Management Jeff Bezos: Wir entscheiden, wer wir sind

Amazon-Gründer Jeff Bezos

Amazon-Gründer Jeff Bezos© Amazon

Unternehmer brauchen zum Erfolg nicht nur Talent und einen scharfen Verstand. Sie müssten lernen, im richtigen Augenblick zu handeln – oder zu schweigen: 2010 erklärte Amazon-Gründer Jeff Bezos Princeton-Absolventen, was für ihn einen guten Unternehmer ausmacht. Hier finden Sie die Rede zum Nachlesen.

Als Kind verbrachte ich die Sommerferien auf der Ranch meiner Großeltern in Texas. Ich reparierte mit ihnen Windräder, impfte die Rinder und half bei anderen Arbeiten. Jeden Nachmittag sahen wir uns gemeinsam Seifenopern an, vor allem „Zeit der Sehnsucht“ („Days of Our Lives“). Meine Großeltern gehörten einem Caravan-Klub an, einer Gruppe von Leuten, die mit ihren Airstream-Wohnwagen gemeinsam die USA und Kanada bereisten. Alle paar Sommer schlossen wir uns dieser Karawane an. Wir koppelten den Airstream-Wohnwagen ans Auto meines Großvaters – und ab ging die Post in einer Schlange mit 300 anderen Airstream-Abenteurern. Ich liebte und verehrte meine Großeltern, und ich freute mich immer riesig auf diese Reisen.

An eine Reise erinnere ich mich besonders, ich war etwa zehn Jahre alt. Ich breitete mich auf der großen Rückbank im Fond des Autos aus. Mein Großvater saß am Lenkrad, meine Großmutter auf dem Beifahrersitz. Während dieser Reisen rauchte sie in einem fort, und der Geruch ekelte mich.

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In diesem Alter nutzte ich jede Gelegenheit, um Schätzungen anzustellen und kleine Rechenaufgaben zu lösen. Ich berechnete unseren Benzinverbrauch oder erstellte unnütze Statistiken über Dinge wie Ausgaben für Lebensmittel. Ich hatte vorher eine Werbekampagne gegen das Rauchen gehört. An Einzelheiten erinnere ich mich nicht mehr genau, aber im Grunde besagte die Werbung, dass sich mit jedem Zug an einer Zigarette das Leben um soundso viele Minuten verkürze. Ich glaube, es waren zwei Minuten pro Zug. Auf jeden Fall fing ich an, das Ganze für meine Großmutter zu berechnen. Ich schätzte die Anzahl der Zigaretten, die sie pro Tag rauchte, schätzte die Anzahl der Züge pro Zigarette und so weiter. Als ich schließlich überzeugt war, eine vernünftige Zahl errechnet zu haben, streckte ich meinen Kopf nach vorn, tippte meiner Großmutter auf die Schulter und verkündete stolz: „Bei zwei Minuten pro Zug hast du dein Leben um neun Jahre verkürzt!“

Was dann geschah, hat sich in meine Erinnerung eingebrannt. Es war nicht das, was ich erwartet hatte. Ich hatte damit gerechnet, dass man mich für meine Klugheit und meine Rechenfähigkeiten loben würde. „Jeff, du bist so klug. Du musst ja ganz vertrackte Schätzungen angestellt haben, du hast die Anzahl Minuten in einem Jahr errechnet und sogar ein paar Bruchrechnungen gelöst.“ Doch das geschah nicht. Stattdessen brach meine Großmutter in Tränen aus. Ich saß auf der Rückbank und wusste nicht, was ich tun sollte. Während meine Großmutter vor sich hin weinte, hielt mein Großvater, der die ganze Zeit schweigend weitergefahren war, das Auto auf dem Seitenstreifen an. Er stieg aus, ging ums Auto herum, öffnete meine Tür und wartete darauf, dass ich ebenfalls ausstieg. Würde ich jetzt Ärger bekommen?

Mein Großvater war ein hochintelligenter, schweigsamer Mann. Noch nie hatte er ein strenges Wort an mich gerichtet, ob das nun das erste Mal war? Oder würde er mich vielleicht auffordern, wieder ins Auto zu steigen und mich bei meiner Großmutter zu entschuldigen? Auf diesem Gebiet hatte ich keinerlei Erfahrung mit meinen Großeltern, konnte nicht abschätzen, wie die Konsequenzen aussehen könnten. Wir blieben neben dem Wohnwagen stehen. Mein Großvater schaute mir in die Augen, und nachdem er eine Weile geschwiegen hatte, sagte er auf sanfte und ruhige Art: „Jeff, eines Tages wirst du verstehen, dass es schwieriger ist, gütig zu sein als klug.“

Klugheit ist eine Gabe

Es gibt einen Unterschied zwischen Talent und Entscheidungen. Klugheit ist eine Gabe, Güte eine Entscheidung. Talente sind unproblematisch, sie werden einem geschenkt. Entscheidungen können schwierig sein. Ist man nicht vorsichtig, kann man sich mit den eigenen Talenten selbst verführen. Passiert das, ist es wahrscheinlich für die Entscheidungen, die man trifft, von Nachteil.

Intelligenz ist von Nutzen, wenn man das Wunderland des Unternehmertums bereist. Wir Menschen – harte Arbeiter, die wir sind – erstaunen uns selbst. Wir erfinden Möglichkeiten, umweltfreundliche Energie zu erzeugen, und gleich eine ganze Menge davon. Atom für Atom fügen wir winzige Maschinen zusammen, die in Zellwände eindringen und dort Reparaturen durchführen. Vor Kurzem erreichte uns die außergewöhnliche, aber wohl zwangsläufige Nachricht, dass wir künstliches Leben erschaffen haben. In den kommenden Jahren werden wir es nicht nur weiter erschaffen, sondern auch nach präzisen Maßgaben konstruieren. Wir werden sogar erleben, dass wir das menschliche Gehirn verstehen lernen. Jules Verne, Mark Twain, Galilei, Newton – all die Neugierigen vergangener Zeiten hätten wohl gern heute gelebt. Als Zivilisation verfügen wir über viele Gaben.

Aber sind wir stolz auf unsere Gaben oder auf unsere Entscheidungen?

Die Idee zur Gründung von Amazon kam mir vor 16 Jahren. Ich hatte erfahren, dass die Internetnutzung jährlich um 2300 Prozent zulegte, niemals zuvor hatte ich von etwas gehört, das so schnell wächst. Mich begeisterte der Gedanke, einen Online-Buchladen aufzubauen, in dem Millionen Titel erhältlich sind – also etwas, was in der physischen Welt eigentlich nicht möglich ist.

Man riet mir, es zu wagen

Ich war gerade 30 Jahre alt geworden und seit einem Jahr verheiratet. Ich erzählte meiner Frau MacKenzie, dass ich meine Arbeit aufgeben und stattdessen was Verrücktes beginnen wollte, was wahrscheinlich gar nicht klappen würde, weil die meisten Startup-Unternehmen scheitern, und überhaupt war ich mir nicht sicher, was dann geschehen sollte. MacKenzie riet mir, es zu wagen.

Als kleiner Junge war ich ein Erfinder. Ich erfand eine automatische Torschließvorrichtung aus mit Zement gefüllten Reifen, einen nicht sehr gut funktionierenden Solarherd aus einem Regenschirm und Aluminiumfolie sowie einen Backblech-Alarm, mit dem ich meine Geschwister hereinlegte. Ich hatte immer davon geträumt, ein Erfinder zu sein, und MacKenzie wollte, dass ich meiner Leidenschaft folge.

Ich arbeitete danach bei einer Finanzfirma in New York mit einer Reihe sehr intelligenter Menschen. Ich hatte auch einen hochintelligenten Chef, den ich sehr bewunderte. Ich ging zu ihm und erzählte ihm, dass ich ein Unternehmen gründen wollte, das Bücher über das Internet verkauft. Wir unternahmen einen langen Spaziergang im Central Park, er hörte mir aufmerksam zu und sagte schließlich: „Die Idee klingt wirklich gut, sie wäre aber noch besser für jemanden, der nicht bereits einen guten Job hat.“ Diese Logik leuchtete mir irgendwie ein, und er überredete mich, 48 Stunden darüber nachzudenken, bevor ich eine endgültige Entscheidung fällte.

Mit 80 wird das Leben Sinn ergeben

Es war wirklich eine schwierige Entscheidung. Letzten Endes kam ich aber zu dem Schluss, dass ich einen Versuch wagen musste. Ich dachte nicht, dass ich es bereuen würde, den Versuch unternommen zu haben und gescheitert zu sein. Hätte ich es nicht versucht, hätte mich das später immer wieder verfolgt. Nach vielem Hin- und Herüberlegen wählte ich den weniger sicheren Weg und folgte meiner Leidenschaft. Und ich bin stolz auf diese Entscheidung.

Wie nutzen Sie Ihre Gaben? Welche Entscheidungen treffen Sie? Lassen Sie sich von Trägheit leiten, oder folgen Sie Ihren Leidenschaften? Folgen Sie Standards, oder gehen Sie eigene Wege? Wählen Sie ein ruhiges Leben oder Aktivität und Abenteuer? Knicken Sie unter Kritik ein, oder bleiben Sie Ihren Überzeugungen treu? Vertuschen Sie Fehler, oder entschuldigen Sie sich dafür? Schützen Sie Ihr Herz vor Zurückweisung, oder gehen Sie aufs Ganze, wenn Sie sich verlieben? Gehen Sie auf Nummer sicher, oder sind Sie eher verwegen? Geben Sie auf, wenn es hart auf hart kommt, oder bleiben Sie dran? Sind Sie ein Zyniker? Oder konstruktiv? Demonstrieren Sie Intelligenz auf Kosten anderer, oder sind Sie gütig?

Ich wage eine Prognose: Wenn Sie 80 Jahre alt sind und in einer ruhigen Minute einmal Ihre ganz persönliche Geschichte rekapitulieren, wird Ihr Leben für Sie am meisten Sinn ergeben, wenn Sie sich die Kette der Entscheidungen vergegenwärtigen, die Sie getroffen haben. Letztlich sind es die Entscheidungen, die bestimmen, wer wir sind. Schaffen Sie sich also Ihre eigene Geschichte.

Jeff Bezos
Jeff Bezos, 46, gründete Mitte der 90er-Jahre den Onlineversandhändler Amazon, der 2012 weltweit fast 61 Mrd. Dollar umsetzte. Im August 2013 kaufte Bezos die Tageszeitung „Washington Post“. Bei diesem Text handelt es sich um die leicht gekürzte Fassung einer Rede vor Absolventen der amerikanischen Elite-Universität Princeton in 2010. Er selbst hatte dort in den 80er-Jahren Elektrotechnik und Informatik studiert.

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