Nikolaus Förster Blick in die Hölle. Und auf handsignierte Magazine: Wie läuft der impulse-Vertrieb?

Ich habe gestern die Hölle gesehen. Zumindest das, was Stephan Hiller, der Chef des Hamburger Pressegrossisten PVN, so nennt. Ein graues Transportband (siehe Foto) führt direkt hinauf zu ihr …

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… dorthin, wo drei große, sehr große Container auf neue Ladung warten. Tag für Tag werden sie mit Altpapier gefüllt, mit Zeitschriften, die am Kiosk keiner haben wollte. Die Remissionsquoten – also der Anteil der Hefte, die keiner kauft und von den Händlern zurückgegeben werden – liegen oft bei 50 Prozent, bei Wirtschaftstiteln, auch bei impulse, meist sehr viel höher. Tonnenweise Papier werden hier weggekippt und dann entsorgt.

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Ein bisschen kommt man sich hier vor wie in einer Schlachterei – beim Grossisten, dort, wo sonst kaum jemand vorbeischaut. All die Inhalte, die recherchiert, geschrieben, gedruckt, gelobt, kritisiert wurden – hier sind sie nur noch Abfall. Altpapier. Eine Masse an Papier. Wer noch einen letzten Zweifel daran hegt, wie stark die Digitalisierung unseren Alltag künftig weiter  verändern wird, sollte hier mal vorbeischauen, in der großen Halle in der Schnackenburgallee, am Rande Hamburgs.

Für mich ist es der Schlusspunkt eines Tages, an dem ich mir vogen0mmen hatten, unseren Vertrieb besser kennen zu lernen. Wie, bitte sehr, schafft man es, mehr Hefte an Kiosken, im Bahnhofsbuchhandel und in Supermärkten zu verkaufen? Ich bin  Praktikant, für einen Tag.

Der Mann, dem ich heute auf Schritt und Tritt folge, von einem Einkaufszentrum zum nächsten, rein ins Parkhaus und wieder raus, heißt Manfred Radssat. Er ist seit vielen Jahren Außendienstler beim Deutschen Pressevertrieb, http://www.dpv.de), der sich auch um impulse kümmert. Auch wenn er auf dem Foto etwas verloren dasteht, Manfred Radssat weiß genau, wo er hinwill.

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Der Außendienstler hat einen detaillierten Tagesplan, eine feste Route. Heute will er den Händlern erklären, dass sie die Capital (das Magazin mit der Geschlechtsumwandlung) doch bitte prominenter platzieren sollten. Damit hat er alle Hände voll zu tun, in der linken hält er seine Unterlagen, in der rechten ein großes Capital-Plakat, über das sich nicht jeder Kiosk-Besitzer („Kein Platz, tut mir leid.“) freut. Auch hat er noch Kartons mit Gewinnspielen, T-Shirts, Erklärtexten dabei – und einen aufklappbaren Karton-Ständer, mit dem sich die Hefte noch besser platzieren lassen.  Radssat muss die Händler für sich gewinnen – auch wenn die eigentlich keinen Sinn dafür haben, weil sie hunderte Titel führen. Und kaum noch wissen, wohin mit all dem Papier.

„… und heute habe ich noch einen Gast dabei, den Chefredakteur und Inhaber von impulse“, sagt Radssat, wenn er die Händler begrüßt. Freundliches Nicken. Manchmal auch Stirnrunzeln. Ich werde kurz gemustert. Impulse? Scheint kein Bestseller zu sein. Bei der ersten Station treffen wir auf einen Valora-Angestellten. Unternehmer will er nicht werden, sagt er. Er fände es schön, angestellt zu sein. Auch das Franchise-System von Valora (http://www.valoraretail.de/de/franchise/) kann ich ihm nicht schmackhaft machen. „Das sollen andere machen.“ In einem Supermarkt finden wir impulse zwischen GQ und der „Szene Hamburg“ – von Capital keine Spur. Und die Chefin will nicht mit uns reden. In einer Thalia-Filiale gibt es impulse nicht. „Ein Renner ist aber die Hitler-Satire ‚Er ist wieder da'“, verrät mir die Verkäuferin. Ein anderer Händler hat noch die Mai-Ausgaben von impulse im Regal, die Herr Radssat (siehe Foto) schnell wegräumt und dann wieder zurücklegt – weil die Juni-Hefte, die sich in dem großen Papierstapel neben der Kasse verstecken könnten, noch gar nicht ausgepackt wurden. Keine Zeit.

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Irgendwann landen wir im EKZ Hamburger Meile, in einem Camel-Shop. Als ich dem Mann hinter der Kasse erkläre, wer ich bin, was ich mache und ich ihm das Editorial mit meinem Foto zeige, sagt er: „Warum signieren Sie Ihre Hefte nicht?“ Ja, warum eigentlich nicht? Zwei Hefte liegen noch im Regal – wobei das „noch“ wahrscheinlich übertrieben ist; ich vermute, es wurden ohnehin nur zwei Hefte geliefert.

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Also, liebe impulse-Leser, wer noch kein Exemplar hat, dem empfehle ich den Camel-Shop im EKZ Hamburger Meile (Hamburger Straße 49, Hamburg-Barmbek Süd). Was wird der Händler für Augen machen, wenn jemand vorbeikommt und nach einem handsignierten Exemplar fragt!

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6 Kommentare
  • Benedikt Marold 16. Juni 2014 21:16

    Ich finde die Idee von Roland Schopp sehr gut. Anstat die nicht vekauften Hefte in den Container zu werfen, sollten sie an Schüler kostenlos verteilt werden. Wichtig ist allerdings das man die richtige Zielgruppe anspricht (z. B. Wirtschaftsschulen etc.)
    Oder sogar an Mittelständische Unternehmen kostenlos verteilt.
    Damit kann sich der vermeintliche „Verlust“ in „Gewinn“ wandeln.

  • Andreas Frank 7. Juni 2013 12:31

    Ich schiebe die Impulse bei uns am Bahnhofskiosk immer etwas nach vorne. 🙂

  • Danke für diesen Artikel. Ich finde es große Klasse, dass Sie sich mit den Untiefen des Pressevertriebs auseinandersetzen. Was war denn ihre wichtigste Erkenntnis?

    • Nikolaus Förster 12. Juni 2013 04:56

      Die wichtigste Erkenntnis? Dass es höchste Zeit ist, sich verstärkt um Marketing zu kümmern, so dass Kunden am Kiosk und im Bahnhofsbuchhandel gezielt nach „impulse“ fragen. Und um digitale Vertriebskanäle. Denn auf Dauer wird solch ein System – mit diesen gewaltigen Remissionen – nicht bestehen.

  • Andreas R. J. Schnee-Gronauer 4. Juni 2013 09:30

    Ich will auch ein signiertes Heft. Vielleicht mit der nächsten Abo-Lieferung 😉

  • Roland Schopp 2. Juni 2013 23:04

    Vielleicht ist es besser, die Hefte an Schulen zu verschenken, statt diese zu schreddern. Wir brauchen ja mehr Unternehmertum in Deutschland. Da wäre „Impulse“ an den Schulen doch ein guter Anfang.

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