Management Wie Unternehmer mit Diktatoren umgehen

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Verlockendes Projekt: Die Konzerthalle in Baku

Verlockendes Projekt: Die Konzerthalle in Baku

Auf der Suche nach dem Wachstum der Zukunft drängen die Exportchampions in aufstrebende Schwellenländer. Das Dilemma: Hohe Renditen winken oft ausgerechnet in autoritären Staaten. Darf man dort Geschäfte machen?

Der Anruf aus Aserbaidschan ließ nicht lange auf sich warten. Der Auftrag: Bau einer gigantischen Konzerthalle in Baku, der Hauptstadt des Landes. In Rekordzeit sollte es losgehen. Ein Riesengeschäft aus heiterem Himmel, eines, das man kaum ausschlagen konnte.

Die Vorgeschichte des Traumauftrags hatte sich kurz zuvor in Düsseldorf abgespielt. Dort gewann im Mai 2011 das aserbaidschanische Gesangsduo Ell & Nikki völlig überraschend den Eurovision Song Contest. Da das nächste Finale des Musikwettbewerbs traditionell im Land des Siegers stattfindet, bedeutete das: Im Frühjahr 2012 würde Aserbaidschan Gastgeber sein.

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Wenig Zeit

Die Zeit drängte also. Die Regierung wollte die besten Architekten und Ingenieure verpflichten, die für Geld zu haben waren. Und da deutsche Ingenieurkunst in Aserbaidschan hoch im Kurs steht, war der Bauherr auch bereit, tief in den Staatssäckel zu greifen.

Die Versuchung war zu groß. Drei Mittelständler machten sich ans Werk: die Alpine Bau Deutschland als Generalauftragnehmer sowie die europäischen Partnerfirmen Nüssli und GMP International. Die Stadt ließ Wohnviertel räumen. Hunderte Arbeiter stampften in acht Monaten die Baku Crystal Hall aus dem Boden. Dann erleuchteten 80.000 in der Fassade installierte LED-Lampen die Stadt – sehr zum Gefallen von Ilham Alijew, dem mit harter Hand regierenden Präsidenten des Landes. Der Autokrat unterdrückt die Opposition, seine Re­gie­rung verletzt regelmäßig die Menschenrechte der Bürger. Jetzt hatte sich diese Regierung ein Denkmal bauen lassen.

Unangenehme Gemeinsamkeiten

Aserbaidschan, das ist eines jener aufstrebenden Schwellenländer, die schnell wachsen, über Bodenschätze im Überfluss verfügen und in denen „Made in Germany“ hohes Ansehen genießt. Ein verlockender Markt, der gerade exportstarke Mittelständler reizt. Er ähnelt damit dem zahlreicher Länder, die impulse in den vergangenen zwölf Monaten für die Serie „Neue Märkte 2020“ besucht und vorgestellt hat. Eine weitere Gemeinsamkeit mit Staaten wie Angola, Kasachstan und Saudi-Arabien: Die politischen Zustände schrecken ab. Keine Demokratie, kaum Bürgerrechte, Willkür und staatliche Gewalt prägen ausgerechnet viele jener Länder, die wirtschaftlich besonders verlockend sind.

Darf man dort Geschäfte machen? Machen sich Unternehmer nicht mitschuldig, wenn sie sich auf Deals mit Diktatoren einlassen? Oder sind diese Fragen weltfremd, weil das westliche Idealbild von Freiheit und Demokratie anderswo kaum anzutreffen ist? Weil Firmen sowieso keine andere Wahl haben, als dort Geschäfte zu machen, wo ihre Dienste gefragt sind? Schließlich geht es, wie in 99 Prozent aller Fälle, nicht um Panzer oder Haubitzen.

Es sind Fragen, die sich nicht pauschal mit Ja oder Nein beantworten lassen; zu unterschiedlich sind Länder und Branchen. Dahinter verbirgt sich zudem mehr als eine Grundsatzfrage. Es geht um Gewissensentscheidungen, die nicht im Wirtschaftsstudium gelehrt werden.

Bewusster Schritt gegen Kinderarbeit und Hungerlöhne

Wer sich, oft aus guten Gründen, für ein Schwellenland als Produktionsstandort entscheidet, muss noch lange keine Kinderarbeit akzeptieren, Hungerlöhne zahlen, den Brandschutz vernachlässigen, wie jüngst wieder in Bangladesch, oder die Umwelt verschmutzen. Jeder ist für die Standards, die er ansetzt, selbst verantwortlich. „Es kann Unternehmern nicht nur darum gehen, so viel Gewinn wie möglich einzufahren“, sagt der Wirtschaftsethiker Matthias Fifka von der Cologne Business School. Sein Kollege Christoph Lütge von der Technischen Universität München sagt: „Unternehmen haben die Macht, etwas zu verändern.“ Ob es auch ihre Pflicht sei, das müsse jeder Unternehmer für sich selbst entscheiden.

Wie es um ihr Gewissen steht, darüber schwingen Unternehmer vor allem Sonntagsreden. Wird es konkret, schweigen die meisten. Selbst ein Sprecher der Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg will kontrollieren, welche seiner Zitate in den Artikel dürfen. Zu groß ist die Sorge, das Bild vom verantwortungsbewussten Mittelstand zu beschädigen, der anders ist als die bösen Konzerne. Nur wenige Unternehmer haben die Größe, darüber zu sprechen, dass ihr Expansionsdrang sie zu moralischen Fehltritten verleitet hat.

Falsche Entscheidung

Eine dieser Ausnahmen ist Manfred Maus. Der Gründer der Baumarktkette Obi erzählt offen, wie er die ersten Filialen in einem boomenden Schwellenland eröffnete, obwohl ihn seine Berater gewarnt hatten (impulse 12/2012). Kurz vor Eröffnung des ersten Baumarkts wurde eine wichtige Genehmigung entzogen mit den Worten: „Entweder ihr zahlt, oder der Laden wird nicht eröffnet!“ Maus zahlte und bereute es bitter. „Gerade wenn man unter Druck gerät, ist es wichtig, sich an die eigenen Wertegrundsätze zu halten. Das widersprach all dem, was mir wichtig ist. So etwas tut man nicht.“ Viele bestechen trotzdem, um ins Geschäft zu kommen.

Doch Korruption kommt selten ans Licht. Andere ethische Fehltritte lassen sich nicht so leicht vertuschen. So ist einer der größten Skandale eines deutschen Familienunternehmens im Ausland gut dokumentiert. Es ist eine Episode aus dem Jahr 2009, sie spielt im Iran und sagt viel aus über das fragwürdige Geschäftsgebaren einer Unternehmerfamilie, die mit Baustoffen ein Vermögen gemacht hat.

Es war der Sommer der Hoffnung im Iran, als die „grüne Revolution“ Millionen von Menschen auf die Straße brachte, wo sie vor und nach den Präsidentschaftswahlen gegen das Mullahregime protestierten, das Menschen- und Bürgerrechte mit Füßen tritt. Besonders Frauen und Jugendliche setzten sich für mehr Freiheit und faire Wahlen ein. Was unternimmt ein deutsches Unternehmen mit Produktion im Iran in dieser Situation wohl?

Wer demonstriert, verliert seinen Job

Isabel Knauf, Mitglied der Geschäftsführung bei Knauf Gips und zuständig für den Mittleren Osten, jedenfalls unterzeichnete persönlich das Schreiben, mit dem allen Mitarbeitern unmissverständlich klargemacht wurde: „Wir befürworten keine Handlungen gegen die aktuelle Regierung.“ Wörtlich schrieb sie weiter: „Ab sofort wird jeder Mitarbeiter, der bei Demonstrationen gegen die Regierung ertappt wird, sofort entlassen.“ Das Demoverbot wollte Knauf offenbar aus Sorge vor geschäftlichen Einbußen durchsetzen. So heißt es in dem Brief an die Mitarbeiter zur Begründung: „Ihr Verhalten könnte negativ auf Knauf zurückfallen.“

Nachdem der Fall bekannt wurde, sah sich Knauf einer empörten Öffentlichkeit und einem offenen Rüffel der Bundesregierung gegenüber. Vorstand Manfred Grundke bezeichnete den Brief daraufhin als „unglücklich formuliert“ und zog die Drohung gegen die Mitarbeiter zurück. „So ein klarer Fall von moralischem Fehlverhalten ist wirklich selten“, sagt Wirtschaftsethiker Lütge. „Meist ist es viel komplizierter. Bei Korruption etwa gibt es sehr viele Grauzonen. Aber eines sollte für uns alle gelten: Bestimmte Werte, und dazu zählt unbedingt die Meinungsfreiheit, sind unantastbar. Da dürfen wir nicht zurückstecken.“

Lieber verzichten

Auch wenn das bedeutet, in bestimmten Ländern auf ein gutes Geschäft zu verzichten? Ja, sagt Andreas Perrot, der gemeinsam mit seinen beiden Brüdern die gleichnamige Turmuhrenfabrik leitet. Obwohl der Weltmarkt für Turmuhren sehr überschaubar und jeder Auftrag kostbar ist, gilt bei Perrot ohne Ausnahme: „Wo keine saubere Freigabe vom Auswärtigen Amt ist, wird kein Geschäft gemacht.“ Große Einbußen muss Perrot durch diese Selbstverpflichtung gar nicht erleiden. Kürzlich erst haben die Brüder die größte Turmuhr der Welt geliefert – nach Mekka. „Zu den Geschäftspartnern in Saudi-Arabien haben wir eine Vertrauensbeziehung, die wir in Europa nicht mehr haben. Ein Handschlag reicht erst mal, man hält sich daran. Was ausgemacht ist, ist ausgemacht. Mit Korruption wurden wir nie konfrontiert.“

Wirklich wählerisch bei der Auswahl seiner Auslandsmärkte kann auch der Vorstandschef von Utsch, Helmut Jungbluth, nicht sein. Zumindest nicht, wenn er das Familienunternehmen auf Wachstumskurs halten will. Utsch entwickelt und produziert Kfz-Kennzeichen. Wer in solch einer Nische unterwegs ist, muss überall präsent sein, sonst lohnt es sich nicht.

„Lange bevor die Globalisierung zum Begriff wurde, war sie für Utsch Tagesgeschäft“, heißt es in der Firmenchronik. 120 Länder stehen auf der Lieferliste. Das heißt aber nicht, dass der Firmenchef alles mitmachen würde, nur um Weltmarktführer zu bleiben. „Wir legen überall großen Wert auf unsere Compliance-Regeln. Die gelten ohne Ausnahme für jede einzelne Tochterfirma. Daraus sind uns noch nie Nachteile entstanden.“ Freilich wird Jungbluth manchmal von den Entwicklungen in der Welt überholt. Nach Venezuela, wo Präsident Chávez nach Gutdünken regiert, würde er heute nicht mehr gehen. Ansonsten genügen Jungbluth die Sanktionslisten von EU und Uno zur Orientierung. So würde er im Iran und im Sudan zurzeit keine Geschäftsbeziehungen eingehen.

Solche Listen können allenfalls der groben Orientierung dienen, sagt Ethikforscher Andreas Suchanek von der Handelshochschule Leipzig (HHL). „Es gibt keine grundlegende Regel, ob es gut ist, mit bestimmten Ländern Handel zu treiben. Das muss man nach Branche, Land und Produkt entscheiden.“ Wer auf einen Leitfaden für moralisch saubere Aus­lands­inves­ti­tio­nen hoffe, mache es sich zu einfach.

Das liegt auch daran, dass eine Grundsatzdebatte noch längst keinen Sieger hervorgebracht hat: Zementieren ausländische Firmen mit ihren Aktivitäten die Zustände in einem Land, indem sie ein undemokratisches Regime unter anderem mit ihren Steuern stützen? Oder stimmt eher die These vom Wandel durch Handel? Führt wirtschaftlicher Austausch auch zu politischen Fortschritten? Eine Position, die auch die Bundesregierung offen vertritt.

Legal, aber nicht rechtens

Als die Kanzlerin auf ihrer Afrikareise in den boomenden Staaten Angola und Nigeria Sta­tion machte, erklärte ihr Außenminister das Kalkül der Regierung: „Wenn wir klug sind und unseren Wohlstand zu Hause in Deutschland auch nicht verlieren wollen, müssen wir rechtzeitig Partnerschaften mit den neuen Kraftzentren der Welt begründen“, sagte Guido Westerwelle. „Die Welt entwickelt eine neue globale Architektur mit neuen Kraftzentren. Wir haben ja in unserer eigenen Geschichte erlebt, dass auch durch einen Handel ein Wandel betrieben werden kann, eben in Richtung Aufklärung und freiheitlicher Gesellschaften.“

Als jüngsten Erfolg verbuchen Anhänger dieser These die Öffnung Myanmars gegenüber dem Westen, verbunden mit Wahlen und der zaghaften Einführung von Meinungsfreiheit. Das Regime will sich offenbar nicht länger abkapseln von der Wirtschaftsentwicklung in der Region, die in den Nachbarländern bereits zu neuem Wohlstand führt.

Doch wie bleibt man als Unternehmer sauber in einem Land mit zweifelhaftem Ruf? „Früher hieß es, man müsse sich an die Gesetze des Gastlandes halten, dann sei man auf der sicheren Seite“, sagt Wirtschaftsethiker Lütge. „Heute reicht das längst nicht mehr.“ Kinderarbeit und Lohndumping sind in vielen Staaten legal. „Rechtens ist es deshalb nicht.“

Was es braucht, um ethisch zu handeln, verbirgt sich hinter dem sperrigen Wort Wertemanagement. „Im Zuge der Globalisierung hat sich viel getan in den letzten Jahren“, sagt Suchanek von der HHL. Spätestens nach dem Siemens-Korruptionsskandal ist viel von Compliance und Corporate Social Responsibility die Rede. „Dabei geht es nicht darum, anderen Ländern unseren Weg aufzuzwingen“, sagt Ethikexperte Lütge. Werte des Unternehmens müssten aber „überall auf der Welt“ gelebt werden. Ein Beispiel: Ein deutscher Unternehmer in Saudi-Arabien wird kaum das Burkagebot für Frauen aushebeln können. Aber er kann sie unterstützen, indem er wie zu Hause auch Frauen einstellt – selbst wenn das wegen diverser Vorschriften zur Geschlechtertrennung organisatorische und bürokratische Hürden mit sich bringen sollte.

Die Lieferkette lässt sich nicht lückenlos kontrollieren

Markt und Moral miteinander versöhnen will auch Ghassan Arab. Der Düsseldorfer stellt mit seiner Multiline Group weltweit Kleidung her. Täglich 500.000 T-Shirts, Hosen, Hemden. Jetzt plant er eine Revolution. Es geht um den Anfang vom Ende der Kinderarbeit, der sozialen und ökologischen Verwerfungen in einer Branche, in der es lange nur darum ging, möglichst billig Kleidung auf den Markt zu werfen. Arab plant eine Textilfabrik nach deutschen Standards. Für 200 Mio. Euro will er zwölf Hallen bauen für 10.000 Mitarbeiter, samt Schulen und Sportstätten. Wo? In Bangladesch, dem Zentrum der Textilproduktion. Hinter den Plänen steht die Einsicht, dass sich die Lieferkette nicht lückenlos kontrollieren lässt. Deshalb investiert er in bessere Arbeitsbedingungen, Löhne und ein lebenswertes Umfeld.

In gewisser Weise geht es darum, nicht nur Produkte in alle Welt zu exportieren, sondern auch die Stärken der sozialen Marktwirtschaft. „In den letzten zehn bis 20 Jahren hat sich da viel getan“, sagt Ethikprofessor Suchanek. Die Unternehmer beginnen umzudenken. „Das kann man als den Versuch interpretieren, Vertrauen zu erhalten. Denn ich bin als Unternehmen darauf angewiesen, dass mir meine Kunden vertrauen. Sonst wandern sie ab.“

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