Management Wie Sie den richtigen Business Angel finden

Wer eine Geschäftsidee, aber kein Geld hat, holt reiche Privatinvestoren in die Firma. Die bringen Kapital, Know-how und gute Kontakte - wenn's denn die richtigen sind.

Der Weg zu Deutschlands vielleicht jüngsten Multimillionären führt, wie üblich in Berlin, über einen Hinterhof. Im Zwischengeschoss einer ehemaligen Backfabrik in Prenzlauer Berg sitzen Fabian, 29, und Ferry Heilemann, 25, vor ihren Computern. Kein Einzelbüro, keine Tür, kein Statussymbol. Die Millionäre mitten unter ihren Mitarbeitern, die unten auf einer kahlen Fabriketage in langen, engen Reihen sitzen. Ende des 19. Jahrhunderts versorgten die Gebrüder Aschinger von hier aus die Berliner Eckkneipen mit Erbsensuppe und Schrippen, heute verteilen die Heilemanns mit der Firma Dailydeal von hier aus Rabattgutscheine in ganz Deutschland – und bald wohl auch im Rest der Welt. Ermöglicht wird die Expansion von Google. Der Internetmulti kaufte die Firma im September 2011 für 114 Mio. Dollar.

Und machte so die Dailydeal-Gründer reich. Die Heilemann-Brüder arbeiten zwar weiter als angestellte Manager bei dem Gutscheinportal. Doch ihren Anteil am Verkauf der Firma – rund 20 Mio. Euro – stecken sie nun in andere Unternehmen. Mit ihrer Wagniskapitalfirma Heilemann Ventures steigen sie bei Erfolg versprechenden Startups ein. Als Business-Angels.

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Meist sind das erfolgreiche Unternehmer, die sich mit Teilen ihres Vermögens an frisch gegründeten Firmen beteiligen, die kaum mehr bieten als eine spannende Idee. Die Riege dieser Investoren reicht von Heiner Kamps, Gründer der Bäckerreikette, über Joachim Schoss, der die Scout-Gruppe aufgebaut hat, bis hin zu Stephan Uhrenbacher, der mit Qype, 9flats und Avocado Store mehrfach bewies, dass er Firmen von null aufbauen kann.

Das Problem: Es gibt in Deutschland zu wenige der finanzstarken Gründungshelfer. Laut einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) aus dem Jahr 2010 investieren hierzulande rund 5000 Angels jährlich zwischen 200 und 300 Mio. Euro in junge Unternehmen. In den USA dagegen gibt es etwa 200.000 Business-Angels, die Startups mit rund 25 Mrd. Dollar pro Jahr finanzieren.

Mehr als nur Geldgeber

Im Idealfall sind Business-Angels mehr als nur Geldgeber: echte Starthelfer. Das zeigt das Beispiel der Heilemanns. Denn die Brüder verstehen nicht nur etwas davon, wie man eine gute Idee zum geschäftlichen Erfolg macht. Sie wissen auch sehr genau, wie Business-Angels arbeiten und für welche Gründer sie überhaupt infrage kommen. Auch die Heilemanns selbst waren zu Beginn auf das Kapital himmlischer Helfer angewiesen.

Zu der Gruppe von Investoren, die Dailydeal möglich machten, gehören Stefan Glänzer und Klaus Hommels. Glänzer ist ein Internetpionier, der sich als Mitgründer von Unternehmen wie Ricardo.de und Investor bei Last.fm einen Namen machte und heute in London mit eigener Startup-Aufzucht, einem sogenannten Inkubator, Firmen in Serie gründet. Hommels hat eine Spürnase für Erfolg versprechende Geschäftsmodelle, was er mit Investments in Unternehmen wie Skype und OpenBC, dem Vorläufer von Xing, bewiesen hat.

Eines sollte jedem Gründer aber klar sein: Die privaten Geldgeber sind keine selbstlosen Helfer, sondern Investoren, die ihr Geld ordentlich verzinst zurückkriegen wollen – nach einem Jahr oder nach ein paar Jahren, die Zeitspanne wird individuell ausgehandelt. Schließlich gehen die Business-Angels große Risiken ein; Totalverluste bei einzelnen Beteiligungen gehören zum Geschäft. Jedes zweite Gründerunternehmen, so die Faustregel, legt einen Fehlstart hin, dann ist das Geld futsch. Deshalb können Privatinvestoren auch gewaltig Druck machen, wenn die Gründer nicht so richtig aus dem Quark kommen. Das dürfen sie auch, das ist der Deal.

Selbst erfolgreiche Gründer wie Fabian Heilemann plagte die Furcht vor den Launen der Geldgeber. „Wenn morgen der Investor abspringt, stehen wir übermorgen beim Amtsgericht“, sorgte er sich des Öfteren auf dem Weg zum Millionenverkauf. Verfehlt das Team die anvisierten Meilensteine, kann rasch die Tonlage wechseln in dieser symbiotischen Beziehung. „Manche Business-Angels kriegen schon Schnappatmung, wenn die Zahlen mal drei Wochen lang schlecht sind“, sagt Heilemann. Privatinvestoren sind eben keine Kreditgeber, keine stillen Teilhaber, sondern Miteigentümer, die je nach Typ und Investitionssumme mal mehr, mal weniger aktiv ins Management eingreifen. Gründer sollten sich daher sehr genau aussuchen, wen sie sich ins Haus holen. Beide Seiten müssen sich vertrauen.

Nur: Wie finden Unternehmer eine solche Vertrauensperson? Heilemann, ganz der systematisch arbeitende Jurist, erstellte penibel eine Rangliste der besten Business-Angels. Er trug deren bisherige Deals zusammen und die Einschätzungen von Gründern, die mit ihnen zusammengearbeitet hatten. So stand am Ende Stefan Glänzer ganz oben. „Andere Investoren nutzen Gründer aus, nehmen zu viele Anteile und brechen Absprachen. Das entspricht nicht unserer Ethik“, sagt Heilemann.

Die Suche nach dem richtigen Engel

Den Partner seiner Wahl zu überzeugen fiel Heilemann nicht schwer. Stefan Glänzer schwärmt noch heute vom ersten Treffen mit ihm: „Das war eine außergewöhnliche Präsentation, zwölf Seiten, 20 Minuten, auf den Punkt und mit einer Leidenschaft vorgetragen, die mich beeindruckt hat.“

Wo die Engel landen
Bei Startup-Konferenzen und Businessplan-Wettbewerben können Gründer passende Geldgeber kennenlernen
Idealab Schon seit elf Jahren organisieren die Studenten der privaten Hochschule WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar eines der hochkarätigsten Treffen junger Entrepreneure und Kapitalgeber. An zwei Tagen suchen hier Branchengrößen wie die Samwer-Brüder vom European Founders Fund nach frischen Ideen. Die Gründer von Dailydeal fanden bei dieser Konferenz ihre ersten Investoren. Das Thema des diesjährigen Treffens am 12. und 13. Oktober lautet „Wild Wild Ventures“. Verrückte Ideen sind hier also durchaus willkommen. www.idea-lab.org
Startup-Bootcamp Von Skandinavien aus bahnte sich das Konzept dieses Inkubators den Weg nach Europa. Ausgewählte Teams erhalten 15.000 Euro Startkapital und in Metropolen wie Berlin, Amsterdam, London, Dublin oder Madrid einen Arbeitsplatz für sechs Monate und Kontakte zu namhaften Mentoren. www.startupbootcamp.org
Businessplan- Wettbewerbe Viele Universitäten und Gründerinitiativen bieten Hilfe beim Aufbau eines Unternehmens an, etwa bei Businessplan-Wettbewerben. Bei diesen Veranstaltungen lässt sich nicht nur Geld gewinnen, Gründer können auch Kontakte zu Investoren knüpfen, etwa beim Dortmunder Wettbewerb Start2grow, dem Kölner Wettbewerb NUK oder dem Wettbewerb Futuresax. www.start2grow.de, www.neuesunternehmertum.de, www.futuresax.de

Grundsätzlich achten Geldgeber vor allem darauf, ob das Gründerteam und seine Idee sich ergänzen. Je mehr Ausbildung und berufliche Erfahrung zum Geschäftskonzept und zur Branche passen, desto besser. Heilemann etwa erwarb Expertise im E-Commerce beim Schuhhändler Zalando. Glänzer spürte, dass die beiden das hinkriegen könnten.

Heute hätten es gute Teams wie das Dailydeal-Duo einfach, sich Geld zu besorgen, sagt er: „Die Business-Angels, die ich 1997 zur Finanzierung von Ricardo.de ansprach, waren keine Branchenexperten, sondern einfach nur reiche Leute, die viel Geld aus Immobiliendeals übrig hatten. Heute gibt es viel mehr Qualität auf beiden Seiten.“

Für dieses Mehr an Qualität steht auch Glänzers Zögling Heilemann. Der ist sehr auf seinen guten Ruf als Gründer und Business-Angel bedacht: „Ich bin 29 Jahre alt, ich will das noch ein paar Jahre lang machen. Bei der Auswahl seiner Beteiligungen hat er wie die meisten Investoren einen klaren Schwerpunkt. „Crossborder“ sollen die Geschäftsmodelle sein, also mit europaweitem Ansatz. „Wir sind gut darin, Hyperthemen schnell zu executen“, sagt Heilemann im typischen Business-Denglisch der Branche. Zum Beispiel Justbook, eine App für Last-Minute-Hotelbuchungen.

Gründer sollten sich unbedingt vorab über den Investitionsfokus der Angels informieren, um nicht schon beim Erstkontakt in der Szene als ahnungslose Dilettanten gebrandmarkt zu werden. Der lässt sich in der Regel auf deren Homepages nachlesen.

Entscheidend ist zudem, wie viel die Geldgeber investieren können. Heilemann will fünf bis sieben Teams bis zu 100.000 Euro geben. Glänzer denkt da schon in größeren Kategorien. Er bevorzugt digitale, disruptive Konzepte, also Ideen, die bestehende Technologien verdrängen können und das Potenzial haben, einen weltweiten Markt zu erschließen. Gefällt ihm eine Idee, steckt er schon in der ersten Finanzierungsrunde zwischen 50.000 und 200.000 Euro in die jungen Unternehmen.

Weitere Tipps finden Sie in unserem Artikel „Investorensuche: Wie kann ich Investoren finden?“

Netzwerk vermittelt Kontakte

Gründer, die es angesichts solcher Summen juckt, sofort ihre Präsentation nach London zu schicken, sollten diesen Impuls besser unterdrücken. Geldgeber wie Glänzer direkt zu kontaktieren ist ziemlich sinnlos. „Ich bekomme pro Quartal rund 400 Anfragen, da bleiben für jeden Businessplan kaum 30 Sekunden“, sagt er. Besser ist es, vorab einen Investor zu überzeugen, der ihn kennt und weiterempfiehlt.

Wer keine Kontakte in die Szene hat, wendet sich am besten an das Business Angels Netzwerk Deutschland (BAND). Dessen Mitglieder investieren üblicherweise Summen zwischen 50.000 Euro und 1 Mio. Euro und erwarten dafür ein ordentlich ausgefülltes Formular, das natürlich nicht Einseiter, sondern One-Pager heißt. So werden Gründer gezwungen, ihre Geschäftsidee in einem Satz zu formulieren sowie knappe Angaben zum Produkt, zu Kunden und natürlich ihrem Finanzierungsbedarf zu machen. Erfolg versprechende Teams lädt BAND zur persönlichen Vorstellung ein und reicht ihre Bewerbung dann an Angels aus dem Netzwerk weiter.

Klingt ziemlich verschult? Ist es auch, wie Tobias Modjesch, Mitgründer von Youcook, weiß. Der 30-jährige Ex-Berater der Boston Consulting Group fand so zwei Geldgeber, die seine Idee eines vorgefertigten Schnellgerichts zum Selbstkochen finanzieren. „Das macht Arbeit, und es dauert Monate, bis der Deal perfekt ist.“ Dennoch der richtige Weg, um einen sechsstelligen Betrag für die Entwicklung der Gerichte und ihrer Verpackung sowie das Marketing zu bekommen. Modjesch steckte im typischen Dilemma vieler Gründer: „Der KfW-Startkredit kam nicht infrage, weil die Sicherheiten wie ein Haus verlangen. Für die Wagniskapitalfinanzierer wiederum waren wir zu mickrig, außerdem konnten wir kaum Umsatz vorweisen.“

Gründerkollege Ove Schimmer ist da schon ein gutes Stück weiter. Der Kieler hat mit seinem Team ein Hochfrequenzmessgerät gebaut, mit dem sich unter anderem die Qualität von Fischen ermitteln lässt. Sein 2007 gegründetes Unternehmen Sequid hatte schon 800.000 Euro vom High-Tech Gründerfonds erhalten, doch weil die Kunden aus der Lebensmittelindustrie nicht so richtig anbissen, brauchte Schimmer weitere 300.000 Euro, um den Vertrieb mit einer neuen Käufergruppe anzukurbeln, etwa aus Forschungsinstituten. Das Geld und die Idee, diesen Markt anzugehen, brachte Business-Angel Frank Arnold mit.

Der Luft- und Raumfahrtingenieur verkaufte mit seinen Partnern vor vier Jahren seinen Airbus-Zulieferbetrieb für eine zweistellige Millionensumme. Seitdem investiert er zehn Prozent seines Vermögens in Startups, „deren Gesellschafterstrukturen noch nicht versaut sind“, sagt er. „Am liebsten geh ich als Erster rein.“ Der erfahrene Unternehmer weiß: Je mehr Anteilseigner, desto schwieriger wird der Ausstieg aus dem Unternehmen. Und weil er schon selbst eins aufgebaut hat, findet er auch die richtige Mischung aus Distanz und Nähe zu Sequid-Chef Schimmer. „Man sollte nicht als Schattenregierung auftreten und gewisse Grenzen respektieren.“ Welche denn? „Als Minderheitsgesellschafter sollte man keine unternehmerischen Entscheidungen treffen.“

Schimmer jedenfalls ist sehr zufrieden mit seinem Geldgeber, auch wenn der manchmal ein wenig unangenehm werden kann. „Da kommt schon mal eine Mail in einem etwas unerwartet rauen Ton, etwa: Warum habt ihr das Vertriebskonzept noch nicht fertiggestellt? Aber das ist okay, am Ende ist man ja sowieso aufeinander angewiesen.“

Drei Engelstypen für ein Halleluja
Drum prüfe, wer sich wegen Geld verbündet. Der Unternehmensaufbau mit einem Business-Angel funktioniert nur, wenn Gründer und Geldgeber im Gleichklang ticken. Hier die drei wichtigsten Kategorien der Privatinvestoren
Die lässigen Alten Dieser Typus des Business-Angels ist meist zwischen 50 und 70 Jahre alt und hat als Unternehmer oder angestellter Konzernmanager viele Millionen an Vermögen angehäuft. Nun leistet er sich den Luxus, einen Teil seines Geldes als Hochrisikoinvestment jungen Gründern zuzustecken, gern auch in Branchen, die er selbst nicht kennt – in der Hoffnung, durch geschickte Auswahl und ein wenig eigenes Zutun einen goldenen Deal zu machen. Als Geldgeber sind Senioren wie Friedrich Georg Hoepfner (Hoepfner Bräu) attraktiv, weil sie keinen Druck verspüren, ihr Geld möglichst schnell zurückzubekommen. Selbst wenn es schiefgeht, bleiben sie meistens entspannt. Sie wissen: Das kann passieren.
Die mittelalten Techies Diese Business-Angels sind mit dem Internet groß geworden, haben meist selbst ein Unternehmen in dieser Branche gegründet – und sich beim Verkauf ihrer Firma oder beim Börsengang für den Rest ihres Lebens ein sattes Finanzpolster verschafft. Zum Kreis dieser Investoren zählen Leute wie Blau.de-Mitgründer Dirk Freise (Shortcut Ventures). Weil sie sich im Geschäft auskennen und gute Kontakte haben, können sie ein Startup wirklich voranbringen. Und weil sie in der Regel über ein beträchtliches Vermögen verfügen, sind sie grundsätzlich sehr relaxt. Sie können aber auch sehr fordernd sein, denn sie wissen aus dem Aufbau des eigenen Unternehmens, welches Wachstumstempo möglich ist.
Die jungen Neumillionäre Die zahlenmäßig kleinste Gruppe der Business-Angels hat bewiesen, dass es wieder möglich ist, ein Unternehmen in kürzester Zeit aufzubauen und für ein Vielfaches weiterzuverkaufen. Investoren wie der Myphotobook-Gründer Marek Bärlein verfügen zwar nicht über die Millionensummen der arrivierten Business-Angels, stecken daher mal hier, mal da 50.000 Euro in ein Startup, vorzugsweise mit einem internetbasierten Geschäftsmodell. Als Geldgeber sind sie sehr hilfreich, weil sie wissen, welche Geschäftsmodelle im Zeitalter von Facebook funktionieren. Andererseits greifen sie gern direkt ins Management ein, weil sie weiter im Highspeed-Modus der eigenen Unternehmensgründung ticken.
Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 05/2012.

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