Management Wie Schiesser den Turnaround dank neuer Feinripp-Formel schaffte

Trotz erfolgreicher Restrukturierung konnte Schiesser 2009 die Anschlussfinanzierung nicht sicherstellen. Der Unterwäsche-Hersteller steht vor der Insolvenz, als Rudolf Bündgen die Führung übernimmt. Mit seiner Sanierungsstrategie schafften es Schiessers Feinripphemden zurück in die Modemagazine.

Eigentlich schien das Schlimmste überstanden. Dann kam die Pleite doch. „Die Restrukturierung war gelaufen, aber das sah man noch nicht an den Zahlen“, erinnert sich Vorstandschef Rudolf Bündgen, der in den 90er-Jahren als Vertriebsleiter dort angefangen hatte, kurz für S. Oliver arbeitete und dann zu Schiesser zurückkehrte. Er übernahm die Führung, als längst niemand mehr von außen für den Posten zu gewinnen war.

Schiesser drohte gemeinsam mit dem Fachhandel unterzugehen. Die Produktion für Edelmarken wie Hugo Boss oder Tommy Hilfiger löste die Probleme nicht im Ansatz. Die Lizenzverträge brachten Verluste und erhöhten die Komplexität im Unternehmen so sehr, dass nichts mehr lief. „Ein ganzes Jahr lang konnten wir ein Viertel der Aufträge, die wir in den Büchern hatten, nicht erfüllen“, sagt Bündgen. Schließlich wurde das „etwas exotische Konsortium aus Banken“ nervös. Ende, Aus, Neustart. Das war 2009.

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„Nach Monaten schlafloser Nächte fand ich plötzlich wieder Ruhe“, sagt Bündgen. Jetzt kam das Geld für die Angestellten von der Arbeitsagentur. Der eingesetzte Insolvenzverwalter unterstützte Bündgens Sanierungsstrategie. Erst kam das Schrumpfen: Von mehr als 3000 Mitarbeitern blieben deutlich unter 2000 übrig. Die eigene Produktion hielt Schiesser trotzdem in Deutschland. „Damals schimpften alle, heute wird das als Weitsichtigkeit bewertet“, sagt Bündgen. China sei längst nicht mehr so billig, wie es einmal war. Und der Transport dauert vier Monate mit dem Containerschiff.

Parallel verpasste Bündgen der Marke eine Modernisierung: ein neues Logo, neue Läden, coole Werbevideos und passend zum Retrotrend in der Mode eine Neuauflage alter Klassiker. „Wir sind damit in jeder ‚Vogue‘-Ausgabe“, sagt Bündgen. Kurze Zeit plante sogar Wolfgang Joop einen Einstieg als Investor – bis er Probleme mit seiner eigenen Marke Wunderkind bekam und sich zurückzog.

Im Geschäftsjahr 2011 setzte Schiesser 132 Mio. Euro um und erwirtschaftete einen ordentlichen Gewinn: knapp 12 Mio. Euro. Ein Börsengang wurde geplant – und dann doch noch gekippt. Die guten Zahlen überzeugten einen Investor, der langfristig interessiert ist: Schiesser gehört jetzt zum israelischen Textilkonzern Delta Galil. Dieser ist so sehr von dem deutschen Traditionshersteller überzeugt, dass der Kaufpreis ausreichte, um die Gläubiger vollständig auszubezahlen.

 

 

imp_201212_zoomAus dem impulse-Magazin 12/2012
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