorgaben. Auch Modellversuche waren oft nicht erfolgreich. Konzepte müssen immer auf einzelne Schulen und ihre Situation zugeschnitten werden. Im pädagogischen Bereich lassen sich Innovationen nicht einfach auf andere Schulen übertragen. Die Forschung zeigt: Innovationsbereitschaft, schulinterne Führung, Steuerung, Teamarbeit sowie intensive Entwicklungsarbeit mit systematischen Strategien erweisen sich als Voraussetzungen für Qualitätsverbesserungen.

Verwaltungen brauchen mehr Unternehmertum!

Prof. Dr. Dennis Hilgers ist Juniorprofessor für Public Management an der Universität Hamburg

Fast jeder zweite Euro der Wertschöpfung in Deutschland fließt in den öffentlichen Sektor. Es sollte uns also viel daran gelegen sein, dass wirtschaftlich und verantwortungsvoll mit unseren Steuergeldern und Sozial­abgaben umgegangen wird. Doch öffentliche Verwaltungen scheinen zu bürokratisch zu sein, wenn es um

Innovationen geht. Gerade große und behördenübergreifende Reformprojekte laufen oft extrem aus dem Ruder – zeitlich und finanziell. Aktuelle Beispiele sind die Einführung des elektronischen Einkommensnachweises (Elena) und des neuen Personalausweises. In Zeiten radikaler ökonomischer, sozialer, demografischer und technischer Umbrüche brauchen wir aber umso mehr einen öffentlichen Sektor, der mit Inno­vationen umgehen und Reformen eigenverantwortlich steuern kann. Unternehmen scheinen viel agiler zu sein. Sie sind getrieben vom existenziellen Überleben am Markt und ständigem Druck, sich strategisch neu ausrichten zu müssen. Warum nicht auch öffentliche Organisationen? Ganz im Sinne des New-Public-­Management-Paradigmas sehe ich die Lösung in mehr Ökonomie im Staat. Effiziente Organisationsstrukturen, fördernde Anreizsysteme, transparente Prozesse und vor allem qualifizierte Akteure. Denn Wandel kann man nicht durch reines Verwalten entgegentreten. Wir ­brauchen mehr Unternehmertum im Staatsbetrieb! Wir brauchen mehr Lenker und Denker als Verwalter und Statthalter! Das Juristenmonopol hat historisch seine Rechtfertigung. Aber um als Innovationsmanager ein Klima von Veränderung anzustoßen, braucht es aus­gebildete Strategen. Als Kanzler einer Hochschule oder Präsident einer Polizeibehörde kommen Managementaufgaben auf die Juristen zu, die denen von Vorständen oder Geschäftsführern eines Unternehmens gleichen. Sie sind ausgestattet mit Ressourcen-, Budget- und Personalverantwortung. Auch die Kommunikation zwischen Behörden muss verbessert werden. Meine Idee: ein Facebook für Verwaltungsangestellte. Alle Akteure im öffentlichen Dienst sollten ihre Kompetenzen ein­tragen. Es gibt 14?000 Kommunen in Deutschland, und fast alle arbeiten mit Tunnelblick. Die gleichen Einheiten in verschiedenen Städten, Regionen oder Bundesländern tauschen sich viel zu wenig aus.

Der Staat muss das Wissen seiner Bürger bündeln!

Prof. Dr. Anna-Bettina Kaiser ist Juniorprofessorin für Öffentliches Recht an der Humboldt-Universität zu Berlin

In der Frage schwingt mit, dass sich staatliche Systeme allgemein gegen Innovationen sträuben. Da widerspreche ich deutlich! Innovationen entstehen primär in der Gesellschaft. Der Staat muss für die Innovationen dann gegebenenfalls den passenden rechtlichen Rahmen schaffen. Weil es sich dabei um komplexe Themen wie Gentechnik handeln kann, ist der Staat auf Wissen angewiesen. Entscheidend ist daher eine staatliche Wissensinfrastruktur, die aber nicht aus einer einzigen „Autobahn“ besteht, auf der das komplette Wissen unterwegs ist, sondern aus vielen einzelnen Bausteinen.

Einer dieser Bausteine ist das Personal, das gut ausgebildet und wissenshungrig sein muss. Wichtig für die Wissensgenerierung sind aber auch Informationsverbünde, in denen sich Behörden austauschen können – sogar über Bundesländer hinweg oder auf europäischer ­Ebene. Dort können gute Impulse für Innovationen entstehen. Hinzu kommen allein auf Bundesebene über 30 staat­liche Forschungseinrichtungen, die ununterbrochen Wissen zu sehr verschiedenen Themen generieren. Zum Beispiel zu Impfstoffen oder zur Herkunft des Ehec-­Erregers. Außerdem beschafft sich der Staat gesellschaftliches Wissen über wissenschaftliche Beiräte und externe Sachverständige. Der Staat ist aber auch auf das Wissen der Bevölkerung angewiesen. So finden im Rahmen von Verwaltungsverfahren Anhörungen oder Öffentlichkeitsbeteiligungen statt, bei denen Bürger befragt werden. Hier entsteht wertvolles Wissen aus der Masse der Bevölkerung. Trotzdem steht am Ende ein Staat, der natürlich nie alles wissen kann. Damit dennoch möglichst viel staatliches Wissen generiert wird, ist Kommunikation entscheidend. Und die kostet eben viel Zeit. Deswegen zielt die Kritik, dass die Entscheidungswege in öffentlichen Verwaltungen häufig zu lang seien, meiner Meinung nach teilweise ins Leere. Eine öffentliche Anhörung zum Bau eines neuen Flughafens ist zwar aufwendig, aber auch sehr wichtig. Sie müssen Anwohnern das Gefühl geben, dass sie angehört werden. Wird ein solches Verfahren zu stark beschleunigt, kann es möglicherweise enden wie mit „Stuttgart 21“. Die größte Innovation unserer Zeit ist übrigens auch aus einem staatlichen System heraus entstanden. Das Internet war zu Beginn ein Projekt des US-Verteidigungsministeriums.

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