Management Zum Haare schneiden nach London

Firmen sollten viel öfter Auszubildende zu einem Praktikum ins Ausland schicken. EU, Bundesregierung und Kammern bieten reichlich Förderprogramme an.

Wer im Friseurgeschäft Rocksthaar in Magdeburg arbeitet, hat mit Dauerwelle und Kurzhaarschnitt noch längst nicht ausgelernt. Im Salon von Promifriseur Sebastian Böhm müssen die Mitarbeiter Frisuren beherrschen, nach denen man sich auf der Straße umdreht. Der Salon hat seine zwei Auszubildenden deshalb im Sommer für vier Wochen nach London geschickt, der Hauptstadt der schrägen Trends.

„In London lernt man ganz andere Schnitt- und Farbtechniken als hier“, sagt Ausbilderin Jessica Lampe. Mit dem Ergebnis des Praktikums ist sie sehr zufrieden. „Die beiden haben neue Ideen und Techniken aus England mitgebracht und außerdem ihr Englisch verbessert.“

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Die Rocksthaar-Azubis sind die Ausnahme, nicht die Regel. In den Jahren 2007 bis 2009 gingen im Schnitt gerade einmal drei Prozent eines Ausbildungsjahrgangs für Praktika oder andere Fortbildungsmaßnahmen ins Ausland, zeigt eine Studie der Nationalen Agentur Bildung für Europa. „Vielen Menschen ist überhaupt nicht bewusst, dass auch Azubis ins Ausland gehen können“, sagt Jacqueline März, Referentin für Mobilitätsberatung beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Vor allem in kleinen Unternehmen fehlt es zudem oft an Zeit, Geld und Personal, um für Mitarbeiter einen Auslandsaufenthalt zu organisieren.

Nach dem Willen von Politik und Wirtschaft sollen Azubis indes häufiger in die Ferne schweifen. Programme unter Beteiligung von EU, Ländern oder Handwerks- sowie Industrie- und Handelskammern helfen Unternehmen dabei, Auslandspraktika zu organisieren und zu finanzieren. Auch Rocksthaar-Ausbilderin Lampe hat den Aufenthalt ihrer Schützlinge nicht allein in die Wege geleitet, sondern mithilfe eines Mobilitätscoachs.

Die Berater klären kleine und mittelständische Unternehmen im Auftrag der Kammern über die Möglichkeit eines Auslandsaufenthalts für Azubis auf. Sie helfen, den Papierberg rund um den Aufenthalt zu bewältigen. Ein Berater unterstützte Lampe unter anderem dabei, die Bewerbungen für die Londoner Praktikumsplätze zu verfassen. Berufsbildung ohne Grenzen heißt das 2009 ins Leben gerufene Beraterprojekt. Das Geld dafür stammt zu 80 Prozent vom Bundesarbeitsministerium und aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds, zu 20 Prozent von den Kammern selbst.

Die Berater helfen auch bei der Finanzierung von Auslandsaufenthalten, indem sie Unternehmen Projekte aufzeigen, die solche Aufenthalte finanziell unterstützen. Im Fall von Rocksthaar war es das Projekt Azubi-Mobil in Trägerschaft der IHK Ostbrandenburg. Es unterstützt Auslandspraktika mit Geld aus dem EU-Programm Leonardo da Vinci für berufliche Aus- und Weiterbildung. Friseurin Lampe konnte ihren Azubis damit für die Dauer des London-Aufenthalts die Unterkunft in einem Hostel zahlen.

Mithilfe der Mobilitätsberater sind im vergangenen Jahr rund 1500 deutsche Azubis im Schnitt für jeweils vier Wochen ins Ausland gegangen. „In diesem Jahr rechnen wir mit deutlich mehr“, sagt DIHK-Frau März. Der Gang in die Fremde soll Azubis sowohl fachlich als auch persönlich reifen lassen. Auszubildende sind oft jünger als Studenten im Auslandssemester, das Durchschnittsalter bei Abschluss eines Ausbildungsvertrags liegt bei 19,5 Jahren.

Viele Lehrlinge wohnen noch bei ihren Eltern. Ein Auslandspraktikum bedeutet für sie oft den ersten längeren Aufenthalt allein in der Fremde. Neben Flexibilität, Selbstständigkeit und Fremdsprachenkompetenz sollen sie in ihren Praktikumsbetrieben Fachkenntnisse erwerben und neue Methoden sowie Arbeitsabläufe kennenlernen. Bäckerlehrlinge gehen deshalb besonders häufig nach Frankreich oder Italien, in die Länder von Croissant und Ciabatta. Bootsbauern raten die Mobilitätscoachs zu einem Aufenthalt in Skandinavien. Angehende Stuckateure, Fliesenleger und Restaurateure sind dagegen mit einem Praktikum in Polen gut bedient, wo diese Handwerkszweige eine lange und lebendige Tradition besitzen.

Unternehmen profitieren nicht nur von den neuen Fachkenntnissen ihrer Azubis, sondern werben mit Auslandspraktika auch um Nachwuchsfachkräfte. „Auslandsaufenthalte bieten echten Mehrwert für Ausbildungsbetriebe“, sagt Sindy Petzoldt vom Team des Projekts Azubi-Mobil. Die Beratungs- und Förderprogramme kommen vor allem kleineren Unternehmen zugute.

Sie können im Gegensatz zu vielen großen Firmen meist nicht auf ein Netz von Auslandsfilialen und internationalen Partnern zurückgreifen. Ein Problem können die Förderprogramme allerdings nicht lösen: In vielen Firmen sind Azubis für die Arbeit fest eingeplant. „Sie arbeiten oft voll mit und können nicht so einfach freigestellt werden“, sagt der Düsseldorfer Unternehmensberater Meinolf Schürholz.

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