Management Zeitensprung

Die Uhrenmarke Junghans kennt fast jeder Deutsche, doch wofür sie steht, geriet in Vergessenheit. Nach Niedergang und Neustart dreht sich nun alles um das Comeback: Wie belebt man eine Marke?

Schramberg im Schwarzwald. Noch bevor das Ortseingangsschild passiert ist, fällt der Blick von der Serpentinenstraße ins Tal auf eine Häuserwand, die herausragt aus der Idylle. Auf ganzer Breite und Höhe prangen darauf eine Junghans-Uhr und der Slogan „Aus Schramberg in die ganze Welt“. Das war einmal. Damals, als jeder wusste, wofür Junghans steht.

So soll es wieder werden. Der Mann, der das bewerkstelligen soll, heißt Matthias Stotz. Er trägt zwei Krücken und zwei Armbanduhren. Die Krücken wegen eines Skiunfalls, die Uhren aus Überzeugung. Der Uhrmacher in vierter Generation steuert das Comeback der Marke Junghans. Neben Stotz steht sein Chef, Hannes Steim. Er und sein Vater Hans-Jochem haben Junghans 2009 aus der Insolvenz herausgekauft. Sie wollten Junghans nicht einfach sterben lassen. „Klassenkameraden haben bei Junghans ihre Uhrmacherlehre gemacht“, erinnert sich Hannes Steim. Die beiden Retter sind Unternehmer aus der Nachbarschaft: Ihre Kern-Liebers-Gruppe ist Weltmarktführer für Präzisionsfedern.

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Der junge Steim und Geschäftsführer Stotz stehen an diesem Wintertag 40 Unternehmern Rede und Antwort. Es ist das zweite Netzwerktreffen, das impulse exklusiv für seine Leser anbietet.
„Woher wissen Sie, was den Leuten gefällt?“, will ein Unternehmer wissen, als die Gruppe ins Allerheiligste vordringt und neben dem Schreibtisch von Hans Grammel haltmacht. Der Konstrukteur gestaltet gerade ein Ziffernblatt, andere kümmern sich um die Gestaltung der Gehäuse. „Schlichte Uhren sind am schwierigsten“, sagt er. „Knalliges kann jeder
zeichnen.“ In der Manufaktur selbst, wo Federn und Rädchen gesetzt und geschraubt werden,
sieht es aus wie in einer Chipfabrik. Ohne Schutzkleidung ist der Zutritt verboten. Konzentriert
arbeiten die Uhrmacher hinter der Glaswand an ihren Meisterstücken.

Eine Marke kann zwar nicht pleitegehen, aber ruiniert werden. Sie ist ja nichts anderes als ein Bild, das im Kopf des Konsumenten entsteht. Bei Junghans verschwamm dieses Bild, nachdem der Uhrenbauer über Umwege unter dem Dach des Modekonzerns Egana Goldpfeil
gelandet war. „Die wussten nicht so recht, was sie mit Junghans anfangen sollten“, erinnert
sich Stotz. Plötzlich gab es Junghans-Wecker für 9,90 Euro. Klar, dass die komplett in Fernost
gefertigt wurden, von wegen „Made in Germany“. Stotz’ Vorgänger hatte das Gegenteil
versucht, er wollte Junghans mit Preisen ab 2000 Euro ins Luxussegment hieven. „Da wussten
Händler und Kunden kaum noch, wofür Junghans eigentlich steht.“

Hannes Steim ging das ähnlich, als sein Vater und er Kapital in die Uhrenfabrik steckten. Das
diffuse Bild der Marke sollte wieder geschärft werden, auch mit Werbung. „Junghans – die deutsche Uhr“ lautet der neue Claim. Die Produktion ist wieder in Deutschland, von den ersten
Entwürfen bis zur Qualitätskontrolle. Auch wenn es ohne Zulieferer aus Asien nicht geht,
laufen die Fäden in Schramberg zusammen. „Deutsche Qualitätsarbeit zu einem guten Preis-
Leistungs-Verhältnis“, beschreibt Stotz das Markenversprechen: keine Discount-, aber auch
keine Mondpreise. Der Turnaround ist gelungen. Nach eigenen Angaben arbeitet Junghans
wieder profitabel, im vergangenen Jahr wurden 20 Mio. Euro umgesetzt.

Bei der Diskussion im historischen Junghans-Speisesaal gehen die Unternehmer ins Detail:
„Was ist mit Uhren für Frauen?“, fragt eine Teilnehmerin. „Vermarkten Sie die Uhr doch als Kapitalanlage!“, schlägt ein anderer vor. Schließlich liege der Marktwert einiger Klassiker deutlich
höher als der einstige Kaufpreis. Auf die Frage, ob die Uhr angesichts von Smartphones überhaupt eine Zukunft habe, zögert Steim keine Sekunde. „Na klar! Uhren sind doch das
einzige Schmuckstück, mit dem sich ein Mann selbst belohnen kann!“

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