Management Wie Deutschlands Infrastruktur Unternehmer ausbremst

Viele Straßen in Deutschland sind marode

Viele Straßen in Deutschland sind marode© Peter Atkins - Fotolia.com

Kaputte Straßen, defekte Schleusen, schlechte Internetverbindungen - die Infrastruktur in Deutschland steckt im Investitionsstau. Ein Überblick über den Kapitalbedarf und Erfahrungsberichte von drei betroffenen Mittelständlern.

STRASSEN

Ulrich Boll ist Geschäftsführer von Boll Logistik in Meppen im Emsland. Er leitet den Familienbetrieb mit 130 Lkw und 490 Mitarbeitern in fünfter Generation

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Sind deutsche Straßen ausreichend finanziert?

Nein. Die Infrastruktur ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Das gilt nicht nur für den Neubau, sondern auch für die Instandhaltung. Wir sind Logistiker in der fünften Generation. Was meine Vorfahren an Infrastruktur geschaffen haben, müssen wir besser pflegen und erhalten. Das ­­mache ich der Politik zum Vorwurf.

Wo ist es besonders kritisch?

Bei den Brücken. Schauen Sie sich die Rheinbrücke in Leverkusen oder die Rader Hochbrücke im Norden an. Die Investitionen hätten nicht sein müssen, wenn man vorher besser gepflegt hätte. Wir müssen Umwege fahren oder stehen im Stau. Unsere Fahrer werden pro Stunde bezahlt. Jede Stunde Stau kostet uns Geld. Und wir können kaum noch Zusagen über Eintreffzeiten machen. Wann wir von Meppen aus in München sind, kann ich dem Kunden nicht genau sagen.

Woher soll das Geld kommen?

Ich habe kein Problem damit, Maut zu bezahlen. Ich finde es richtig, dass ich für die benutzte Infrastruktur auch bezahle. Aber das Geld muss dann auch richtig verwendet werden. Ich habe nichts davon, wenn damit Schienen gekauft werden. Das darf nicht, wie etwa die Kfz-Steuer, in den allgemeinen Topf gehen.
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SCHIFFFAHRT

Cordula Radtke leitet den Geschäftsbereich Binnenschifffahrt bei der Bremer Acos Group – einem inhabergeführten Logistik-Dienstleister.

Profitiert die Binnenschifffahrt von schlechten Straßen und unzuverlässigen Zügen?

Leider nicht so, wie es sein könnte. Obwohl die Politik sagt, dass Transporte von der Straße aufs Wasser verlagert werden sollen. Aber in Wasserstraßen wird sehr wenig investiert. Das macht eine spürbare Verlagerung unmöglich. Der aktuelle Streik von Schleusenmitarbeitern lässt uns noch mehr Anteile verlieren.

Wo fehlen die Investitionen denn?

Wir fahren Container per Binnenschiff von den Häfen Bremen und Bremerhaven nach Minden, Hannover, Ladbergen und Braunschweig. Bis Ende 2014 werden dort für über 200 Millionen Euro zwei Schleusen neu gebaut. Das ist sehr löblich, hilft aber leider kaum. Weil für den Ausbau der restlichen Strecke Investitionen fehlen. Für große Schiffe wären Uferrückverlegungen und Brückenarbeiten notwendig.

Warum nehmen Sie dann nicht kleine Schiffe?

Die Stückkosten können wir nur mit größeren ­Einheiten senken und so annähernd mit Lkws und Bahn konkurrieren. Ein Lkw braucht für die Strecke Bremerhaven–Minden drei bis vier Stunden. Binnenschiffe im Moment 24 Stunden.
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INTERNET

Werner Schmitz führt Metallbau Schmitz aus Hellenthal in der Eifel in der sechsten Generation. Er hat zwölf Mitarbeiter.

Wie steht es um Ihre Internetverbindung?

Wir haben ein sehr schlechtes Netz. Zeichnungen kann ich nur bis zu einer Größe von 3 MB verschicken. Und selbst das dauert meist 30 Minuten. Ich kann dann nicht am Telefon darauf warten, sondern muss den Kunden zurückrufen. Und mein E-Mail-Programm ist in der Zeit auch lahmgelegt.

Wie oft passiert Ihnen das?

Täglich so vier- bis fünfmal. Im Moment warte ich auf Zeichnungen. Die sind im DIN-A0-Format. Trotz Komprimierung kommen die nicht durch. Mein Kunde bekommt immer eine Fehlermeldung, wenn er mir die Pläne schicken will.

Sind nur Sie betroffen?

Nein, alle bei uns im Ortsteil.

Und tut sich was?

Mittlerweile ja. Aber wenn wir uns nicht selbst kümmern, dann passiert hier nie was. Wir liegen recht nah an der Grenze zu Belgien, genau an der Grenze von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Drüben haben die super Internet. Zum Anschluss fehlen uns drei Kilometer. Das ist alles.

 

cover_09 Aus dem impulse-Magazin 09/2013
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2 Kommentare
  • Stephan Wolf 9. Oktober 2013 08:25

    Ja, es ist erschreckend, wie weit technologisch Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern zurückgefallen ist.
    Von den Politikern der etablierten Parteien wird uns suggeriert, wir wären ein reiches Land. Die Infrasruktur in unserem Land beweist aber das Gegenteil.
    Hier in Unterfranken gibt es nach wie vor Gemeinden, die mit 384 kBit/s Festnetz-Internet haben, die Alternativen über Funk sind überteuert. Handys funktionieren in der Wohnung nicht. Man muß zum Telefonieren ans Fenster gehen oder sogar vor das Haus. Die Sender sind in so weitem Abstand aufgestellt, daß die Sendeleistung nicht ausreicht, um eine dem Stand der Technik ausreichende Versorgung zu ermöglichen.
    Die A3 zwischen Nürnberg und Würzburg, eine der Hauptverkersadern in der Republik ist nach wie vor nicht dreispurig ausgebaut. Staus und zähfließender Verkehr sind an der Tagesordnung.
    Selbst am bereits ausgebauten Stück zwischen Würzburg-Kist und Biebelried wird schon wieder auf Grund desolater Brücken ausgebessert. Stehender Verkehr sind die Folge. 1,5 Stunden sind da keine Seltenheit für diese Strecke.

    Wir nivellieren uns immer weiter nach unten.

  • Infrastruktur 9. Oktober 2013 08:15

    Unsere Regierung ist wirklich komplett verblödet. Jeder Blick in die (Wirtschafts-)Geschichte zeigt, daß eine gute Infrastruktur Basis für wirtschaftlichen Fortschritt ist. Beispiele sind Stadtstaaten mit Naturhäfen + Flüssen ins Hinterland vor Jahrtausenden, der Reichtum des Römischen Reiches vor ca. 2000 Jahren, der Aufstieg der Wikinger vor 1000 Jahren oder eben die Bundesrepublik Deutschland. Das blödsinnige Gerede der Politiker von der Unterfinanzierung der Infrastruktur oder der gesetzlich nicht zulässigen Zweckbindung von Steuern ist unerträglich. Alternativ wäre es doch möglich, Mineralöl-, KfZ- und Tabaksteuer, selbstverständlich ohne Zweckbindung, aber der Summe nach, in die Infrastruktur zu investieren. Das gäbe mit Sicherheit positive Effekte. Zur Gegenfinanzierung einfach auf Griechenland- Zypern- und Sonstwohilfe verzichten. Erstmal das eigene Haus in Ordung bringen, dann die Welt retten.

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